heute noch nicht da , so hüpft der Klaus wie ein Affe dem Veit auf die Achseln , reitet auf dessen Nacken und ruft : » Esel , wer reitet ? « » Einer über dem andern . « So treiben sie es . Dann verzehren sie ihre Mehlfuchsen und mit dem Pfannenruß streichen sie sich Schnurrbärte an . Nach einem Schnurrbart geht ihr Sinn , und ein Mägdlein möchten sie küssen , weil das - nach dem Sprichwort - den Bartwuchs fördert . - Der alte Rüpel könnt ' aus seinem Bart Silbersaiten spinnen für die Harfe . Heute ist der Alte noch nicht da ; hat ihn etwan doch der Spaß am Morgen verdrossen ? - Die Burschen mögen davon nicht reden . Eine gelinde Reue verspüren sie , und ein Stück Mehlfuchs tun sie in eine Holzschüssel und tragen die Holzschüssel auf den Heuboden und stellen sie auf die Lagerstätte des Alten . Dabei faßt sie schon wieder der Schalk ; sie verrammeln das Lager mit Rechen und Heustangen . - Und nun wird der Alte kommen und sich die Rase anrennen und rechtschaffen brummen und zuletzt auf den Mehlfuchs stoßen . Und der Mehlfuchs wird ihn für alles versöhnen . Die Burschen haben in derselbigen Nacht prächtig geschlafen . Und als sie erwachen , sind in den Wandfugen schon die goldenen Saiten des Morgens gezogen . Das Lager des Alten aber und das Mehlgericht ist noch unversehrt und verrammelt mit Rechen und Heustangen . Der Klaus geht zu der Herde ; der Veit geht in das Freie . Und das ist heute wiederum eine Morgenfrühe ! Frisch und klar und tauig die Almen und Wälder , der Himmel reingeküßt von der Morgenluft . Und hoch auf den Zinnen des nahen Felsgewändes leuchtet die Sonne . Ein Vöglein wirbelt übermütig auf dem Giebel der Hütte , und der Brunnen plätschert emsig in den Trog . Der Veit geht zum Brunnen . Die Älpler waschen sich des Morgens Hände und Gesicht so gerne am kalten Quell . Das schwemmt alle Schläfrigkeit hinweg und macht Auge und Herz heiter - heiter wie der junge Tag . Veit kraut mit den Fingern emsig sein wirres Haar zurecht und hält die beiden Hände unter die sprudelnde Rinne . Wohl tut die rieselnde Kühle , Veit ! Aber da spinnt sich im Wässerlein heran ein blutroter Faden und er schwimmt und schlingelt und ringelt sich in der hohlen Hand . Erschrocken zieht der Bursch die Arme zurück und starrt in die Rinne , auf der ein zweites , drittes Fädchen und Fäserchen heranschwimmt , und er starrt in den Trog , wo die Fädchen und Fasern sich winden und einigen und teilen und lösen . Veit eilt in den Stall : » Klaus , komm ' , es sind heut ' so Dinger im Wasser ! « Klaus kommt und sieht und sagt halblaut : » Das ist Blut ! « » So ist da oben eine Gemse ins Bächl gestürzt , « versetzt Veit . » Aber , daß der Rüpel nicht da ist ! « sagt der Klaus , und ein wenig später setzt er bei : » der tät ' s leicht kennen , ob es Gemsenblut kann sein . « Der Veit ist blaß ; » Klaus , « sagt er , » steig ' mit hinauf in die Schlucht ! « Sie sind dem Wässerlein entlang gegangen ; es rieselt wieder klar . Tiefer und tiefer steigt die Sonne nieder an den stillen Felsen ; höher und höher und mit jedem Schritte hastiger steigen die beiden Burschen empor und zwängen sich durch enge Schluchten , wie sie das Wasser in wildem Wettertoben gerissen , oder in ruhigem Zeitlaufe gehöhlt hat . Die Burschen sagen kein Wort zu einander , sie winden sich durch taunasses Himbeergesträuche und Knieholz ; sie klettern an den schroffen Wänden hin ; sie hören ein Rauschen . Sie kommen der Stelle nahe , wo das Wasser wie ein Goldband über die sonnige Wand stürzt . » Da ist ein Strohhalm , « sagt der Klaus jählings . Es sind zwei aneinandergeknüpfte Halme . Und daneben liegt der Reifen aus Tannengeäste . An den Gestrüppen des Hanges hängt mancher Halm zerrissen und zerknittert , und darunter in der Tiefe des Grundes - In der Tiefe ist der alte Mann gelegen . Der Kopf ist zerschmettert ; in der linken Hand hält er starr gepreßt den Zweig eines Alpenrosenstrauches . Über die Rechte rieselt das Wasser . So haben sie ihn gefunden . Wer kann es sagen , wie der alte Mann verunglückt ist ? Etwan hat er da oben nach dem Golde des Alpenglühens gefahndet , auf daß er sich eine neue , goldene Harfe erwerbe . Und da ist der mühselige Greis gestürzt . Noch im Fallen hat er sich halten wollen am Rosenstrauche , dessen Zweig mit einem glühenden Röslein ihm in der Hand geblieben . - Und das ist des Waldsängers Ende . An diesem Fronleichnamsfeste haben wir ihn in die Erde gelegt . Gar viel Leute sind nicht dabei gewesen . Aber die Waldvögel auf den Wipfeln des Schachens haben ihrem Sangesbruder ein helles Schlummerlied gesungen . So arm hat keiner geschienen in den Winkelwäldern als dieser Mann , und so reich ist keiner gewesen . Das allwaltende , allumfassende und unfaßbare heilige Sängertum des Volkes hat in diesem Manne seine Verkörperung gefunden . Auf Vater Paulus ' Grab steht ein Kreuz aus dem Holze einer uralten Tanne . Auf des Sängers Hügel pflanze ich einen jungen Baum . Juli 1832 . Mit den Jodelbuben haben wir ein Elend . Sie wollen oben in der Almhütte nicht mehr bleiben ; sie sollen in den Nächten immer Klopfen und Stöhnen auf dem Heuboden vernehmen . Mitten im Sommer muß der Kropfjodel abtreiben und die Hütte sperren . Der Veit will sich an keiner Quelle mehr waschen . Er sieht in jedem Brunnen Blutstropfen , die sich anklagend an seine Hand wollen