welcher bloß die Hauptaktionen Schlag auf Schlag in hinlänglicher Breite geschildert werden , während man die dazwischenliegende Ausfüllung , die still umwandelnde Arbeit der Zeit nur oberflächlich streift , da denkt man sich leicht die Personen unverändert in dem innerlichen Verhältnis , in welchem sie bei der letzten Szene zueinander gestanden haben . Und so könntet auch Ihr , junge lebhafte Menschen , wohl wähnen , daß ich den alten Bekannten mit den alten , leidenschaftlichen Empfindungen oder mit dem Herzklopfen der Schuld entgegenging . Aber siebenundzwanzig Jahre waren vergangen , seit ich Dorotheens Heirat erfuhr , wie manches Menschenleben spinnt sich in diesem Zeitraume ab , von der Wiege bis zum Grabe ! Und wenn ich in demselben auch keiner hervortretenden gemütlichen Wendepunkte zu erwähnen hatte : eine gänzlich veränderte Lebensstellung , eine große , stark empfundene Weltepoche , Nachdenken und umfassende Tätigkeit hatten mich zu einer anderen , die Menschen von einst mir zu Fremden gemacht . Ich würde heute Siegmund Faber ohne Verlegenheit gegenübergetreten sein und ihm erforderlichenfalls Rede gestanden , mit Dorotheen aber die Lage der Dinge gelassen , unter Berücksichtigung ihrer Natur und Stellung , besprochen haben . Ja , wie ich so im Abenddunkel die Flucht der Straßen entlang schritt , da kam mir wiederholt der Zweifel , ob meine erste Entscheidung über das Schicksal ihres Sohnes nicht die richtige gewesen sei : ob der Totgewähnte nicht ein Toter für sie hätte bleiben sollen ? Indessen der Affekt hatte mich einmal zu dieser Erweckung des Mutterherzens getrieben , und wir sind ja so leicht geneigt , hinter derlei persönlichen Eingebungen eine ahnungsvolle Fügung vorauszusetzen . Jedenfalls konnte die Stimmung für meine Botschaft geprüft und eine fernere Maßregel mir überlassen bleiben . Als ich mich dem Faberschen Hause näherte , fand ich das Straßenpflaster mit Stroh belegt , und bemerkte , daß die Vorübergehenden gruppenweise zusammentraten oder mit Neugier nach dem matterleuchteten ersten Stockwerk deuteten . Auch einige unzusammenhängende Bemerkungen fing ich im Vorübergehen auf . » Hier aus diesem Fenster ! - Der Mann kam dazu , der arme Mann ! « Die Haustür war unverschlossen , die Treppe leer , aber dicht mit Teppichen belegt ; alles still . Erst am Ausgange derselben harrte ein zurechtweisender Diener , und im Korridor ließ sich ein leises , geschäftiges , ängstliches Treiben beobachten . » Sie ist krank und nicht zu sprechen , « lautete die Antwort auf meine Bitte , der Frau Geheimrätin gemeldet zu werden . » Auch nicht für eine durchreisende alte Bekannte ? « » Für niemand . « » Auch morgen nicht ? « » Auch morgen nicht , « beschied der Diener , erbot sich aber , mich dem Geheimrat zu melden . Ich schwankte einen Augenblick . Der Zweck meiner Reise war verfehlt , doch hätte ich gerne über den Zustand der Kranken nähere Auskunft gehabt , die mir die sichtlich aufgeregte Dienerschaft nicht geben konnte oder wollte . Ich entschied mich indessen , den Herrn so spät am Tage nicht stören , hingegen morgen noch einmal vorfragen zu wollen , gab meine Karte ab und war im Begriff , mich zu entfernen , als ein Türvorhang mir gegenüber auseinandergeschlagen ward und Siegmund Faber mit rascher Bewegung mir entgegentrat . Fünfunddreißig Jahre hatte ich ihn nicht gesehen , und ein fremdartiger Ausdruck von Pein und Weh war seinen Zügen aufgeprägt ; dennoch würde ich , auch an jedem anderen Orte , ihn auf den ersten Blick erkannt haben . Und auch seine ausgestreckte Hand deutete an , daß er ohne Besinnen in der Matrone , die ihm unerwartet gegenüberstand , das fünfzehnjährige Mädchen wiedergefunden hatte . Der Lauf der Zeit hatte in ihm wie mir keine entfremdenden Spuren zurückgelassen ; wir waren , wie man es nennt , organisch alt geworden ; ein Vorrecht derer , die nur schwach mit dem Herzen leben . Ich folgte seinem stummen Winke in das eigene Zimmer . » Eine jammervolle Stunde , Fräulein Hardine , in der Sie mein Haus zum erstenmal betreten ! « sagte er , indem er meine Hand mit tiefer Bewegung drückte . » Hoffen Sie noch , Faber ? « fragte ich , zum voraus hoffnungslos . Er aber antwortete : » Hoffen ? Ja , ich hoffe , aber nicht auf das Leben . « Und als ich leise das Wort » Hirnfieber « nannte , da sagte er : » Wenn dem so wäre , Sie würden mich weniger ratlos finden . Nein , kein Fieber - - « Ich schnitt seine Erklärung mit einer hastigen Bewegung ab ; der Schauder in seinem Blicke hatte meine Ahnung bestätigt . Ich gedachte der Stunde , wo Dorothee mir diesen Ausgang angedeutet hatte . Wir standen eine Weile schweigend und lauschten auf die markerschütternden Töne , die aus dem Nebenzimmer drangen . » Störe ich Sie ? « fragte ich endlich . » Leider nein ! « antwortete er . » Nach außen fehlt mir die Ruhe , und da , wo ich Tag und Nacht nicht weichen möchte , darf ich nur ein verstohlener Zeuge sein . Die Unglückliche , so scheint es , sieht in mir nur den Arzt , vor dem sie sich allezeit gescheut , nicht den trostlosen Gatten , dem sie bis zum äußersten ihre Qual liebreich verheimlicht hat . « » Und wann trat dieses Äußerste ein ? « fragte ich weiter . » Das Äußerste erst gestern , « versetzte er . » Seiner Natur nach ist es ein heimtückischer , schleichender Zustand , der vielleicht schon vor unserer Vereinigung begonnen hat . Alles in allem : ein Rätsel . « Ich schwieg mit gesenktem Blick . Ich allein hätte ihm ja den Schlüssel zu diesem Rätsel reichen können . Er lud mich darauf zum Niedersitzen ein , nahm an meiner Seite Platz und schilderte mir jenen erstarrenden Krampf , der seit dem Hochzeitstage von Zeit zu Zeit das blühende Geschöpf überfallen habe . » Bisweilen « , sagte