Stunde die actenmäßige Schilderung meiner Person schwerlich gelesen ; ich hatte genug an dem mitgetheilten Publicandum . Als mir gestern Abend der Schäfer sagte : der Mann , den die Gensdarmen verfolgten , solle einen andern erschlagen haben , hatte ich das nicht einen Augenblick für baare Münze genommen . Der Mensch sah so einfältig aus , und wer weiß , dachte ich , was die Herren Gensdarmen ihm aufgebunden haben mögen , um sich wichtig und ihm bange zu machen ! Aber hier stand es mit großen , deutlichen Lettern auf dem Löschpapier des Useliner Wochenblattes , das , da sehr selten andere Zeitungen in meine Hände gekommen waren , für meinen unkritischen Jugendsinn von jeher mit einer gewissen magistralen Autorität , ich möchte sagen , mit dem Stempel der Unfehlbarkeit bekleidet gewesen war . - Des Mordes verdächtig ! War es möglich ? galt ich als der Mörder von Jochen Swart ? ich ! der ich Gott gedankt hatte , als ich den Menschen , auf den ich schoß , sehr eilig davonhinken sah ! ich , dessen einziger Trost es in all ' diesen letzten Leidenstagen gewesen war , daß trotz alledem kein Menschenleben auf meinem Gewissen laste ! Und hier schrieb man in alle Welt hinaus , daß ich ein Todtschläger , ein Mörder sei ! Das Schänkmädchen brachte das bestellte Essen und ermahnte mich , glaube ich , keine Zeit zu verlieren , da das Fährboot bald absegeln werde . Ich hörte kaum das , was sie sagte ; ich ließ das Essen unberührt und starrte noch immer in das Blatt , dessen erste Seite ich , als das Mädchen herantrat , schnell umgeschlagen hatte , als könnte mein Name , der da gedruckt war , mich verrathen . Aber da auf der zweiten Seite stand er abermals in einem Artikel , unter der Rubrik : Städtische Angelegenheiten . Der Artikel lautete so : » Gestern Abend hatte sich auf eine bisher noch unaufgeklärte Weise das Gerücht in der Stadt verbreitet , daß Georg Hartwig , dessen Name jetzt in Aller Munde ist , sich in das Haus seines Vaters geflüchtet habe und sich dort verborgen halte . Eine ungeheure Menschenmenge , die leicht aus hundert und mehr Köpfen bestehen mochte , versammelte sich in Folge dessen in der Ufergasse und verlangte stürmisch , daß ihr der jugendliche Verbrecher ausgeliefert werde . Vergebens , daß der unglückliche Vater von der Schwelle seines Hauses versicherte , daß sein Sohn nicht in seinem Hause , und daß er nicht der Mann sei , dem Gesetze Hindernisse in den Weg zu legen . Auch die energischen Bemühungen unserer braven Stadtdiener Luz und Bolljahn erwiesen sich als erfolglos ; erst der beredten Ansprache unseres würdigen Herrn Bürgermeisters , der auf die erste Nachricht des Tumultes sofort herbeigeeilt war , gelang es , die immer noch anwachsende Menge zu zerstreuen . - Wir können nicht unterlassen , unsere Mitbürger auf das Thörichte und gewissermaßen Frevelhafte eines solchen Beginnens dringend aufmerksam zu machen , wie willig wir auch einräumen , daß die in Frage stehende Angelegenheit , welche leider immer bedeutendere Dimensionen anzunehmen scheint , ganz dazu angethan ist , die Gemüther aufzuregen . Aber wir wenden uns an die Verständigen , d.h. die weitaus größere Mehrzahl unserer Mitbürger , und fragen sie : dürfen wir nicht in unsere Behörde das vollste Vertrauen setzen ? dürfen wir nicht überzeugt sein , daß unser Wohl in ihren Händen besser aufgehoben ist , als in unseren eigenen Händen ? Und was den gestrigen Fall anbetrifft , so appelliren wir noch besonders an das Zartgefühl der Gutgesinnten . Mögen sie bedenken , daß der Vater des unglücklichen Georg Hartwig einer der ehrenwerthesten Männer unserer Stadt ist . Er wäre , wie er selbst versichert hat und wie wir unsererseits fest überzeugt sind , der Letzte , welcher den Lauf der Gerechtigkeit aufhalten würde . Mitbürger ! Ehren wir dieses Wort ! ehren wir den Mann , der es gesprochen ! Mitbürger ! lasset uns gerecht sein , aber nicht grausam ! und vor Allem lasset uns zusehen , daß der Ruf der Ordnung und des gesetzmäßigen Sinnes , dessen sich unsere gute alte Stadt so lange mit Recht erfreut hat , nicht durch unsere Schuld verloren gehe ! « Das mir wohlbekannte Signal , welches die Passagiere zum Fährboot rief , ertönte von der Landungsbrücke her , zugleich trat das Mädchen wieder herein und bedeutete mich , daß ich mich beeilen müsse . » Aber Sie haben ja keinen Bissen gegessen ! « rief sie und starrte mich verwundert und erschrocken an ; ich mochte wohl sehr blaß und verstört aussehen . Ich murmelte irgend eine Erwiederung , legte einen Thaler auf den Tisch und verließ eilends das Zimmer . Das Fährboot war trotz der späten Stunde voll von Passagieren ; in dem mittleren Raume standen zwei gesattelte Pferde , die nur Gensdarmen gehören konnten , und ich entdeckte auch bald ihre Reiter . Es waren dieselben , die ich gestern gesehen hatte , wie ich aus den Gesprächen hörte , die sie mit ihren Nachbarn , ein paar Bauern , führten . Sie schimpften darüber , daß man sie zurückbeordert , denn sie seien überzeugt , daß sie den Halunken gefangen haben würden , der ganz gewiß noch irgendwo auf der Insel versteckt sei , trotzdem sie dieselbe nebst noch zwei berittenen Kameraden und vier Kameraden zu Fuß nach allen Richtungen durchsucht hätten . Nun würden sich die Andern die Gratification verdienen , während sie helfen sollten , die Ruhe in der Stadt aufrecht zu erhalten , was sie gar nichts angehe , denn dazu seien ja der Bolljahn und der Luz da . Ich saß dicht in ihrer Nähe und konnte Alles mit anhören , und dachte , welche Freude ich den braven Leuten machen könnte , wenn ich plötzlich aufstünde und sagte : hier ist der Halunke . Aber ich konnte ihnen die Freude nicht machen ; was zu thun ich