Vorstellung und sprach ganz kühl davon , daß er bereits die Ehre gehabt habe , in Paris mit dem gnädigen Fräulein zusammenzutreffen . Überraschung und Staunen der Geheimen Rätin , ruckartiges Aufschnellen und Aufhorchen des Geheimen Rates waren die Folgen dieser Erklärung . Dann kam ein Durcheinander von Fragen , welchem Theophile mit melancholisch gesenktem Haupte und sehr fein auswich , während Franziska mit zusammengepreßten Lippen halb bewußtlos vor Schmerz und Zorn dastand . » Es waren leider sehr trübe Verhältnisse , unter denen wir uns kennenlernten « , flüsterte der Doktor . » Die Krankheit , der Tod des Vaters des gnädigen Fräuleins - die Verlassenheit des gnädigen Fräuleins in der ungeheueren , erbarmungslosen Stadt o mein Fräulein ! « Franziska Götz wankte zur Tür und hielt sich auf ihrem Wege an den Möbeln , um nicht zur Erde zu sinken . Der Oheim sah ihr mit offenem Munde nach , die Tante rief scharf ihren Namen ; aber sie hörte diesmal nicht darauf . Theophile betrachtete mit großem Interesse die Blumen des Teppichs zu seinen Füßen , was ihn jedoch nicht hinderte , einen schrägen Blick sowohl auf die gnädige Frau wie auf die hinter dem Fränzchen sich schließende Tür zu werfen . » Welch eine Szene ! Was ist das ? « rief die Geheime Rätin . » Herr Doktor , ich glaube , Sie sind uns einigen Aufschluß über diesen wunderlichen Vorgang schuldig . Was kann das Mädchen haben ? Wann und unter welchen Umständen haben Sie meine Nichte in Paris getroffen ? Theodor , ich bitte dich , die Tür zu verriegeln . Sprechen Sie , sprechen Sie , Herr Doktor , Sie spannen mich auf die Folter ! « Mit beiden Händen wehrte Theophile , während Theodor die Tür verriegelte , den Verdacht ab , ein solches Verbrechen an der Menschheit und eine solche Grausamkeit gegen eine solche Dame begehen zu wollen ; daß er aber der Aufregung durch eine schnelle klare Darlegung der Tatsachen ein Ende gemacht hake , können wir auch nicht sagen . Er sprach davon , wie er es tief bedauere , dem Fräulein so schmerzliche Erinnerungen zurückgerufen zu haben . Er hielt es für seine Pflicht , dieses Haus nie wieder zu betreten . Er trug allen Verhältnissen Rechnung und sah deshalb auch dem Geheimen Rat tief bewegt in die gläsernen Augen . Um so merkwürdiger war es , daß ihm sein Bericht zuletzt so glatt von der Zunge ging ; es würde ein gänzlich falscher Ausdruck sein , wenn wir sagen wollten , daß er ihn herauswürgte . Er erzählte sehr gut , der Doktor Theophile Stein , und seine sonore Bruststimme war ganz dazu geeignet , alle Nuancen ins Tragische aufs zarteste hervorzuheben - wir haben von seiner Kunst bereits an einer anderen Stelle gesprochen . Dazu wurde über Wahres , Halbwahres und Falsches stets das rechte Licht gegossen ; - es gab keinen größeren Meister in der Kunst des Helldunkels als den Doktor Theophile Stein . Der Geheime Rat Götz und seine Gemahlin erfuhren dieselbe Geschichte , welche Hans Unwirrsch vernommen hatte ; doch das Kolorit war in jeder Beziehung ein anderes . Der Doktor Theophile Stein nahm den größten Anteil an diesem Familienunglück . Schmerzlich empfand er nach , was die gnädige Frau um das Leben und Sterben ihres Schwagers empfinden mußte . Er hing mit ihr die Harfe an die Weide und war so überwältigt von seinen Erinnerungen , wie man es nur von einem verständigen Menschen vernünftigerweise verlangen konnte . Von dem Geheimen Rate , der sehr in sich zusammengesunken war und die Augen mit der Hand beschattete , nahm er weniger Notiz ; er überließ die Bemerkungen , welche direkt an denselben zu richten waren , seiner Gattin und konnte nichts Besseres tun . Sehr oft unterbrach die gnädige Frau den melancholischen Bericht Theophiles , um ihren Gemahl zu fragen , wer nun recht gehabt habe , ob sie - Aurelie , geborene von Lichtenhahn - das nicht immer gesagt habe usw. usw. Dann versicherte sie ihn , daß das Maß ihrer Geduld gefüllt bis zum Rande sei , daß der Herr Schwager Rudolf ihr Haus nicht wieder betreten solle , daß sie das unglückselige Geschöpf , die Franziska , nicht auf die Straße stoßen wolle , daß sie aber dafür dereinst im himmlischen Jerusalem eine ganz außergewöhnliche Belobung und Belohnung zu erwarten habe . Sie wurde sehr heftig und sehr bissig , die Frau Geheime Rätin Götz ; - sie besann sich keinen Augenblick , sehr verächtlich und wegwerfend von der Familie ihres Mannes zu sprechen . Sie wußte eine Menge Züge aus dem Leben der beiden Brüder ihres Gatten , welche sie mit hexenmäßiger Zungenfertigkeit durcheinanderquirlte und in die klangvolle , klagende Erzählung des Doktor Theophile hineinsprudelte . Der Abenteurer und der Bettler wurden beide nach Gebühr gewürdigt , und die Tochter des Abenteurers bekam auch ihr Teil . Es mußte für den Geheimen Rat Götz eine wahre Erlösung sein , als der Doktor endlich den Armensarg des armen Felix durch die Barrière d ' Aunay gebracht und ihm im Armenviertel des Père-Lachaise die klägliche Grube gegraben hatte . » Oh , so hat mir Rudolf das nicht erzählt ! « stöhnte der Geheime Rat . Er ließ die Hand von der Stirn sinken , und wer ihn jetzt sah , mußte eingestehen , daß der Mann noch nicht ganz Maschine war ; aber er mußte ihn deswegen bedauern . » Und dies ist die Wahrheit ! « rief die gnädige Frau . » Der Herr Leutnant Götz betritt mein Haus nicht wieder ! « Ein Rauschen und ein Triller draußen ! Ein Klopfen an der Tür . » Kleophea ? « rief die Mutter . » Theodor , schieb den Riegel zurück ! Ich glaube , wir haben genug vernommen . Herr Doktor , Sie haben sich ein großes Verdienst um unser Haus erworben . Ich danke Ihnen herzlich dafür . « » Ein trauriges Verdienst « , seufzte