Fräulein Sophie : nicht ohne Herzklopfen . Warum ? weiß ich freilich selbst nicht . Ich weiß bloß noch , daß ich mir auf einmal wie ein recht schlechter Mensch vorkam . Ich hatte in meinem Leben noch keine Komödie gespielt ; und dieser grammatikalische Unterricht war doch nichts weiter als eine Komödie . Ich hatte große Lust wegzulaufen ; aber da das doch nun einmal nicht ging , konnte ich nichts weiter thun , als meine Vatermörder zurecht zupfen , vor dem Spiegel eine zierliche Verbeugung machen und mit meinem besten Accent fragen : Ah , bonjour , Mademoiselle , comment vous portez-vous ? Als ich diese Frage zum drittenmale - und diesmal zu meiner vollen Befriedigung - wiederholt hatte , trat die Erwartete mit einem Buche in der Hand in ' s Zimmer , und ich gerieth durch die Furcht , sie möchte meine Anstandsübungen vor dem Spiegel gesehen haben , in eine solche Verwirrung , daß ich über und über roth wurde und etwas stammelte , was möglicherweise französisch war , jedenfalls aber sehr dumm gewesen sein muß , denn Mademoiselle Marguerite lächelte und sagte etwas von bonté und enseigner , und dann weiß ich nur , daß wir einander gegenüber an dem Tische saßen und ohne ein Wort zu sprechen , in den Büchern blätterten . - Was soll ich Ihnen noch weiter erzählen , Fräulein Sophie ? das Beste und Nothwendigste wüßte ich doch nicht zu sagen . Ich bin seit einer Woche jeden Tag eine Stunde lang mit Marguerite ungestört zusammengewesen . Grammatik haben wir nicht getrieben , zum wenigsten sind wir über die erste Seite nicht hinausgekommen - aber dafür hat sie mir das Buch ihres Lebens aufgeschlagen , und ich habe es lesen dürfen , Wort für Wort , von der ersten bis zur letzten Seite . Ich sage Ihnen , Fräulein Sophie , es ist kein schlechtes Wort darin , und keine Seite , deren sie sich zu schämen hätte . Sie hat sich , wie ich , durch die Welt schlagen müssen , das arme Ding - o , viel schlimmer als ich ! Ihre Eltern sind so früh gestorben , daß sie sie nie gekannt ; Geschwister , Verwandte hat sie nie gehabt , außer einer bösen Tante , die ihr ein Höllenleben bereitet , bis sie mit vierzehn Jahren unter fremde Leute gekommen ist , die sie doch wenigstens nicht geschlagen haben , wie die höllische Tante . Ach , Fräulein Sophie , wenn ich Ihnen erzählte , was das arme junge Ding schon gelitten hat , Sie würden sagen : so etwas ist nicht möglich : und Ihr Herz würde überfließen vor Mitleid , wie meines übergeflossen ist . Herr Bemperlein schwieg , weil er vor Bewegung nicht weiter sprechen konnte . Sophie nahm seine Hand und sagte : Gutes Bemperchen ! Bemperlein erwiderte warm den Druck und fuhr , nachdem er sich einige Male , um seine Rührung zu bemeistern , laut geräuspert hatte , also fort : Sie hat mir nichts verschwiegen ; auch nicht , daß sie in der letzten Zeit mit einem schlechten Menschen ( ich wiederhole , Fräulein Sophie , daß es nicht Herr Stein ist ) ein Verhältniß gehabt hat ; mit einem Menschen , der sie auf die unwürdigste Weise genasführt und betrogen und an einen notorischen Roué hat verkuppeln wollen . Doch diese Geschichte ist so niedrig , so gemein , daß ich sie Ihnen nicht einmal mittheilen möchte , selbst wenn ich Marguerite nicht versprochen hätte , Keinem , er sei , wer er sei , je die betreffenden Personen zu nennen . - Und nun , - schloß Bemperlein , indem er Sophiens beide Hände in die seinen nahm , was sagen Sie zu dem Allen ? Sophie wurde durch die plötzliche Frage einigermaßen in Verlegenheit gesetzt . Sie hatte sich aus einzelnen hingeworfenen Aeußerungen Helenens , Oswalds und ihres Verlobten von Marguerite ein Bild entworfen , das keineswegs sehr schmeichelhaft für die junge Dame war ; und auch Bemperleins Erzählung war nicht im Stande gewesen , ihr einmal gefaßtes Vorurtheil ganz zu beseitigen . Es that ihr weh , daß sie den armen Mann , dessen gutes Gesicht jetzt mit einem aufgeregten , ängstlichen Ausdruck , als ob von ihrem Ausspruch Leben und Tod abhinge , auf sie gerichtet war , durch einen Zweifel an der Vollkommenheit seiner Auserkorenen kränken sollte , und doch ! lügen konnte und mochte sie nicht , und antworten mußte sie nun einmal . So sagte sie denn mit einer allerliebsten Präceptormiene , das Köpfchen nachdenklich von einer Seite auf die andere bewegend : Es ist mit der Liebe ein eigenes Ding , Bemperchen . Ich habe während der Zeit , daß ich Franz kenne und liebe , oft darüber nachgedacht . Es ist nicht Alles Gold , was glänzt , und nicht Alles Liebe , was wie Liebe aussieht . Es giebt Empfindungen , die als solche sehr lobensweth , aber trotz all dem nicht Liebe sind , und die wir uns ja hüten müssen , für Liebe zu nehmen . Und je edler ein Herz ist , desto leichter geräth es in Gefahr , einen solchen Irrthum zu begehen , gerade wie der Vertrauensvollste sich am leichtesten falsches Geld für richtiges in die Hände stecken läßt ; ich zum Beispiel , die , wenn ein falsches Viergroschenstück auf dem Markt war , es sicherlich , wenn ich nach Hause komme , in meinem Portemonnaie habe . Es giebt aber keine Empfindung , die der Liebe so ähnlich sieht , und durch die sich deshalb ein edles Herz so leicht täuschen läßt , wie das Mitleid . Wäre es nicht doch möglich , Bemperchen - und hier legte die junge Dame ihre Hand auf Bemperchens Hand - daß , wie Ihr Interesse für Fräulein Marguerite zuerst aus dem Mitleid entsprang , es auch noch bis auf diesen Augenblick nicht eigentliche Liebe , sondern eben nur Mitleid ist ? Bemperlein '