Der Sohn des Kronsyndikus , der Oberregierungsrath , hatte die Witwe eines Herrn von Asselyn geheirathet . Sie erinnerte sich , daß sein mitübernommener Stiefsohn Bonaventura von Asselyn genannt wurde , doch war er für den Militärstand bestimmt gewesen und hätte jetzt Offizier sein müssen . Sie blickte näher ... Jetzt überfiel sie ein Schauer ... Alle ihre Umgebungen wandten sich , als sie einen zwar unterdrückten , aber doch genugsam hörbaren ängstlichen Schrei ausstieß ... Das ist ... hatte sie erst ganz laut gesagt , ... leiser aber und schon verklingend auf ihren plötzlich erbleichenden Lippen hinzugefügt : ja - Serlo ! Der Bischof sprach soeben von der Bürde und Würde des geistlichen Amtes ... Lucinde hielt sich an einen der dicht besetzten Kirchenstühle im Innern des Schiffes . Sie starrte auf den jungen Priester , den man Bonaventura von Asselyn genannt hatte . Er war wie Serlo ! Serlo , wie er vor zehn Jahren hier hätte können gestanden haben ! Derselbe schlanke Wuchs , dieselbe würdige Haltung , dieselben , als er sich wandte , ganz sichtbaren edeln Gesichtszüge , derselbe feine Schwung des Profils , dieselben dunkeln Augen , das Haar , das schon die Tonsur empfangen und ringsum rabenschwarz war ... Aller Augen theilten das Interesse für diesen jungen Novizen des Priesterthums . Wäre dies nicht gewesen , die Unruhe , die Lucinde verrieth , hätte noch störender auffallen müssen . In der Litanei der Heiligen , die jetzt vom Bischof vor den niederknienden Priestern und während er selbst kniete , begonnen wurde und deren wiederholtes : Bitte für uns ! die dichte Menschenmasse volltönend und durch die nicht endende Gleichmäßigkeit fast die Sinne verwirrend nachmurmelte , fand Lucinde Zeit sich zu sammeln und die krankhafte Aufregung ihrer Gefühle zu beschwichtigen . Als sich endlich die Betenden erhoben und wieder die lange schlanke Gestalt Serlo ' s wie aus dem Grabe erstanden vor ihre fieberhaft erregte Phantasie getreten war , hätte sie sich den mit Blumen bestreuten Aufgängen zum Hochaltar noch mehr genähert , wenn nicht einige das Gewölbe mächtig durchdröhnende Schläge der Thurmuhr sie zur Besinnung gebracht hätten . Neun schlug es , die Stunde , wo sie schon im Institut erschienen sein sollte . Noch einmal sah sie an den Hochaltar , dann ringsum ... es waren Hunderte von jugendlich erblühenden Mädchen anwesend , ganze Schulen , ganze Pensionate , ... konnte nicht auch jenes Institut ... nein , sie besann sich , die künftigen Pfleglinge , zu denen sie eilen mußte , führten ein Leben , das dem der andern nicht glich ... sie lagen auf Betten , bewegten sich in Bändern und Maschinen ... diese arme Kinder fehlten . Nun riß sie sich los . Noch im Gehen war sie nur zu dem Priester hingewandt , der ihr Serlo schien ... Serlo , wie er einst gewesen sein konnte , sein mußte ! Eben streckte der Bischof die Hand über die zu Weihenden aus , sprach Worte des Segens , begann die Ceremonieen an dem ersten der drei , indem er die Stola , die er als Diakon von der linken Schulter zur rechten trug , ihm kreuzweise über die Brust hängte und dann sprach : Nimm auf dich das Joch des Herrn ! Denn sein Joch ist süß und seine Bürde ist leicht ! Wie sie , mit dem Nachklang dieser Rede , der Anstalt zuflog und dort glücklicherweise noch nicht verspätet ankam , wußte sie kaum ... Das große Gebäude des orthopädischen Instituts nahm sie auf . Es war geschmackvoll und sogar luxuriös eingerichtet . Hinterwärts hatte man den Blick in einen Garten , wo der Rasen schon in üppigem Grün stand . Durch eine geöffnete Glasthür trat man in einen großen Saal , den zierliche Treibhauspflanzen schmückten ... Dann freilich kamen die trübern Eindrücke ... Saal an Saal ... Bett an Bett . Kinder darunter , die die Hoffnung ihrer Mütter auf Schönheit ganz betrogen hatten ; aber doch viele auch , die sie wol noch einst erfüllen werden ... Ein Jahr , und eine Neigung der Hüfte oder der kaum sichtbare ungleiche Wuchs einer Schulter ist geheilt ! Einige dieser jungen ringsum liegenden Mädchen werden vielleicht ein wenig , ganz leise nur und unscheinbar mit dem einen Fuße weniger behend durchs Leben schweben ; aber was thut das ihrem rosigen Lächeln ? Was thut das ihrer neckischen Lust , die einen ganzen Kreis in gleicher Lage Befindlicher ringsum auf den Prokrustesbetten eben zum Lachen bringt ! Diese schelmischen Augen dort , diese sinnigen hier , diese Rosen auf den Wangen , diese Lilien auf Arm und Nacken , jede eine Knospe voller Hoffnung für die Zukunft , jede so ganz das schöne , liebevolle , reiche Geheimniß eines jungen Mädchenlebens ! ... Wer kann sonst schon solche junge Mädchen im traulichen Verein spielend , harmlos dem Augenblick dahingegeben sehen , ohne nicht zu gedenken : Was wird euch allen noch einst beschieden sein ? Welche Flammen werden in euren Herzen lodern ? Wo waltet jetzt wol die Hand , die liebend einst die eurige erfäßt ? Vor welchem Munde , der von Liebe spricht , wird euer Jugendmuth verstummen , und ach ! welcher von euch allen sind noch die größten Leiden aufgespart ? Der vielleicht , die jetzt die Glücklichste scheint ? Der vielleicht , die ihr alle wie eure Schwester liebt , mit der ihr eure Freuden , eure kleinen Geheimnisse theilt und der ihr , so oft ihr unter den Blumen des Feldes sein dürft , sein könnt , die schönsten bringen müßt , die ihr am Wege gefunden ? - bringen selbst dann , wenn der Geliebten ein Fuß nicht so schnell gehorcht wie der andere ? Eine solche Königin unter dem jungen Volke , eine schon emporragende Lilie unter Maiblumen und Veilchen , ein Wesen schon voll Seele , während ringsum nur noch Gemüth , Verstand und Phantasie sich entwickelten , war die junge , zu früh emporgeschossene und deshalb in ihrem