Besuchern , welche unablässig eintraten , die Ehren zu erweisen und Nachricht zu geben . Nun hatten aber die Leute , bei dem goldenen Wetter , gerade viel zu arbeiten , und ich , der ich nichts zu tun hatte und geläufig las , war ihnen daher willkommen und wurde den größten Teil des Tages am Todesbette festgehalten . Die Weiber hatten zudem insbesondere ein großes Bedürfnis , die Traurigkeit und den Schrecken des Todes recht auszubeuten , und da die Männer sich niemals lange in der Kammer aufhielten , waren sie froh , mich für alle büßen zu lassen , und erklärten , der Tod meiner Großmutter müsse sich mir recht einprägen , dies würde mir für immer nützlich sein . Auf einem Schemel sitzend , ein Buch auf den Knien , mußte ich mit vernehmlicher Stimme Gebete , Psalmen und Sterbelieder lesen , erwarb mir zwar durch meine Ausdauer die Gunst der Frauen , wofür ich aber den schönen Sonnenschein nur von ferne und den Tod beständig in der Nähe betrachten durfte . Ich konnte mich gar nicht mehr nach Anna umsehen , obschon sie mein süßester Trost in meiner asketischen Lage war ; da erschien sie , schüchtern und manierlich , unversehens auf der Schwelle der Krankenstube , um die ihr sehr entfernt Verwandte zu besuchen . Das junge Mädchen war beliebt und geehrt unter den Bäuerinnen und daher jetzt willkommen geheißen , und als sie sich , nach einigem stillen Aufenthalte , anbot , mich im Gebete abzulösen , wurde ihr dies gern gestattet , und so blieb sie die noch übrige Sterbenszeit an meiner Seite und sah mit mir die ringende Flamme verlöschen . Wir sprachen selten miteinander , nur wenn wir uns die geistlichen Bücher übergaben , flüsterten wir einige Worte , oder wenn wir beide frei waren , ruhten wir behaglich nebeneinander aus und neckten uns im stillen , da die Jugend einmal ihr Recht geltend machte . Als der Tod eingetreten und die Frauen laut schluchzten , da zerfloß auch Anna in Tränen und konnte sich nicht zufriedengeben , da sie doch der Todesfall weniger berührte als mich , der ich als Enkel der Toten , obgleich ernst und nachdenklich , trockenen Auges blieb . Ich ward besorgt für das arme Kind , welches immer heftiger weinte , und fühlte mich sehr niedergeschlagen und unglücklich noch zu der Trauer über den Tod hinzu ; denn ich konnte das zarte Mädchen nicht leiden sehen . Ich führte sie in den Garten , streichelte ihr die Wangen und bat sie inständigst , doch nicht so sehr zu weinen . Da erheiterte sich ihr Gesicht , wie die Sonne durch Regen , sie trocknete die Augen und sah mich urplötzlich lächelnd an . Wir genossen nun wieder freie Tage , und ich begleitete Anna zur Erholung sogleich nach Hause , um dort zu bleiben bis zum Leichenbegängnisse . Ich blieb die Zeit über ziemlich ernst , da der ganze Verlauf mich angegriffen und mir überdies die Großmutter sehr lieb und verehrungswürdig gewesen , ungeachtet ich sie seit kurzem kannte . Diese Stimmung war nun wiederum meiner Freundin unbehaglich , und sie suchte mich mit tausend Listen aufzuheitern und glich hierin den übrigen Frauen , welche alle wieder plaudernd und räsonierend vor ihren Häusern standen . Der Mann der toten Großmutter tat nun , während er sich bequem fühlte , als ob er sehr viel verloren und seine Frau im Leben wertgehalten hätte . Er ordnete eine pomphafte Leichenfeier an , woran über sechzig Personen teilnehmen sollten , und ließ es an nichts fehlen , alle alten Gebräuche in ihrem vollen Umfange zu beobachten . Am bezeichneten Tage begab ich mich mit dem Schulmeister und mit Anna auf den Weg ; er trug einen feierlichen schwarzen Frack mit sehr breiten Schößen und eine gestickte weiße Halsbinde , Anna ebenfalls ihr schwarzes Kirchengewand und eine ihrer eigentümlichen Krausen , worin sie aussah wie eine Art Stiftsfräulein . Den Strohhut hingegen ließ sie zu Hause und trug ihre Haare besonders kunstreich geflochten , dazu durchdrang sie heute eine tiefe Frömmigkeit und Andacht , sie war still und ihre Bewegungen voll Sitte , und dieses alles ließ sie in meinen Augen in neuem , unendlichem Reize erscheinen . In meine traurige festliche Stimmung mischte sich ein süßer Stolz , mit diesem liebenswürdigen und seltenen Wesen so vertraut zu sein , und zu diesem Stolze gesellte sich eine innige Verehrung , daß ich meine Bewegungen ebenfalls maß und zurückhielt und mit eigentlicher Ehrerbietung neben ihr herging und ihr dienstbar war , wo es der unebene Weg erforderte . Wir machten vorerst im Hause meines Oheims halt , dessen Familie schon gerüstet war und sich , als die Totenglocke läutete , uns anschloß . Im Sterbehause wurde ich von meinen sämtlichen Begleitern getrennt , da meine Stellung als Enkel die Gegenwart unter den nächsten Leidtragenden mit sich brachte , und als der jüngste und unmittelbarste Nachkomme befand ich mich in meinem grünen Habit an der Spitze der ganzen Trauergesellschaft und war den umständlichen und langwierigen Zeremonien zuerst ausgesetzt . Die nähere Verwandtschaft war in der aufgeräumten großen Wohnstube versammelt und harrte auf das weibliche Geschlecht , welches erscheinen sollte , um hier seine Beileidsbezeugungen abzustatten . Nachdem wir eine geraume Weile stumm und aufrecht längs den Wänden gestanden , traten nach und nach viele bejahrte Bäuerinnen herein , in schwarzer Tracht , fingen bei mir an , eine um die andere , indem sie mir die Hand boten , ihren Spruch sagten und zum nächsten fortschritten auf gleiche Weise . Diese Matronen gingen größtenteils gebückt und zitternd und sprachen ihre Worte mit Rührung als alte Freundinnen und Bekannte der Seligen und als solche , welche die Nähe des Todes doppelt empfanden . Sie sahen mich alle fest und bedeutungsvoll an , ich mußte jeder einzelnen danken und sie ebenfalls ansehen , was ich ohnehin getan hätte , da mir jede dieser Gestalten ihres ausgeprägten Lebens und Schicksales wegen auffallen mußte .