Und wenn es so sein müßte - sie werden zu Grunde gehen auch auf anderem Wege . - Siegen oder sterben , soll Deine Loosung sein ? Aber siegen werden die nicht , die Du in einen ungerechten und ungleichen Kampf führen mögtest , die dann von keiner Ordnung Etwas wissen und nur einem unklaren , wilden Drange mit Rachegefühlen und entfesselten Leidenschaften überlassen bleiben , um mit diesem Unheil zu stiften - nicht nur Unheil für die Reichen , sondern auch Unheil für die Armen . Siegen werden diese in Unwissenheit und Druck aufgewachsenen Massen nicht gegen eingeübte Heere , gegen die geistige Ueberlegenheit ! Und sterben ? Sterben werden vielleicht ihrer Viele , und das mögte sein , denn sie sind dann erlöst - aber Viele , viel Tausende werden nicht sterben und als Lohn für ihren kühnen Versuch in immer härtere Sclaverei , in immer größeres Elend zurückgestoßen werden . Willst Du dies Loos auf Deine unglücklichen Brüder wälzen ? « Wilhelm hatte mit immer finstrer werdenden Mienen zugehört - jetzt schüttelte er Franz ' s Hand heftig , ließ sie los und sagte dann mit dumpfer Stimme : » Du überzeugst mich nicht anders , gieb Dir weiter keine Mühe mehr , von nun an trennen sich unsre Wege , bis Du vielleicht doch noch zur Erkenntniß kommst und den meinen betrittst . « Hastig ging er zur Thüre hinaus , Franz sprang ihm nach - Wilhelm drängte ihn zurück : » Lass ' es gut sein , « sagte dieser , » es wird mir schwer , Dich nicht mehr als Bruder zu betrachten - aber ich trage nicht die Schuld ! Vielleicht besinnst Du Dich noch anders - doch nein ! Du wirst freilich Nichts gegen unsere Fabrikherrn unternehmen - er ist ja der Vater Deines Liebchens ! Sich ! Vor der Versuchung hättest Du Dich bewahren sollen . Das vornehme Fräulein hat Dir ' s angethan - daß Du nun zu keiner That mehr kommen kannst , die ihr vielleicht ein schönes Thränchen kosten könnte - aber schau doch ! Wenn sie arm wäre und Du reich , so könnte sie doch Dein werden - so wird sie ' s nimmer . - Wie , hättest Du nun nicht Lust , die Ordnung der Dinge einmal umzukehren ? « Franz stand erschüttert still - vorher hatte es ihm nie an Worten gefehlt , den Freund , der nun sein schlimmster Gegner geworden , zurück und zurecht zu weisen - jetzt war er plötzlich verstummt . » Hab ' ich ' s getroffen ? « rief Wilhelm triumphierend . » Gut ! Ich lasse Dir noch ein Mal Bedenkzeit . Verächtlich ist es und dumm zugleich , wenn Du unsere Thrannen und all ' seine Helfershelfer , Deinen Thrannen und den Tyrann Deiner Brüder schonen willst um eines hübschen Kindes willen , das sich zum Zeitvertreib und aus Langerweile zu Dir herabgelassen - aber edel wär ' s , wenn Du auch Etwas wagtest , sie Dir zu erkämpfen , und was außerdem vielleicht mißlänge , würde durch die Liebe gelingen ! Ich lasse Dich mit Deinem Herzen und Deinem Verstand allein - die werden Dir ' s noch deutlich vortragen , wie ich ' s meine . « Er ging . Franz war wieder allein in seinem Kämmerchen , allein mit dem aufgeregten Innern , in dem jetzt Wilhelm geschickt einen neuen Kampf aufgeregt hatte . Daran hatte Franz noch nicht gedacht , was Jener jetzt mit rohen Worten und plötzlich angeregt hatte . Als der Mann des Volkes mit sich gerungen und all ' jene Versuchungen bekämpft hatte , welche in ihm selber rege geworden , oder von außen zu ihm herangetreten waren , so hatte er immer nur das große Ganze vor Augen gehabt , er hatte niemals an den besonderen Fall , niemals gerade an sich selbst , seine eignen Verhältnisse und seine nächste Umgebung gedacht . Er hatte sich nur als Einen betrachtet , der , aus der Masse des verdumpften Volkes aufgewacht , gewahrte , wie er und Alle , welche in Armuth und Niedrigkeit bei drückender Arbeit beschwerliche Tage abhaspelten , um die einfachsten Menschenrechte gebracht seien . Er bemühte sich , dies verlorene heilige Eigenthum vieler Tausende wieder erringen zu helfen , indem er die Noth der Arbeiter vor aller Welt erzählte , indem er durch den Verein der jungen Arbeiter unter diesen selbst sittliche und bessere Elemente zu ihrer Geltung zu bringen suchte . Als nun jenes anonyme Schreiben mit seinen verführerischen Theorieen , seiner glänzenden Veredtsamkeit und seinen goldnen Verheißungen ihn so erschütterte - ganz neue Gesichtskreise ihm aufschloß und ihm die Weit durch ein seltsam verkehrt geschlissenes Glas ansehen ließ , daß er Mühe hatte sich mit seiner geistigen Anschauung noch in dieser wirr gewordenen und verrückten Weltordnung zurecht zu finden - als er darin weiter den offenbaren Aufruf zur Empörung und Grwalt gelesen - so hatte er dies Allgemeine noch immer nicht auf seine besondern Verhältnisse bezogen . Er war einige Augenblicke schwenkend geworden - er hatte so viel neue Lebensansichten vernommen , wie sie ihm bisher noch niemals durch die Seele gezogen waren , und er mußte ihnen erst genau in die Augen sehen , ehe er sie verwerfen , eh ' er die unreinen Geister , welche sich an ihn herandrängten , von sich stoßen und verdammen konnte . Er hatte nur geprüft , ob diese neue Weltanschauung die rechte sei , oder seine alte - und da er erstere falsch gefunden , hatte er sich mit Abscheu von ihr abgewendet . Es war ihm nicht gelungen , Wilhelm zu einer gleichen Ueberzeugung zu bringen , das hatte Franz für Wilhelm mitleidig gestimmt , aber diesen gegen ihn erbittert . Sie waren nun einander Gegner geworden , denn wenn Wilhelm unter den Kameraden die Ansicht zu verbreiten suchte , daß sie auch recht gut wie die reichen Leute leben könnten , sobald sie nur den Muth dazu hätten und nicht