Liebeslust und Klage ? gießt sie nicht ihre tiefsten , traurigsten , süßesten Mysterien in Gedanken und Tönen , in Wort und Musik , wenn auch nur dithyrambisch vor Ihnen aus ? - Was soll ich in der Vergangenheit wühlen ? und doch ist sie mir lieb und heilig - denn Sie waren da , ewig da ! als Kind - lieblicher denn alle Kinder , und dann urplötzlich dies Kind verwandelt in ein Weib , und mir entrückt in jene Ferne und jene Heiligkeit die es mit der Himmelskönigin theilt - den Regenbogen zu ihren Füßen , den Morgenstern zu ihren Häupten - meinen Sinnen und Gedanken wie meinen Augen entrückt ! und dennoch mit mir in heiliger Gemeinschaft , denn das reinste Band welches unsre Sinnenwelt mit einer übersinnlichen verknüpft - denn die reinsten Schwingen welche Gott uns gab um zuweilen aus der Region des Staubes in die des Aethers aufzufliegen - wurden mein Theil ! die Kunst nahm mich unter ihren Sternenmantel und ihre heiligen Gestirne verdeckten mir die Dunkelheit meiner Wege , und ihre Sphärenmusik verbarg mir die unendliche Oede meiner Tage - bis allendlich mit einem Accord die Sonne mir aufging und mein Schöpfungstag anbrach . « » Und keine Erinnerung aus der Kindheit senkte ihren balsamischen Thau in dieses flammende , dürstende Herz , mein armer Fidelis ? « » O , rief er mit wildem Schmerz , wozu dies Zerwühlen der Vergangenheit , Sibylle ! « » Ich bin eifersüchtig , Fidelis . « » So wahr Gott über uns ist : in meiner Vergangenheit war nur das Weib das auch in meiner Gegenwart ist , und kein andres , Sibylle . « » Kein andres Weib und keine andre Liebe ? « Das Feuer in seinen Augen , die Farbe auf seinen Wangen , die Bewegung in seinen Zügen verschwand . Er legte die Arme auf die Lehne des Sophas und den Kopf auf die Arme indem er langsam die Worte der Apokalypse sprach : » Ich habe wider dich daß du verlässest deine erste Liebe . « Bei dieser Bewegung schob sein Aermel sich zurück und ich sah daß er einen Goldreif über dem linken Handgelenk trug . » Was für ein Amulet tragen Sie da ? « fragte ich und berührte mit dem Finger den Reif . Statt zu antworten reichte er mir die linke Hand ; ich betrachtete den Reif . Zwei Steine bildeten sein Schloß : ein Rubin , warm und glühend wie ein Tropfen Bluts , und ein wunderschöner Saphir , der wie ein Stern oder wie ein Auge beruhigend daneben lag . Ich weiß nicht was für eine melancholische Symbolik aus diesen schönen Steinen mich ansprach ! ich fragte traurig : » Also doch ein Abfall , Fidelis ? « Immer noch schweigend richtete er sich auf , zog aus dem Busen an einem schwarzen Bande ein goldnes Medaillon auf dem jene apokalyptischen Worte eingegraben waren , und drückte es auf nachdem ich sie gelesen hatte . Ein liebliches Miniaturbildchen kam zum Vorschein , ein süßes Köpfchen überflutet von blonden Locken und einem schwarzen Schleier , unter welchem zwei göttlich schöne dunkelblaue Augen , tief und stralend wie Saphire mit einem Ausdruck hervorblickten , der zittern machte - solch eine Glut und solche Schwärmerei schmolzen in ihrem Feuer zusammen . Ich fand eine unbestimmte Aehnlichkeit mit Fidelis , ungefähr wie eine Tochter ihrem Vater ähnlich sieht . » Ah Fidelis ! es ist also doch ein Weib in Ihrer Vergangenheit ! « rief ich mit Schmerz . » Eine Mutter ist kein Weib , « entgegnete er und legte die Hand beruhigend auf mein Haupt . Ich drückte sie dafür an meine Lippen und sagte : » Ich weiß es ja längst daß Du anders bist als wir übrigen Menschen , und dennoch erfüllt es mich immer wieder mit Andacht und Rührung ! - Aber erzähle mir von Deiner Mutter . « Fidelis verwahrte wieder das Bild im Busen , knöpfte sorgsam den Hemdärmel über dem Goldreif zu , damit kein profanes Auge seine Reliquien entweihe , und sagte : » Von meiner Mutter ! .... Ich kannte sie nicht ; ich wußte nichts von ihr ; ich wuchs auf in dem kleinen Städtchen Aussig in Böhmen bei meinem Pflegevater der für meinen Oheim galt und der Organist an der dortigen Kirche und ein tüchtiger Musiker war . Ich hatte eine wilde selige Kindheit . Ich verbrachte sie mit Musik und mit Wanderungen durch die romantischliebliche Gegend . Die Kunst und die Natur , und deren gemeinsame Mutter die Schönheit , theilten seit meinen frühsten Jahren den Cultus meiner Seele . Es war etwas in mir das Thränen in mein Auge trieb und mich auf die Knie warf , wenn ich ergreifende Musik hörte , einem Sonnenuntergang oder einem Gewitter zusah , oder einen Frühlingsmorgen auf den grünen , nußbaumbeschatteten Abhängen der Ruine Schreckenstein verlebte . Denn immer trug die Schönheit , welcher Art sie sei , für mein Auge eine Glorie ; sie war mir heilig . Nie vergesse ich den Moment als ich zum ersten Mal das Kleinod und den Stolz von Aussig , das Altargemälde von Carlin Dolce sah ! Ein kleiner Madonnenkopf ists im dunkelblauen Schleier . Eine Thür schließt sich sorgsam über dem Gemälde , das in einem Schrein von weißem Alabaster wie in einem Wandschränkchen über dem Altar verborgen ist und nur bei großen Festen oder wenn Reisende und Fremde es begehren , zum Vorschein kommt . Eine fremde Gesellschaft ließ sich das Bild zeigen ; ich war aus Neugier ihr gefolgt . Als sich die Thür aufthat , sank ich auf die Knie , und murmelte andächtig mein Ave Maria ! Als ich fertig war bemerkte ich zu meinem Erstaunen daß ich allein kniete , und daß eine lange dürre blonde Dame aus der Gesellschaft mich streng und mißbilligend ansah . Ich stand auf und schlich erröthend bei Seite , hörte aber wie die Dame mit scharfer Stimme sagte