der Welt in den lebhaftesten Farben vor , und ging so weit , sie nochmals auf eine mögliche Aussöhnung mit Julian zu verweisen , um sie nur von ihrem Vorhaben zurückzuhalten . Sie hörte ihm mit dankender Freundlichkeit zu . Die Erwähnung , daß Julian ihrer mitten in den Schmerzen seiner beginnenden Krankheit gedacht habe , füllte ihr Auge mit Thränen . Gott lohne es ihm , sagte sie , es sind die reinsten Freudenthränen , die ich weine ! Daß er meiner liebend gedenkt , das ist der schönste Segen , den ich aus der Welt in die Zukunft hinüberzunehmen verlangen konnte . Ein anderes Glück giebt es für mich nicht und ich habe nur noch einen Wunsch : ich muß ihn sehen , ehe er stirbt . Er wird nicht sterben und Sie werden ihn noch oft wiedersehen in Fülle der Gesundheit ; hoffen Sie es doch mit mir ! bat Alfred . Schreckt Sie der Gedanke an seinen Tod , entgegnete Sophie , so nehmen Sie meine Bitte in anderm Sinne . Lassen Sie mich Julian noch ein Mal sehen , ehe ich sterbe für die Welt . Ist es Ihnen so lieber ? fragte sie mit dem anmuthigen Lächeln , das noch vor wenig Monaten die kunstliebende Residenzstadt bezauberte . Ich habe endlich vor einigen Tagen meinen Abschied vom Theater erhalten , ich bin nun frei und könnte die Stadt verlassen , hätte ich ihn noch ein Mal gesehen . Dazu sollen Sie mir verhelfen . Sie sollen mich in sein Zimmer führen , auf welche Art Sie es zu machen wissen ; das soll der Dienst sein , den ich von Ihnen fordere . Alfred berichtete ihr , daß er selbst das Haus des Freundes nicht besuche , daß Therese ihn aus ihrer Nähe verbannt habe , und unwillkürlich ergoß sich der Strom seiner Leiden in Sophien ' s theilnehmende Seele . Was er ihr aus Rücksicht für seine Gattin und für Therese verschwieg , ergänzte ihr feines Gefühl . Sie hatte das feinste Verständniß für die verborgensten Räthsel in einer fremden Brust . Sie wußte in einer Weise zuzuhören , die mehr erquickte und beruhigte , als die freundlichsten Trostesworte jedes Andern . Ihr Auge tauchte unter in die Seele des Leidenden und sein milder , warmer Schein trocknete die Thränen im tiefsten Grunde des Herzens , die nicht an das Licht hervorzubrechen wagten . Auch Alfred fühlte sich besänftigt und beruhigt in ihrer Nähe . Er sagte ihr , wie werth sie ihm sei , wie ungern er sie scheiden sähe . Niemand , der wie Sie die Macht zu trösten besitzt , sagte er , darf diese heilige Gabe selbstsüchtig unbenutzt lassen , Ihr Beruf ist es , die Leidenden zu erquicken - - Das will ich ich ja auch thun , rief sie mit großer Erhebung , das will ich thun , wenn Gott mir die Kraft dazu gibt ; das gerade ist ja mein Vorsatz . Ich habe nicht mehr daran gedacht , in müßigem Hinbrüten mein Leben zu verlieren , seit ich mich wieder emporgerafft habe aus der stumpfen Betäubung meines ersten Schmerzes . Mir lebte eine Tante in Paris , die ich in meiner Kindheit oft gesehen habe ; später trennten unsere verschiedenen Lebenswege uns gänzlich . Sie ist barmherzige Schwester . - Alfred schreckte auf , er ahnte , was Sophie ihm sagen würde . Sie bemerkte sein Erstaunen und meinte : Wie die Welt wunderlich urtheilt und selbst die Besten vor ganz natürlichen Dingen erschrecken ! Was ist es anders , wenn eine Mutter die kranken Kinder pflegt , wenn eine Frau gramvolle Nächte am Bette des Gatten durchwacht ? Ich habe Niemand auf der Welt als Julian , der mein nicht mehr begehrt ; ich stehe allein , ein Theil der leidenden Menschheit - sie kann meiner Dienste bedürfen und ihr will ich sie weihen . Ich bin ein Kind des Volkes , ich habe die Reichen und Glücklichen entzückt und erfreut , als ich selbst froh und glücklich war ; lassen Sie mich nun zu dem Volke , zu den Armen zurückkehren und die Unglücklichen und Leidenden erquicken . Das dünkt mich der schönste Beruf , seit ich empfunden habe , was das Leiden ist . Ich habe meiner Tante geschrieben , der Brief hat sie noch lebend und rüstig gefunden . Sie freut sich meiner Absicht , sie wirkt noch immer segensreich an den Krankenbetten des Hôtel Dieu und unter ihrer Leitung werde ich meine neue Laufbahn beginnen . Die sichere , freudige Klarheit , mit der sie sprach , beruhigte Alfred über sie . Er fühlte , daß nicht alle Naturen auf gleiche Weise zum Ziele , zum Frieden mit sich selbst gelangen können . Der Wirkungskreis , den Sophie jetzt erwählte , schien ihm ihrer würdiger , ihrem Gemüthe angemessener , als die klösterliche Einsamkeit , an die sie früher für ihre Zukunft gedacht hatte . Er sagte ihr das und sie bat : Lassen Sie mich denn , nun Sie meinen Vorsatz billigen , sobald als möglich scheiden . Lieber Freund ! nur einen Augenblick lang führen Sie mich in Julian ' s Zimmer , nur noch einmal muß ich vorher seine theuren Züge sehen . Ich darf ja kein anderes Bild von ihm behalten , als das in meinem Herzen ! Gönnen Sie mir das einzige Glück , das ich fordere ! Erfüllen Sie die erste Bitte , die ich an Sie richte . Sie haben mir ihre Freundschaft angeboten , auf diese richtet sich meine Hoffnung . Ich muß ihn sehen ! Ihre Bitten , ihre feste Erklärung , sie müsse und werde die Erfüllung dieses Wunsches erreichen , machten Alfred ungewiß , was er thun solle . Er kannte sie genug , zu glauben , sie werde nicht von ihrem Verlangen lassen , und er fürchtete , daß sie die Erreichung desselben in einer Weise bewirken dürfte , die für Julian oder Therese nachtheilig werden könnte .