vergaß alles . Ich ging zu Winter , Psalmen singen , zu Tieck , zu Jacobi , nirgends stimmt man mit mir ein , ja alles fürchtet sich , und wenn sie wüßten , was ich angerichtet habe , sie würden mir aus Furcht das Haus verbieten , da seh ich denn ganz ironisch drein und denke : seid ihr nur bayrisch und französisch , ich und der Kronprinz wir sind deutsch und tirolisch , oder er läßt mich ins Gefängnis setzen , dann bin ich mit einem Male frei und selbständig , dann wird mein Mut schon wachsen , und wenn man mich wieder losläßt , dann geh ich über zu den Tirolern und begegne dem Kronprinzen im Feld , und trotze ihm ab , was er so mir nicht zugesteht . O Goethe , wenn ich sollte ins Tirol wandern und zur rechten Zeit kommen , daß ich den Heldentod sterbe ! Es muß doch ein ander Wesen sein , es muß doch eine Belohnung sein für solche lorbeergekrönten Häupter ; der glänzende Triumph im Augenblick des Übergangs ist ja Zeugnis genug , daß die Begeisterung , die der Heldentod uns einflößt , nur Widerschein himmlischer Glorie ist . - Wenn ich sterbe , ich freue mich schon darauf , so gaukle ich als Schmetterling aus dem Sarg meines Leibes hervor , und dann treffe ich Dich in dieser herrlichen Sommerzeit unter Blumen , wenn ein Schmetterling Dich unter Blumen vorzieht und lieber auf Deiner Stirn sich niederläßt und auf Deinen Lippen als auf den blühenden Rosen umher , dann glaube sicher , es ist mein Geist , der auf dem Tiroler Schlachtfeld freigemacht ist von irdischen Banden , daß er hin kann , wo die Liebe ihn ruft . Ja , wenn alles wahr würde , was ich schon in der Phantasie erlebt habe , wenn alle glanzvollen Ereignisse meines innern Lebens auch im äußern sich spiegelten , dann hättest Du schon große und gewaltige Dinge von Deinem Kind erfahren , ich kann Dir nicht sagen , was ich träumend schon getan habe , wie das Blut in mir tobt , daß ich wohl sagen kann , ich hab eine Sehnsucht , es zu verspritzen . Mein alter Klaviermeister kam zurück , zitternd und bleich : » Was hat in den Papieren gestanden , die Sie mir für den Kronprinzen anvertrauten « , sagte er , » wenn es mich nur nicht auf ewig unglücklich macht , der Kronprinz schien aufgeregt , ja erzürnt während dem Lesen , und wie er mich gewahr wurde , hieß er mich gehen , ohne wie sonst mir auch nur ein gnädiges Wort zu sagen . « - Ich mußte lachen , der Klaviermeister wurde immer ängstlicher , ich immer lustiger , ich freute mich schon auf meine Gefangenschaft , und wie ich da in der Einsamkeit meinen philosophischen Gedanken nachhängen würde , ich dachte : dann fängt mein Geschick doch einmal an , Leben zu gewinnen , es muß doch einmal was draus entstehen ; aber so kam es wieder nicht , ein einzigmal sah ich den Kronprinz im Theater , er winkte mir freundlich ; nun gut : acht Tage hatte ich meinen Stadion nicht gesehen , am 10. April , wo ich die gewisse Nachricht erhielt , er sei in der Nacht abgereist , da war ich doch sehr betrübt , daß ich ihn sollte zum letztenmal gesehen haben , es war mir eine wunderliche Bedeutung , daß er am Karfreitag seine letzte Messe gelesen hatte ; - die vielen zurückgehaltenen und verleugneten Gefühle brachen endlich in Tränen aus . In der Einsamkeit da lernt man kennen , was man will , und was einem versagt wird . Ich fand keine Lage für mein ringendes Herz , müde geworden vom Weinen , schlief ich ein , bist Du schon eingeschlafen , müde vom Weinen ? - Männer weinen wohl so nicht ? - Du hast wohl nie geweint , daß die Seufzer noch selbst im Schlaf die Brust beschweren . So schluchzend im Traum hör ich meinen Namen rufen ; es war dunkel , bei dem schwachen Dämmerschein der Laternen von der Straße erkenne ich einen Mann neben mir in fremder Soldatenkleidung , Säbel , Patrontasche , schwarzes Haar , sonst würde ich glauben , den schwarzen Fritz zu erkennen . - » Nein , du irrst nicht , es ist der schwarze Fritz , der Abschied von dir nimmt , mein Wagen steht an der Tür , ich gehe eben als Soldat zur österreichischen Armee , und was deine Freunde , die Tiroler , anbelangt , so sollst du mir keine Vorwürfe machen oder du siehst mich nie wieder , denn ich gebe dir mein Ehrenwort , ich werde nicht erleben , daß man sie verrate , es geht gewiß alles gut , eben war ich beim Kronprinzen , der hat mit mir die Gesundheit der Tiroler getrunken und dem Napoleon ein Pereat gebracht , er hat mich bei der Hand gefaßt und gesagt : Erinnern Sie sich dran , daß im Jahr Neune im April , während der Tiroler Revolution , der Kronprinz von Bayern dem Napoleon widersagt hat , und so hat er sein Glas mit mir angestoßen , daß der Fuß zerschellte « ; ich sagte zu Stadion : » Nun bin ich allein und hab keinen Freund mehr « , er lächelte und sagte : » Du schreibst an Goethe , schreib ihm auch von mir , daß der katholische Priester auf dem Tiroler Schlachtfeld sich Lorbeern holen will « , ich sagte : » Nun werde ich keine Messe so bald mehr hören « ; - » und ich werde so bald auch keine mehr lesen « , sagte er . Da stieß er sein Gewehr auf und reichte mir die Hand zum Abschied . Den werd ich gewiß nicht wiedersehen . Kaum war er fort , klopfte es schon wieder , der alte Bopp kommt herein , es war finster im