werde . « » Im Ganzem ist mir dieser noch sehr junge Mann eine höchst räthselhafte Erscheinung . Seine verfallne abgemagerte Gestalt , seine , wenn gleich fein geformten , dennoch hart gewordnen Hände voller Schwülen scheinen freilich zu beweisen , daß ihn bis jetzt das Leben nicht sanft bettete , und doch liegt ein gewisses unbeschreibliches Etwas in seiner sehr edlen Gestalt und mehr noch in seinem Benehmen , sobald er nur einen Augenblick seiner Besinnung mächtig wird , welches darauf hindeutet , daß er den gebildeten Ständen angehört , die wir die Höheren zu nennen gewohnt sind . « » Der Arzt verbietet ihm zu sprechen , was seine eigne Schwäche ihm ohnehin kaum erlauben möchte ; er liegt die größte Zeit des Tages in einem , an Bewußtlosigkeit gränzenden Hinbrüten fast ohne ein Zeichen des Lebens , und da die Räuber ihm alles , was er bei sich führen mochte , nahmen , so blieb mir nichts , was mich in meinen Vermuthungen über seine früheren Verhältnisse leiten könnte . Gleichwohl ahnet mir zuweilen , er sey vielleicht ein Deutscher und dieser Gedanke erhöht meine Freude über seine Rettung um ein Großes . Freilich haben Luft und Sonne sein Gesicht gebräunt , so , daß er sich in dieser Hinsicht durchaus nicht von den Eingebornen des Landes unterscheidet , doch seine Locken sind blond , und einigemal glaubte ich deutlich zu hören , wie er , o mein Gott ! seufzte , wenn seine Wunden ihm stärker schmerzen mochten . « » Morgen kehre ich nach Marseille zurück , denn die Geschäfte , welche mich dort erwarten , erlauben mir nicht , nur noch einen Tag länger in Toulon zu verweilen . Der Unfall meines Unbekannten hat indessen die Wachsamkeit der hiesigen Polizei nun belebt , Gensd ' armes durchstreifen das Thal von Oliulles nach allen Richtungen hin , und die große Straße wenigstens ist in diesem Augenblick vollkommen sicher . « » Mein Unbekannter bleibt indessen unter dem Schutze eines wackern Deutschen , Namens Weiler , dem Chef eines hiesigen bedeutenden Handelshauses zurück . Denn wo wäre eine bedeutende Stadt in Europa , in der man nicht Deutsche anträfe ? Auch der Arzt ist einer , wie so viele der geachtetsten Aerzte in Frankreich . Beide ahnen mit mir in dem Unbekannten einen Landsmann , und pflegen deshalb seiner um so mehr mit wahrhaft brüderlicher Theilnahme . Weiler ist sogar entschlossen , ihn in sein Haus aufzunehmen , sobald der Gesundheitszustand des Kranken dieses erlaubt . So weis ich ihn denn gut versorgt und kann leichten Muthes von ihm scheiden ; ich lasse ihm meine Adresse und die meines Hauses zurück und Herr Weiler will sich mit mir vereinen , um ihm die Heimkehr zu den Seinen auf jede Weise zu erleichtern . Und nun leben Sie wohl , hochwürdige Frau , Sie werden jetzt in langer , langer Zeit nicht wieder von mir hören , aber ich weis , Sie vergessen meiner dennoch nicht . Lebe wohl , Geliebte ! Vicktorine ! Du schönes holdes Licht meines Lebens ! Lebe wohl mein Vaterland ! Europa , lebe wohl ! Mein Schiff liegt im Hafen vor Marseille zur Abfahrt bereit . Es ist ein trefflicher Seegler , der Kapitain ein erfahrner verständiger Seemann . Die Stürme der Tag- und Nachtgleiche sind vorüber , und alles weissagt mir eine schnelle glückliche Fahrt . « » Mein Herz schlägt hoch in Freude , daß ich nun endlich dem mir gesetzten Ziele zueilen darf ; die Hoffnung des schönsten Wiedersehens winkt mir durch den Schleier , der die ferne Zukunft verhüllt ; was ich auf Erden noch zu ordnen hatte , ist jetzt geordnet , und so rufe ich frischen Muthes aus voller Brust : Glück auf ! « Schon das wohlbekannte Wappen , mit welchem dieser Brief gesiegelt war , hatte wahrscheinlich nicht wenig dazu beigetragen , in den Augen der Tante die Aehnlichkeit der Schriftzüge auf der Adresse , mit den ihr unvergeßlichen , einer längst zu Staub eingesunknen geliebten Hand zu erhöhen . Als sie nun vollends auch den kleinen goldnen Schlüssel aus seiner Verhüllung wickelte , welcher in dem Briefe lag , strahlte ihr ein zweiter heller Lichtschein aus ihrer fernsten Vergangenheit so blendend entgegen , daß sie darüber das Bewußtseyn der Gegenwart verlor . Ihre zitternde Hand vermochte es kaum , den Schlüssel fest zu halten ; sie betrachtete ihn genauer ; er war es , unverkennbar derselbe ! Sie drückte beinahe unwillkührlich auf eine oben am Griffe angebrachte Rosette , diese wich noch wie ehemals dem leisen Drucke und schob sich zurück . Anna glaubte zu träumen . In unbeschreiblicher Bewegung brachte sie jetzt auch das Kästchen herbei , welches Raimund ihrer Bewahrung anvertraut hatte . Ohne es genauer zu betrachten , hatte sie es damals weggestellt , und hätte nicht Raimund jetzt durch sein Schreiben sie dazu berechtiget , so würde sie es ihm gewiß bei seiner Rückkunft ganz unberührt wieder gegeben haben , ohne daß es ihr je eingefallen wäre , die Chatulle aus der Verhüllung zu ziehen , die solche von allen Seiten dicht umgab . Mit strahlenden Augen , mit einem Gefühle ohne Namen , erkannte Anna auf den ersten Blick jetzt das aus seinem Futterale gehobene Kästchen für das nämliche , welches einst Bernhard von Leuen als ein von seiner Mutter ererbtes Familienkleinod mit der größten Sorgfalt aufbewahrte . Wie oft hatte sie die alte , mit Gold künstlich eingelegte Arbeit , alle die unendlich feinen Blumen und in einander verschlungnen Züge mit ihm bewundert , die das Elfenbein schmückten , aus welchem die Aussenseite dieses kostbaren Behältnisses bestand ! Sie versuchte es , mit dem zierlichen Schlüssel zu öffnen , das Schloß wich , das Kästchen sprang auf und leuchtend wie sonst , glänzte die Silberplatte ihr entgegen , welche das Innere desselben oben und unten und von allen Seiten bedeckte . Alle die seeligen Stunden , welche sie im entzückenden Gefühle des ersten Aufkeimens reiner jugendlicher