aber sie war die stolzeste , prächtigste Sinnlichkeit , die je über die Erde geblickt , als wäre sie ganz zu ihrem Genusse geschaffen . Er sah bald , daß Glanz , Artigkeit , Schönheit sie nicht bezwinge ; sie war zu stolz , sie mußte gedemütigt werden , das war aber bei ihr nicht leicht . Er ließ einige Tücken gegen ein paar lockere Weiber ausgehen und zwar in einem anscheinend gleichgültigen Gesellschaftsspiele , die sie für immer aus der Gesellschaft entfernten ; das brachte manche gegen ihn auf : auch Dolores , die an ihrem Umgange Geschmack gefunden ; sie machte ihm Vorwürfe , er stellte sich so wütend , daß ihr vor ihm angst wurde ; das war kein Schauspiel , nein er fühlte es ganz so , als würde die Gräfin durch solchen Umgang entweiht ; etwas , das der Graf auch gefühlt , aber immer nur leise angedeutet hatte ; doch dachte sie heimlich dabei , daß ihrem Manne es eigentlich gebührt hätte , so zu handeln . Mit seinem Scharfsinne faßte er auch bald die schwache Seite der Gräfin , von der er sich ihr schnell , unabhängig von dem Reize seines Umganges , wichtig und unentbehrlich machen könne . Wir sahen schon einmal auf dem Lande eine politische Verschiedenheit zwischen dem Grafen und der Gräfin aufblitzen , und seine Härte , sie darin als ein Weib von aller Verhandlung auszuschließen ; ein Unrecht in einer Zeit , die alle Ausbildung beider Geschlechter so nahe gebracht hat , daß sicher kein Gedanke in dem wechselseitigen Verkehre durch die Verschiedenheit mehr herabgewürdigt wird . Im elterlichen Hause war die Gräfin schon als Kind ganz an das Gegenteil gewöhnt worden ; Frauen wurden zu mancher geheimen Verhandlung gebraucht , öfter als Schiedsrichter über streitige Fälle ; sie erfreute sich noch immer einzig lebhaft an jeder politischen Schrift , und der Marchese überbrachte ihr deren bald viele , sehr verbotene , schwer zu erlangende , mit unter sogar Manuskripte , die er auf seinen Reisen eingehandelt hatte . Jede Heimlichkeit führt zu einer andern und verpflichtet zu manchem , was nicht voraus zu sehen . Der Marchese machte sich zur Aufbewahrung , Überbringung und Versteckung dieser politischen Gefährlichkeiten einen geheimen Gang aus , der sonst nur dem Grafen nach den Zimmern der Gräfin offen stand , wenn er , ohne die Vorzimmer zu durchlaufen , sie aus seiner Arbeitsstube besuchen wollte . Sie gab ihm den Schlüssel ohne alle Nachgedanken , welches bedeutende Zeichen sie ihm damit schenke . - Wenige Tage darauf nach mancherlei Ansätzen , Zweifeln an Verschwiegenheit , rätselhaften Andeutungen , welche alle Neugierde der Gräfin spannten , erklärte er ihr , daß er sie fähig glaube , einen ausgezeichneten politischen Einfluß zu gewinnen . Sie verbarg ihre ungemeine Freude über diese Äußerung hinter nachgesprochenen Zweifeln ihres Mannes , ob eine Frau nach ihren Verhältnissen dazu tauge . - » Das ist Torheit « , rief der Marchese heftig , » wären Frauen nur zu der kleinen Anstrengung des nötigen Schreibens zu bringen ; ich halte sie wegen der Feinheit ihrer Beobachtung für viel geschickter zu solchen Verhandlungen . « Und nach diesen Worten überströmte er sie mit Erzählungen von französischen Frauen , die ihre Zeit geleitet . Er schloß mit den Worten : » Diese Frauen leben unsterblich durch alle Jahrhunderte , während alle die guten Mütter , wozu in Deutschland das weibliche Geschlecht einzig bestimmt wird , von ihren eignen Kindern schon vergessen werden ; Sie sehen , es gibt eine höhere und eine gemeine Tugend ; die letztere kann jene nicht erkennen , sie ist über ihre Fassung , wohl aber jene diese , und darum glauben Sie wegen jener Äußerung nicht , daß ich mütterliche Tugenden verachte , die Sie Gräfin so schön und liebreich ausüben ; aber es gibt freilich etwas Höheres ! « - Die Gräfin drängte sich ungeduldig , dieses Höhere kennen zu lernen ; sie wünschte , die Geschichten jener Frauen zu lesen , und der Marchese brachte ihr einen Haufen der merkwürdigen Memoiren , die den Intrigengeist in Frankreich und die ungemeine Sittenlosigkeit , die den Hof in den beiden letzten Jahrhunderten umlagerten , so lebendig entwickeln , daß eine gewöhnliche Untreue in der Ehe , aus Zuneigung , fast wie eine himmlische Tugend erscheint . Während die Gräfin Nacht und Tag ganz heimlich in diesen Büchern las , die er ihr ebenfalls als Geheimnis anvertrauet hatte , rückte er mit seinen politischen Absichten näher ; er erbat sich von ihr Kundschaft über einige fürstliche Häuser , die sie kannte ; was sie ihm flüchtig gesagt , stellte er mit großer Lebendigkeit zu einer herrlichen feinen Darstellung zusammen , und er las es ihr spät Abends vor , so daß sie über sich selbst erstaunte , was er aus ihr bilde , chiffrierte das in ihrer Gegenwart mit großer Sorgfalt , bestellte einen Kurier und sendete es nach Spanien . Unglaublich hatte sie dies Vertrauen geschmeichelt ; sie zitterte , es zu verlieren und hätte es doch auch gerne einigen ihrer Bekannten zu verstehen gegeben . Auch dazu gab der Marchese mit einigen bedeutenden Winken in einer Gesellschaft die Gelegenheit ; er sprach von ihrem Talente , das Geheimste zu beobachten , von ihrer Darstellung mit einer Zuversicht , als wären diese Gaben allgemein anerkannt . Der Gräfin Zimmer schmückte sich jetzt mit französischer Gelehrsamkeit ; sie lebte sich ganz hinein in den Charakter der politischen Frauen in Frankreich und suchte eine Menge andrer in dieser Art mit sich bekannt zu machen , und für den Marchese zu benutzen , so daß es bald in der Stadt hieß , sie sei die rechte Hand des spanischen Gesandten . Dieser hatte noch immer politische Geheimnisse , die er ihr verbarg und nach denen sie strebte ; auch hielt er sich noch immer zurück , eine Art Herzensverständnis mit ihr zu eröffnen ; sie aber hatte den geheimen Wunsch , daß er ihr seine Liebe erklären möchte