den Augen aller Welt zerschmetterte Nanny war durch Berührung des frommen Körpers wieder gesund geworden ; warum sollte nicht auch ein ähnliches Glück hier andern bereitet sein ? Zärtliche Mütter brachten zuerst heimlich ihre Kinder , die von irgendeinem Übel behaftet waren , und sie glaubten eine plötzliche Besserung zu spüren . Das Zutrauen vermehrte sich , und zuletzt war niemand so alt und so schwach , der sich nicht an dieser Stelle eine Erquickung und Erleichterung gesucht hätte . Der Zudrang wuchs , und man sah sich genötigt , die Kapelle , ja außer den Stunden des Gottesdienstes die Kirche zu verschließen . Eduard wagte sich nicht wieder zu der Abgeschiedenen . Er lebte nur vor sich hin , er schien keine Träne mehr zu haben , keines Schmerzes weiter fähig zu sein . Seine Teilnahme an der Unterhaltung , sein Genuß von Speis und Trank vermindert sich mit jedem Tage . Nur noch einige Erquickung scheint er aus dem Glase zu schlürfen , das ihm freilich kein wahrhafter Prophet gewesen . Er betrachtet noch immer gern die verschlungenen Namenszüge , und sein ernstheiterer Blick dabei scheint anzudeuten , daß er auch jetzt noch auf eine Vereinigung hoffe . Und wie den Glücklichen jeder Nebenumstand zu begünstigen , jedes Ungefähr mit emporzuheben scheint , so mögen sich auch gern die kleinsten Vorfälle zur Kränkung , zum Verderben des Unglücklichen vereinigen . Denn eines Tages , als Eduard das geliebte Glas zum Munde brachte , entfernte er es mit Entsetzen wieder ; es war dasselbe und nicht dasselbe ; er vermißt ein kleines Kennzeichen . Man dringt in den Kammerdiener , und dieser muß gestehen , das echte Glas sei unlängst zerbrochen und ein gleiches , auch aus Eduards Jugendzeit , untergeschoben worden . Eduard kann nicht zürnen , sein Schicksal ist ausgesprochen durch die Tat ; wie soll ihn das Gleichnis rühren ? Aber doch drückt es ihn tief . Der Trank scheint ihm von nun an zu widerstehen ; er scheint sich mit Vorsatz der Speise , des Gesprächs zu enthalten . Aber von Zeit zu Zeit überfällt ihn eine Unruhe . Er verlangt wieder etwas zu genießen , er fängt wieder an zu sprechen . » Ach ! « sagte er einmal zu dem Major , der ihm wenig von der Seite kam , » was bin ich unglücklich , daß mein ganzes Bestreben nur immer eine Nachahmung , ein falsches Bemühen bleibt ! Was ihr Seligkeit gewesen , wird mir Pein ; und doch , um dieser Seligkeit willen bin ich genötigt , diese Pein zu übernehmen . Ich muß ihr nach , auf diesem Wege nach ; aber meine Natur hält mich zurück und mein Versprechen . Es ist eine schreckliche Aufgabe , das Unnachahmliche nachzuahmen . Ich fühle wohl , Bester , es gehört Genie zu allem , auch zum Märtyrertum . « Was sollen wir bei diesem hoffnungslosen Zustande der ehegattlichen , freundschaftlichen , ärztlichen Bemühungen gedenken , in welchen sich Eduards Angehörige eine Zeitlang hin und her wogten ? Endlich fand man ihn tot . Mittler machte zuerst diese traurige Entdeckung . Er berief den Arzt und beobachtete , nach seiner gewöhnlichen Fassung , genau die Umstände , in denen man den Verblichenen angetroffen hatte . Charlotte stürzte herbei ; ein Verdacht des Selbstmordes regte sich in ihr ; sie wollte sich , sie wollte die andern einer unverzeihlichen Unvorsichtigkeit anklagen . Doch der Arzt aus natürlichen und Mittler aus sittlichen Gründen wußten sie bald vom Gegenteil zu überzeugen . Ganz deutlich war Eduard von seinem Ende überrascht worden . Er hatte , was er bisher sorgfältig zu verbergen pflegte , das ihm von Ottilien Übriggebliebene in einem stillen Augenblick vor sich aus einem Kästchen , aus einer Brieftasche ausgebreitet : eine Locke , Blumen , in glücklicher Stunde gepflückt , alle Blättchen , die sie ihm geschrieben , von jenem ersten an , das ihm seine Gattin so zufällig ahnungsreich übergeben hatte . Das alles konnte er nicht einer ungefähren Entdeckung mit Willen preisgeben . Und so lag denn auch dieses vor kurzem zu unendlicher Bewegung aufgeregte Herz in unstörbarer Ruhe ; und wie er in Gedanken an die Heilige eingeschlafen war , so konnte man wohl ihn selig nennen . Charlotte gab ihm seinen Platz neben Ottilien und verordnete , daß niemand weiter in diesem Gewölbe beigesetzt werde . Unter dieser Bedingung machte sie für Kirche und Schule , für den Geistlichen und den Schullehrer ansehnliche Stiftungen . So ruhen die Liebenden nebeneinander . Friede schwebt über ihrer Stätte , heitere , verwandte Engelsbilder schauen vom Gewölbe auf sie herab , und welch ein freundlicher Augenblick wird es sein , wenn sie dereinst wieder zusammen erwachen .