zärtlicher Innigkeit in sich aufgespeichert hatte , gab sie ihm hin , und er stieß sie zurück – das aber sollte er nun und nimmer wissen ... Mit namenloser Angst entriß sie ihm den Zügel . Ihr Oberkörper bog sich mit einer fast krampfhaften Bewegung nach der entgegengesetzten Seite , während ihre Augen scheu den Abgrund suchten . Bei dieser Gebärde erblaßte Oliveira . » Gräfin , Sie mißverstehen mich – « sagte er mit bebender Stimme , aber er brach sogleich ab , und jetzt glitt ein schönes , sarkastisches Lächeln über sein Antlitz hin . » Sehe ich aus wie ein Wegelagerer ? « fragte er ... » Wie einer , der ein wehrloses Geschöpf – sei es wer immer – dort hinabstoßen könnte ? « Er deutete nach dem Steinbruch . Daran hatte ihre Seele nicht gedacht . Wie war ein solches Mißverständnis möglich , und wie sollte sie es anfangen , ihre heftige Bewegung anders zu motivieren ? Er ließ ihr keine Zeit . » Wir müssen weiter « , sagte er , während sein Auge am Horizont hing . Die Rauchwolken verdichteten sich augenblicklich , zwei dunkle Säulen fuhren gen Himmel ; das Feuer gewann sichtbar an Ausdehnung . Oliveira sah wieder auf die junge Dame nieder – seine Züge hatten jenen entschiedenen Ernst angenommen , der ihr so mächtig imponierte . » Ich bin eine feige Natur , Gräfin « , sagte er weiter . » Ich kann es nicht sehen , wenn ein Pferd auf schmalem Weg an einem Abgrund hinschreitet ... Hinüber müssen wir ! Aber ich bitte Sie , zuvor das Pferd zu verlassen . « » Oh , Sara geht sicher ! Sie scheut nicht ! « versicherte Gisela mit einem leisen Anflug ihres kindlichen Lächelns . » Ich habe ja vorhin erst die Stelle passiert – sie ist ganz und gar ungefährlich . « » Ich bitte Sie ! « wiederholte er statt aller Antwort . Sie glitt , gehorsam wie ein Kind , von Miß Saras Rücken . In demselben Augenblick sprang auch er auf den Boden , und während sie , ohne sich umzusehen , nach dem Fußweg hinschritt , band er die Tiere fest . Gisela schrak zusammen – er stand an ihrer Seite , als sie den schmalen Weg betrat . Ihr zur Rechten stieg die Felswand in jäher Steilheit empor , und links schritt er dicht an der Tiefe hin . Schüchtern glitt ihr Blick seitwärts an der mächtigen Gestalt empor – es lagen in Wirklichkeit nur wenige Linien Raum zwischen ihnen , und doch sollte sie für ewig eine geheimnisvolle Kluft trennen , die nur er kannte ... Ihr einst so kalt erwägender Verstand , der die Schranken der sogenannten weltlichen Ordnung streng respektiert und sich in allen seinen Schlüssen an sie angelehnt hatte , was war er jetzt dem überwältigenden Ausbruch ihres Herzens gegenüber ? ... Und wenn der Mann neben ihr seine Rechte gehoben und gesagt hätte : › Gehe weiter mit mir , so wie du da neben mir herschreitest , lasse alles zurück , was sie dein nennen und was du doch nie geliebt hast , gehe mit mir in unbekannte Ferne und in die dunkle Zukunft ‹ – sie wäre gegangen ; dem Arm , der das hilflose Weib getragen hatte , vertraute sie blindlings ... Aber jener Hochgeborene drüben auf der Waldwiese , der Diplomat mit dem eiskalten Gesicht und den schlaffen Lidern , der sie » meine Tochter « nannte , er hatte den letzten Rest ihres Vertrauens verwirkt ... Er wußte auch , daß sie den Steinbruch passieren mußte , und doch hatte er sie förmlich dahin zurückgejagt – er war keine » feige « Natur , wenn es sich um Leben oder Tod handelte , ihn verließ nur die Fassung und Selbstbeherrschung dem Verbrechen der Etiketteverletzung gegenüber . Nicht ein Wort fiel zwischen den Dahinwandernden . Oliveiras Gesicht sah aus wie von Erz – kein Blick fiel auf das Mädchen ; er hob auch die Rechte nicht , die bewegungslos niederhängend das weiße Kleid streifte , aber er schritt beharrlich als Schutz und Wehr neben ihr , und sie sah , wie ihm das Blut in die braunen Wangen schoß , wenn ihr Fuß an einem Stein abglitt und ihre Gestalt erschüttern machte . So kamen sie an die Stelle , wo sich der Weg auf wenige Fußbreit verengte . Gisela fühlte ihre Pulse stocken ; um sie nicht zu berühren , hielt Oliveira beharrlich die Linie fest , auf der er bisher geschritten war ... Die junge Dame sah , wie sich die wenigen Nesseln , die den Wegrand besäumten , unter seinem Fuß in die Tiefe hinunterbogen ; sie hörte , wie die Steine und Erdbrocken sich ablösten und polternd hinabstürzten – das scheue Mädchen , das ängstlich vor jeder Berührung zurückwich , ergriff plötzlich mit beiden Händen den Arm des Mannes . » Ich habe Angst um Sie ! « stammelte sie mit flehendem Blick – es waren Laute der tiefsten Zärtlichkeit , in denen diese liebliche , aber keusch kalte Stimme urplötzlich brach . Er stand wie festgewurzelt , ja , wie versteinert unter der Berührung der kleinen Hände , unter der Wirkung dieser Töne ... Vielleicht lief jener grellrote Streifen wieder über die geheimnisvoll gezeichnete Stirne , von dem man meinen konnte , er vereinige den ganzen flutenden Lebensstrom in sich und mache momentan Herz- und Pulsschlag ersterben ... Bis da hinauf wagte sich Giselas Blick nicht – so hoch aufgebaut auch ihre geschmeidige Gestalt erschien , der blonde Scheitel reichte doch nicht viel über die Brust des gewaltigen Mannes , und jetzt sah sie in nächster Nähe , wie diese breite Brust mühsam nach Atem rang . Welcher Art der Kampf war , der sie hob und senkte – Gisela wußte es nicht , es blieb ihr auch keine Zeit darüber zu denken ... Oliveira ergriff mit der Linken sanft ihre Hände , löste sie von seinem Arm