früheren Geleise fortgegangen wäre , hätten wir einen bescheidenen , aber sicheren Schnitt gemacht . Aber so sollte sich mit Teufelsgewalt das Kapital auf hundert Prozent verzinsen , weil Sie immer in der Angst sind , Ihre Mündel könnte einmal den Braten riechen und ihr Vermögen zurückverlangen oder gar heiraten und Sie könnten ’ s mit einem halsstarrigen Ehemann zu tun bekommen , der noch weniger Umstände machen würde als Fräulein Ernestine . Deshalb mußten von Anfang an so ungeheure Spekulationen gemacht wer ­ den und Alles sollte im Handumdrehen einschlagen . Ich sagte Ihnen gleich : wir haben keinen genügenden Abfluß für eine so großartige Anilinfabrikation.35 Da ruhten Sie nicht , bis der teure Abzugskanal ange ­ legt wurde und bald genug zeigte sich ’ s , daß er zu wenig Fall hatte und die Jauche drin stehen blieb . Nun meinten Sie , eine Wasserleitung solle den Unrat mit fortschwemmen . Wieder wurde Geld hinaus ­ geworfen und wieder unnütz . Der dürre Sommer hat die Quelle vertrocknet , sie war immer spär ­ lich — jetzt ist sie ganz ausgeblieben . Die ungeheuren , noch nicht bezahlten Vorräte liegen da und können nicht verarbeitet werden , denn es erheben sich bereits wieder Stimmen von „ Brunnenvergiftung “ im Dorfe , der Abfluß fängt also abermals an durchzusickern . Der Bürgermeister droht mit dem Prozeß . Wenn das nötige Wasser nicht bald herbeigeschafft wird , verklagt mich die Gemeinde und ich kann weder Sie noch mich vor der Entdeckung schützen . Es fällt den Leu ­ ten ohnehin auf , daß sich der italienische Herr , der damals die Komödie spielen und die Fabrik für Sie kaufen mußte , gar nicht mehr sehen läßt . Es wird so allerhand gemunkelt : es sei gar nicht der wahre Eigentümer und Gott wisse , wer dahinter stecke . Wir haben also mehr denn je Vorsicht nötig ! Es hilft nichts , Sie müssen in den sauern Apfel beißen und die Wasserleitung bis zum Walde ver ­ längern , dort wissen wir sicher , was wir haben . Mit dem Nachgraben und Quellensuchen ist es nichts — es wird dabei im Kleinen mehr Geld verzettelt , als auf die andere Art im Großen . Ich weiß nicht , was Sie an Barem vorrätig haben — reicht es nicht zu dieser letzten großen Ausgabe hin — dann sind Sie binnen weniger Wochen in Gant.36 Wahrlich ohne meine Schuld ! Ich habe auch kein Geld mehr für die Wochen ­ löhne und ich glaube , es wäre gerade im jetzigen Augenblick gut , wenn wir dieselben fortbezahlten , selbst so lange die Arbeit eingestellt ist , um die Leute bei Laune zu erhalten . Sie werden wieder ihren ganzen Zorn auf mich werfen , — ich sage Ihnen aber — ich lasse mir nichts mehr gefallen . Ich war ein un ­ bescholtener Mann , bis Sie den Versucher spielten und mich zu Ihrem Mitschuldigen machten . Aber deshalb bin ich doch noch nicht zum Schuft an Ihnen , meinem Prinzipal , geworden , wenn ich auch , Gott sei ’ s geklagt , zum Schuft am Gesetz wurde . Es ist mit Ihnen wie mit dem Herrn Neuenstein , der machte auch nur Bankrott , weil er nicht auf mich hören wollte , aber der war doch ein ehrlicher Mann — be ­ zahlte auf Heller und Pfennig und hatte Niemandes Auge zu scheuen . Wenn Sie zu Grunde gehen , so ziehen Sie Ihre Mündel , mit deren Geld Sie wirtschaften , auch ins Verderben , und mich armen Teufel mit ! Es heißt nicht umsonst : Unrecht Gut gedeiht nicht ! Gott erbarme sich ! Es grüßt Sie achtungsvoll Clemens Prücker Werkmeister Das war zu viel auf einmal : — „ Mein Kind , mein Kind — ich habe umsonst für Dich gesündigt , gefälscht , unterschlagen ! Wird der Himmel hoch ge ­ nug sein für Deinen Stolz auf solch einen Vater ? “ stöhnte er und wieder fiel er in sich zusammen — der Kopf sank auf die Stuhllehne zurück , das Bewußtsein verließ ihn . Der Tag graute , als er die Augen aufschlug , der widerliche Geruch ausgebrannter Kerzen erfüllte die Luft . Seine Glieder waren steif und wie ver ­ renkt von der unbequemen Lage , der Frost schüttelte ihn . Er sah sich um und dehnte sich . Dann ver ­ suchte er zu gehen , Hände und Füße waren ihm ein ­ geschlafen , er schwankte wie ein Träumender im Zimmer umher . Endlich fiel sein Blick auf die Briefe . Er nahm sie auf und ging damit zum Schreibtisch . Er legte sie in ein verborgenes Fach , dann holte er eine Kassette hervor und prüfte ihren Inhalt . Sie enthielt Staatspapiere und einige Rollen baren Geldes . Die Sonne schien bereits hell zum Fenster herein , als der bleiche Mann noch saß und zählte und rechnete . Endlich steckte er den ganzen Inhalt der Kasse in eine lederne Reisetasche und zog die Glocke . Ein Diener erschien . Leuthold befahl ihm , anspannen zu lassen und zu packen , was an Kleidern für eine Reise von einigen Tagen nötig sei . Als er hörte , seine Nichte sei wach , begab er sich zu ihr : „ Guten Morgen , Ernestine ! “ sagte er , „ wie geht es Dir ? “ „ Das möchte ich eher Dich fragen , Oheim ! “ erwiderte sie — „ Du siehst ja aus , als wärst Du eben dem Grabe entstiegen ? “ „ O , es hat nichts zu sagen . Ich habe lange ge ­ wacht . Der Werkmeister von Unkenheim bat mich im Namen meines italienischen Freundes , doch schnell nach der Fabrik zu sehen , wo Alles schief geht . Ich halte es für meine Pflicht , mich um die Sache zu kümmern , da ich von früher noch mit den Verhältnissen dort bekannt bin und ihm leider