bei meiner zweiten Mutter , wie ich sie zuweilen liebkosend nannte . Auf dem blassen , stillen Gesicht des jungen Pfarrers rief dieser Name immer ein leises , trauriges Lächeln hervor . Die Gute , sie verdiente ihn auch . Mit Rat und Tat stand sie der verwaisten Braut bei , und eine wirkliche Mutter hätte kaum umsichtiger und besorgter für ihre Tochter sein können als sie . Als ich ihr zögernd und doch so freudig gestand , daß ich nun doch noch Wilhelms Braut geworden sei , da flog wohl für einen Augenblick ein Schatten über ihr altes Gesicht , und ein besorgter , kummervoller Blick richtete sich nach der Tür zum Studierzimmer ihres Sohnes , wo er seine Predigt verfaßte . Aber dann ergriff sie warm meine Hand und wünschte mit herzlichen Worten Glück . Auch der junge Pastor sagte mir am anderen Tage einige freundliche Worte . Nur kam es mir vor , als ob seine Hand zitterte , wie sie die meine erfaßte , und als ob die tiefe Stimme leise erbebte . Als ich ihm voll ins Gesicht sehen wollte , da wendete er sich ab und schritt weiter . Heute nun war ich , wie schon gesagt , ein Stündchen drüben gewesen . Der Sturm hatte mich , als ich über die Straße schritt , tüchtig gefaßt und ich konnte mich eines frostigen Schauers nicht erwehren . Willy jauchzte mir freudig entgegen . Ich nahm das Kind auf den Arm und stand mitten in der Stube . Kathrin nickte mir schläfrig zu . Da war es mir auf einmal , als zöge sich ein Nebel um meine Augen , als strahle die Lampe nur ein blasses , falbes Licht aus . – Ich setzte das Kind rasch auf den Boden und faßte mit der Hand an meine Stirn . In diesem Augenblick schlug es auf dem kleinen Kirchturm sechs Uhr . Hatte ich den Kleinen erschreckt durch das rasche Heruntergleiten , oder hatte er sich weh dabei getan , ich weiß es nicht . Er blieb einen Moment starr an der Erde sitzen und schrie dann plötzlich laut und ängstlich auf . Ich nahm ihn rasch wieder empor , er war wieder ruhig . Aber mich erfaßte ein banges Gefühl , mein Herz klopfte heftig . Ich schritt rasch ein paarmal in der Stube auf und ab und horchte auf den Sturm , der das Haus umtobte , dann sah ich wieder auf Kathrin , die eingenickt war . Auch das Köpfchen des Kindes hatte sich auf meine Schulter gesenkt . Leise legte ich den kleinen Schläfer auf das Sofa und drehte die Lampe so , daß der Schatten auf sein Gesicht fiel , dann preßte ich die Hände auf mein Herz und suchte mich des unheimlichen Bangens zu erwehren , das so plötzlich über mich gekommen war . Ich zog Eberhardts Brief aus meinem Kleide , den mir Friedel morgens gebracht hatte , und las ihn Wort für Wort noch einmal durch . Draußen heulte der Wind in allen Tonarten und meine Unruhe steigerte sich immer mehr . Ich bin nicht abergläubisch , aber in dieser Stunde habe ich geahnt , daß ein furchtbares Geschick über mich hereingebrochen war . – Was ich alles tat an jenem Abend , um meine Unruhe zu bemeistern , ich weiß es nicht mehr . Später , nach dem Abendessen , als Kathrin und der kleine Bursche schliefen , versuchte ich zu lesen , um meine Gedanken zu fesseln . Umsonst , sie schweiften immer wieder fort . Es war totenstill in dem kleinen Gemach , und doch lauschte ich mit allen Sinnen : es war ein Hinaushorchen in die Ferne . Ich dachte an ihn , und ob seine Gedanken wohl auch so ängstlich bei mir weilten . – Draußen hatte sich das Unwetter verdoppelt . Ich lag dann in meinem Bett und lauschte dem Heulen und Toben des Windes und den gleichmäßigen Atemzügen des Kleinen neben mir , schlaflos und bange . Endlich , gegen Morgen , kam ein wenig Schlummer . Ach , später habe ich mir oft gewünscht , daß ich nie wieder erwacht sein möchte . – Mich schreckte ein heftiges , lautes Pochen auf . Ich fuhr empor in meinem Bett und lauschte mit Herzklopfen , ob es nicht ein Traum gewesen sei – aber nein , da tönte es schon wieder , lauter und deutlicher fiel der Klopfer der Haustür auf seine Metallplatte ; gleichzeitig drang der Ruf : » Marie ! Marie ! « an mein Ohr . In einem Nu war ich in meinen Morgenkleidern , eilte mit einem Licht hinaus und öffnete die Tür . Ein kalter Luftzug drang herein und verlöschte das Licht ; ich sah nur noch eine Gestalt eintreten . Wer es war , konnte ich in der Finsternis nicht erkennen . Die Frage erstarb mir auf den Lippen , denn eben kam auch Marie mit ihrer Lampe die Treppe herunter , und der Schein fiel flackernd und unsicher auf Friedels verstörtes Gesicht . Ein Blick auf ihn sagte mir , daß etwas Schreckliches geschehen sei . Er war ohne Mütze , die Haare hingen Wirr um das Gesicht , die Augen irrten angstvoll von mir zu Marie und wieder von Marie zu mir . – Er wollte sprechen und konnte nicht , und ich starrte ihn an , ohne vor Todesangst ein Wort sagen zu können . » Jesses Maria ! « schrie das Mädchen auf . » Der Friedel ! Was ist da passiert ? « » Der Herr Leutnant ! « stammelte er endlich nach einer Pause , die mich das Klopfen meines Herzens deutlich hören ließ . » Der Herr Leutnant – « schrie er dann auf und warf sich zu meinen Fußen – » ist tot ! Gestern abend ! Oh , der barmherzige Gott soll mir meine Sünden vergeben , aber ich wollt ' , ich wäre tot ! Ach , Fräulein , der Jammer , der Jammer