Angesicht schien ein wenig bleich - doch kühl und klar der Ausdruck wie immer . In vielen Kleidern und Farben hatte Allert sie gesehen . Aber die behielt er nicht im Gedächtnis - die sah er nicht , wußte er nicht . Vor ihm stand sie immer in jenem blaßblauen Gewand mit den dunklen , starken Veilchensträußchen - die an der weißen , blühenden Pracht ihrer Schultern lagen . Er suchte ihren Blick zu erzwingen . Und nun sah sie ihn . Ihr Auge schien dunkler , größer zu werden . Sein Blick sprach zu ihr - beredt , eindringlich , seine Nasenflügel bebten . Oh , er hätte sein ganzes Ich in seinen Ausdruck legen mögen . Und er wartete auf ein Zeichen , daß sie ihn verstehe - eine Verheißung - eine Bejahung all der brennenden Bitten , die seine Blicke zu ihr hinübersandten . Und es war , als sei auch in ihren Augen ein besonderes Licht . Was strahlte es ihm zu ? Er verstand es nicht . War es der unbesiegbare Eigenwille , der mit stolzem Leuchten trotzte : ich tue , was mir richtig scheint ? Nun senkte sie die Lider . War es ihr unerträglich , die leidenschaftliche Bitte zu sehen , die auf seinem Gesicht geschrieben stand ? Dann eine große , allgemeine Bewegung - auch Marieluis wandte ihr Gesicht Doktor Marya Möller zu . Die trat rasch ein . Ganz und gar vertraut mit der Oeffentlichkeit - gewohnt , mit sachlichem Blicke vielen Hunderten von Gesichtern zu begegnen . Mittelgroß war sie , und zu einem kurzen , schwarzen Rock trug sie eine dunkle Weste , ein Flanellhemd mit Klappkragen und ein dunkles Jackett . Die Kleidung strebte offenbar männlichen Charakter an . Allert dachte : Gegenspiel zu den bunten Schuhen und weißen Flören der Frau Julia - zwei Sorten von Grenzüberschreitungen - welche war ihm fataler ? Er hatte keine Zeit , sich diese Frage eingehender vorzulegen . Denn Doktor Marya Möller erhob ihr scharfes Gesicht , das unter dem kurzverschnittenen , graumelierten Haar an einen Predigerkopf amerikanischer Art erinnerte . Diese Kopfbewegung hatte die gleiche Wirkung wie das Emporheben des Dirigentenstabes in der Hand eines berühmten Kapellmeisters : vollkommene Stille trat ein . Und dann hingen die vielen hundert Augenpaare eine Stunde lang gefesselt an diesem ausdrucksvollen Gesicht , und alle Ohren lauschten angestrengt , um nur ja keine Silbe von diesen kunstvoll vorgetragenen , hart dreinfahrenden , kühnen , auch die heikelsten Dinge offen nennenden Worten zu verlieren . Und die fanatischen , brennenden braunen Augen im Gesicht der Rednerin hatten eine hypnotische Macht - da war niemand im Saal , der nicht das Gefühl gehabt hätte : sie sieht mich an . Jedem wußte sie das Gefühl zu suggerieren , daß es schimpflich sein würde , in der Aufmerksamkeit nachzulassen . Welche Kraft war in diesem Weibe . - Allert hörte und erfaßte alles - das ganze Bild des Elends , der Versuchungen , der moralischen Versumpfung in den Unterschichten rollte sie auf , das jedem denkenden Mann , der nicht blind und fühllos durch die sozialen Gärungen der Zeit schritt , wohlbekannt war . Vielen weiblichen Zuhörerinnen erzählte sie damit wohl ihnen bisher unbekannt Gebliebenes . Doktor Marya Möller kannte aber nur einen Schuldigen : den Mann ! Es gab für sie keine geschichtlichen Rückblicke , und sie schien nicht zu wissen , daß manche Krankheitserscheinungen , daß Verbrechen aus tollgewordenem Kraftüberschuß so alt waren wie das Menschengeschlecht , und so unabänderlich wie mißgeformte und abfaulende Blätter in der Fülle reich belaubter Wipfel . Sie schien auch gar nichts von wirtschaftlichen Evolutionen , vom Arbeitsmarkt , von der Einwirkung schlimmer Umwelt , vom ererbten Hang zum Liederlichen zu wissen . Der Mann war ihr die Ursache allen Uebels . Oder : durchaus wahrscheinlich : es lag in ihrem Vorsatz und heutigen Programm , alles nur von einer Seite zu beleuchten . Denn als unerhört zielbewußte , kluge Kämpferin wußte sie wohl , welche Gewalt solche Einseitigkeit gibt ; wie hell , wie grell , wie den Blick blendend sich die Dinge ausnehmen , wenn ein Scheinwerfer sie bestreicht . Allert hörte sachlich zu . Diese Einseitigkeit hatte etwas Imponierendes . Und diese Keulenschläge trafen oft genug auf den rechten Fleck ... Nur schade , daß gerade die Männer hier nicht zuhörten , die am meisten davon hätten betroffen sein müssen : der rohe , trunkene Kerl der abendlichen Gassen - der frühreife Bengel der Hinterhäuser - ja , diese hörten dem Vortrag von Doktor Marya Möller nicht zu . Und die vielen vornehmen Frauen in der strengen Eleganz unauffälliger Schneiderkleider - die hörten gewiß mit einem schaurigen , brennenden Interesse - so wie Kinder den Robinson Crusoe lesen - gespannt durch die für sie selbst nie erlebbaren Gefahren und Begebenheiten . - Und während Allert hörte , sah er zugleich . Er sah das schöne , blonde , geliebte Haupt . Für ihn trug sie kein düsteres Schwarz . Saß sie nicht da , von blaßblauer Seide umgleißt - mit dunklen lila Veilchen an den herrlichen Schultern - stolz und rein ? Ihre Augen hingen an der Rednerin - ihr Gesicht war bleich . Schien es ihm nur so ? Hob sie den Kopf auf eine besondere Art - wie kritischer Hochmut tut ? Oder war es die Geste der Erhobenheit - des Triumphes für diese Genossin im Kampfe ? Wenn er in ihre Seele hätte hineinblicken können ! Mit einem Male sah er wieder jene häßliche Szene - sah sie in der abendlich düsteren Straße , die der klebrige Nebel füllte , und er hörte wieder die grölende Stimme des Trunkenboldes , der sie bedrängte - Er fühlte einen bitteren Schmerz in sich aufsteigen . Mußte nicht auch sie daran denken - gerade jetzt ? Begriff sie wohl , daß dieses Mannweib da oben ganz andere Zwecke und Ziele hatte ? Daß da die Arbeit zur Hebung der Sittlichkeit nur das Mittel war , die