» als sie eingestehen will . Ich habe sie einmal gesprochen , im Sanatorium . Wir sind eine ganze Weile draußen auf dem Gang gestanden vor der weiß lackierten Türe , hinter der der arme Oskar lag . Damals fürchtete man auch noch für das andere Auge . Es ist wahrhaftig eine tragische Geschichte . « » Eine tragikomische « , verbesserte Heinrich hart . » Sie sehen überall was Tragikomisches . Ich will Ihnen auch sagen warum . Weil Sie ziemlich herzlos sind . Das Komische tritt in diesem Falle doch ganz zurück . « » Sie irren « , erwiderte Heinrich . » Die Ohrfeige des alten Ehrenberg war eine Brutalität , der Selbstmord Oskars eine Albernheit ; daß er sich so schlecht getroffen hat , eine Ungeschicklichkeit . Aus diesen Motiven kann doch nichts Tragisches resultieren . Eine etwas widerliche Affäre ist es , das ist alles . « Georg schüttelte ärgerlich den Kopf . Er hatte für Oskar , seit das Unglück geschehen , wirkliche Sympathie gefaßt . Und auch der alte Ehrenberg , der seither immer draußen in Neuhaus lebte , nur mehr für seine Arbeit , und keinen Menschen sehen wollte , tat ihm leid . Sie hatten beide gebüßt , schwerer als sie es verdient hatten . Vermochte Heinrich das nicht geradesogut einzusehen und zu fühlen wie er ? Sie machten einen wirklich manchmal nervös , diese jüdisch-überklugen schonungslos-menschenkennerischen Leute , diese Bermann und Nürnberger . Daß man sich nur ja von nichts überraschen ließ , das blieb ihnen die Hauptsache . Güte , die war es , die ihnen fehlte . Erst wenn sie älter wurden , kam eine gewisse Milde über sie . Georg dachte an den alten Doktor Stauber , Frau Golowski , an den alten Eißler . Aber so lang sie jung waren ... immer hielten sie sich auf dem qui vive . Nur ja nicht die Dümmern sein ! Eine unbequeme Gesellschaft . Sehnsucht nach Felician , nach Skelton regte sich in ihm , die doch wahrhaftig auch gerade gescheit genug waren ; sogar nach Guido Schönstein . » Bei aller Melancholie aber « , sagte Heinrich nach einiger Zeit , » scheint sich Fräulein Else ganz leidlich zu amüsieren . Es gibt auch schon wieder Besuch auf dem Auhof . Neulich waren die Wyners dort , Sissy und James . James ist in Cambridge Doktor geworden . Nobel , was ? « Der Name Sissy zuckte an Georgs Herzen vorbei , wie ein glitzernder Dolch . Er wußte es plötzlich , in wenig Tagen würde er bei ihr sein . Seine Sehnsucht schwoll so mächtig auf , daß er es selbst kaum begriff . Die Dämmerung sank . Georg und Heinrich erhoben sich , gingen die Wiese hinab und traten in den Garten . Da sahen sie Anna in Begleitung eines Herren den mittleren Weg heraufkommen . » Der alte Doktor Stauber « , sagte Georg , » Sie kennen ihn wohl ? « Man begrüßte einander . » Ich freue mich sehr « , sagte Anna zu Heinrich , » daß ich Sie endlich einmal bei uns sehe . « Bei uns , wiederholte Georg innerlich mit einem Befremden , das er gleich wieder zurücknahm . Er ging mit Doktor Stauber voraus . Heinrich und Anna folgten langsam . » Wie sind Sie mit Anna zufrieden ? « fragte Georg den Doktor . » Es kann nicht besser gehen « , erwiderte Stauber . » Sie soll nur weiter regelmäßig und fleißig Bewegung machen . « Georg fiel es ein , daß er dem Doktor , den er seit seiner Rückkehr zum erstenmal sah , die entliehenen Bücher noch nicht zurückgegeben hatte , und er brachte seine Entschuldigung vor . » Aber das hat ja Zeit « , erwiderte Stauber . » Wenn sie Ihnen nur zustatten gekommen sind . « Und er fragte ihn nach den Eindrücken , die er aus Rom mit nach Hause genommen hätte . Georg erzählte von Wanderungen durch die alten Kaiserpaläste , von Fahrten durch die Campagna im Abendglanz , von einer gewitterschwülen Stunde im Garten des Hadrian . Doktor Stauber bat ihn aufzuhören , sonst könnte es geschehen , daß er alle seine Patienten hier im Stich ließe , um geradewegs nach der vielgeliebten Stadt zu entfliehen . Dann erkundigte sich Georg höflich nach Doktor Berthold . Ob es auf Wahrheit beruhe , daß ihn schon der nächste Winter wieder politisch tätig finden werde . Doktor Stauber zuckte die Achseln . » Er kommt im September zurück . Das ist vorläufig das einzig Sichere . Bei Pasteur ist er sehr fleißig gewesen , und hier im pathologischen Institut will er eine große Serumarbeit weiterführen , die er in Paris begonnen hat . Wenn er mir folgt , bleibt er dabei . Das was er jetzt macht , ist doch wichtiger für die Menschheit als die schönste Revolution , meiner unmaßgeblichen Meinung nach . Freilich , die Talente sind verschieden , und gegen gelegentliche Umstürze habe ich gewiß nichts einzuwenden . Aber unter uns , das Talent meines Sohnes liegt doch mehr auf der wissenschaftlichen Seite . Nach der andern Richtung treibt ihn mehr das Temperament ... vielleicht ausschließlich die Galle . Na , wir werden ja sehen . Aber wie stehts denn mit Ihren Plänen für den Herbst ? « fügte er plötzlich hinzu und sah Georg mit seinem gutmütig-väterlichen Blick an . » Wo werden Sie den Taktstock schwingen ? « » Ja wenn ich das schon selber wüßte « , erwiderte Georg . Und während er dem Arzt , der mit halbgeschlossenen Lidern , die Zigarre im Mund , ihm zur Seite ging , in betonter Wichtigkeit von seinen Bemühungen und Aussichten erzählte , glaubte er zu fühlen , daß alles , was er sagte , von Doktor Stauber nur als Rechtfertigungsversuch für das Aufschieben seiner Verheiratung mit Anna aufgefaßt würde . Eine leichte Gereiztheit gegen sie stieg in ihm auf , die hinter ihnen herging und