. Meine geliebte Nichte müht sich sehr um sie . Und es gelingt ihr auch . Es gelingt ihr , Verena wenigstens in der ländlichen Stille zurückzuhalten . « So erzählte die alte Gräfin . » Es ist gar nicht zu sagen , « spann sie ihre Erzählung weiter , » welche stille Schönheit in ihr brannte in ihrer Mädchenzeit . Und welche Erstarrung über sie gekommen ist . « Aber Einhart hatte sich dann erhoben , weil die alte Dame ihre Handarbeit neben die Teetasse hinschob , um den Ankommenden jetzt auch entgegenzugehen . Und weil er sich von der Neuheit seiner Eindrücke etwas zu erholen wünschte , bat er , daß man ihm erlauben möge , eine einsame Streiferei in den Park und die nächste Umgebung zu tun , um , wie er launig zu der Gräfin sagte , erst einmal deutlich mit Augen anzusehen , wo er sich denn eigentlich befände ? 6 Verena war eine jungfräuliche Frau , eine schlanke , schwebende Junge in schwarzen Flören . Komtesse Josepha ging mit sorgendem Blick zärtlich hütend um sie . Und die Gesellschaftsdame , eine alte Baronin , die außermaßen verbindlich und steif und blinzelnd etwas hinterdrein kam , sowie die jungen Herrschaften , die mit den Ankommenden jetzt auf die Terrasse hinausgetreten , alle schienen in ihren gemessenen Gebärden anzudeuten , daß ein unbegreifliches Schicksal nun in ihrer Mitte stand . Allenthalben hatte die schwebende , schlanke , verschleierte Verena den Vortritt . Auch die alte Exzellenz erhob sich wie erschreckt , als sie Verena vor sich sah , und küßte der Trauernden die Hand , ohne etwas zu sagen . Es schien in diesem Augenblicke , als wenn eine Heilige mit einer Trauerbotschaft hereingetreten , und als wenn alle erstarrt wären . Um Verena wehte es wie Märzluft . Sie schien von der Fahrt ein wenig gerötet . Aber gar nicht sonst erweckt aus ihrer tiefen Stille . Man hatte bei der Begrüßung nur flüchtig leise Worte gewechselt . Jetzt war man lange stumm . Alle , auch die Jungen , lauschten sozusagen auf ein erlösendes Wort , das aus den leichtgereckten , flaumigen Lippen von Verena kommen würde , die wie eine Rätselträgerin aufgerichtet dastand . Verena hatte ihren Schleier zurückgeschlagen . Da enthüllte sich ein Gesicht , rosig und streng , wie ein Engel von Fra Angelico , mit einem lieblichen , scheuen , graudunklen Auge . Es lächelte verloren zur alten Gräfin Schleh hinüber , als man sich endlich in die Runde niedergelassen hatte , und die Diener den Ankömmlingen den Tee zu reichen begannen . Dann waren die graudunklen Augen Verenas lange über die durchschatteten Parkwiesen hingewandert , wie ziellos , und doch heimlich suchend , und wie wenn es aus dem warm besonnten Dufte der Aue aufsteigen könnte . Ein goldener Tag fing an zu vergehen . Die sinkende Sonne glänzte in Blatt und Zweigen . Strahlengarben schossen zwischen den Baumwipfeln hindurch . Und allenthalben in Blattwerk und den hohen Blumenstauden schwebten und zitterten in der Luft goldene Gespinste . Die alte Schloßherrin sah oft mit Zärtlichkeit zu Verena . Man plauderte allmählich wirklich . Verena pries den Abendfrieden . Man begann von fernen , schönen Dingen zu reden . Von den seltsamen Reizen der Tage , darüber die Jahreszeiten Blüten oder Früchte , goldene Blätter oder weiche Flocken verstreuen . Von dem Leben einer Seele hinter allen Dingen und Schicksalen . Von dem Geheimnis der hier auf Erden unerfüllten Schicksalsläufe . Und wohin die Seelen wohl eingingen , die hier ihren Lauf noch nicht vollendet ? Von der Liebe , die wie das Licht wäre , nie stürbe , nur erlöschte , daß es wer weiß welche heimliche Macht immer neu erwecken könnte . Verena schien in solchen Meditationen über sich und die Welt zu leben . Die alte Gräfin Schleh hatte fortwährend einen verklärten , ängstlichen Ausdruck voll Güte , sah Verena oft von der Seite an , wie gehalten und streng sie dasaß , und war heimlich wie ergeben in den vibrierenden , leisen Stimmton der Trauernden . Verena war dann lange brennend solchen Rätselbetrachtungen hingegeben . Es ließ sie nicht los . Sie beherrschte sanftredend oder auch eine Weile tiefstumm den ganzen Kreis . Sie sah in jedes der Gesichter um sie manchmal fragend und grabend hinein , auch wohl unversehens mit einer unsäglich jungen Zärtlichkeit , die wie warme Sonne aufleuchtete . Keiner der Anwesenden hätte sich auch nur eine Weile von dem Spiel ihrer stillen Mienen weggewendet . Jeder , auch die jungen Komtessen und die alte Exzellenz , blickten liebend auf den feinen , roten Mund und in das blaßsommersprossige , schmale Frauengesicht . Und alle erstaunten heimlich über die Kraft und den Frieden , womit die graudunklen Augen Verenas Harm aussäen konnten und ein hoffnungsloses Ergraben . Die Linie ihres Kinnes und Halses , wenn sie den Dunkelschleier noch mehr zurückstrich und beim sanften Reden den Kopf ein wenig reckte , nahm eine einzige Schönheit an . Sie ragte dann in ihren schlichten , aschblonden Scheiteln im Raume gleichsam wie eine heilige Bildung für sich . Als Einhart wieder auf der Terrasse erschien , neigte sich die Sonne tief dem Horizonte zu . Man hatte sich unter dem Eindruck der Düsternis , die aus Verena ausgegangen , neu ganz stumm dem Anblick der verquellenden Sonnenfeuer hingegeben . Man sah die Sonnenscheibe langsam einsinken , starrte der blitzenden , zückenden Erstrahlung nach und hatte dabei lange geschwiegen . Aber Einhart kam ganz achtlos .. Er hatte den Sommerhut in der Rechten und brachte eine lose Freude in seinen lächelnden , graugelben Zügen . Er grüßte schon von ferne heiter und verbindlich . Er hatte zum ersten Male über die weiten Ebenen hinausgestaunt , die sich dicht hinter den Gutsgebäuden und dem Parke dehnten . Er hatte in diesem Augenblicke etwas an sich wie von einem fremdartigen Wanderleben . Als ihn die alte Schloßherrin vorstellte , sah er mit Funkelglanz seiner Augen in jedes Auge