, die sich rührten , aber hier , hier konnte sie das geheimnisvolle Leben des Hirns beobachten , das jenem dumpfen Treiben einen Sinn und ein Ziel verlieh . Und wie sie weiter und weiter blickte , überschaute sie so die Erde , die ganze Erde , und sie war wie ein wüstes Durcheinander von Leibern ohne Kopf , die sich mit Fäusten und Waffen zu vernichten bemühten . Aber hier und da in dem Chaos glänzte ein heller Schein auf , derselbe Schein , der von Rudolf Fischers bleichem Haupt ausstrahlte . Und jeder dieser hellen Punkte war eine fühlende Intelligenz . Und so blitzschnell die ganze Wunderwelt an Josefines Augen vorüberzog : doch entdeckte sie mit unendlicher Freude und Beruhigung , daß diese scheinbar isolierten Punkte durch feine , leuchtende Fäden miteinander verknüpft waren , und daß diese Fäden und diese Sterne ein harmonisch schönes Ganzes darstellten , Worte des Friedens und der allumfassenden Liebe über dem dunklen , eklen , wimmernden Chaos ... » Sie schweigen , Frau Josefine , « sagte der Kranke , » aber nicht wahr , Sie werden die ärmsten Bübli retten ? Ich fühle mich so beruhigt , seit Sie da zu mir hereingetreten sind . Es geht von Ihnen eine Kraft aus und ein Mut und eine Hoffnung - gelt , Mutterli ? Oh , das ist herrlich ! Sie sind eine glückliche Frau . « » Ich werde die armen Bübli nicht mehr acht Tage dort lassen « , sagte Josefine entschlossen . » Es wird ohne alle Belästigung für Sie gehen . « Und dabei dachte sie unablässig : Kostbare , seltene Minuten , die ich hier verlebe ! So groß ist der Mensch ! So wohl tut es , einem großen Menschen zu begegnen . Was für ein Glück , daß ich gekommen bin . » Glücklich sind Sie , « sagte der Kranke leise seufzend , » selber dürfen Sie handeln , müssen nicht andere vorschieben . Das muß herrlich sein . « Und mit einer leisen Schwärmerei im Ton fuhr er fort : » Wenn ich mir denke , daß Sie nun gehen , frei und leicht , ganz selbständig Ihrem freien , starken Herzen nach - wie ein Mann - und doch kein Mann , sondern ein Weib und mit dem Herzen eines Weibes - und die Welt , die Sie so nötig hat ! Ich habe schon lange von Ihnen gehört - von Ihren Vorträgen - auch Ihre Schriften gelesen vom Recht des Kindes , das sonst nirgend ein Recht hat ! Mir ist ' s jedesmal warm worden und der Mutter auch . Gelt , Mutterli ? Ach , sprach ich das erste Mal , da finde ich eine Freundin . Verzeihen Sie meine Dreistigkeit : Sie sind mir Freundin ! Und jetzt - was sollte ich beginnen , ohne Sie , ich Hilfloser - « Josefine beugte den Kopf wie unter einem Blütenregen . Eine leichte Betäubung überfiel sie . Von allen Seiten schwirrten die Blüten um sie , und es duftete so süß , so schmeichelnd .. Keine Einsamkeit mehr , Liebe über ihr Verdienst , o weit darüber hinaus , Verständnis , Freundschaft . Und dann - in jähem Stimmungswechsel , den die Erregung hervorrief , gedachte sie der Qual all dieser Monate , und sie begann zu weinen , unterdrückt zwar , aber dennoch hörte es der Kranke , den leisen schluchzenden Ton . » O , o , « sagte er mit hellseherischer Sicherheit , » das war verfehlt ! Ich habe nicht gefragt , was Sie angeht . Sie sind im Leid ! Ja ja , Sie sind im Leid ! Und ich habe Torheit gesprochen . « Sein Gesicht wurde ängstlich und traurig . » Was ist Ihnen geschehen ? Wer kann Ihnen Leid zufügen , daß Sie weinen müssen ? « Josefine erschrak vor seinem Ton . Sie wollte sich zurückhalten , aber der quälende Drang , auf eine Minute ihre eigene Last einem anderen zuzuwerfen , übermannte sie : » Ich bin frei und gesund , zu gehen . Aber einen Sohn hab ich - und er - nennen Sie mich nicht glücklich ! « rief sie leidenschaftlich , » Sie sind glücklicher als ich . « » Er ist vielleicht auch krank , Ihr Sohn ? « sagte die Frau Fischer mitleidig und sah voll Sorge auf ihres Rudolfs bebende Hände . » Ach , wäre er so gesund wie Ihr Rudolf , « rief Josefine schmerzgepeinigt , » ich wäre glücklich ! « Die ausgeweinten Augen in dem sonnenbraunen Gesicht der Bäuerin starrten sie mit vorwurfsvoller Überraschung an . Sie hatte nicht verstanden . Josefine aber sah , daß sie grausam gewesen , denn der Kranke atmete heftig , als wehre er sich gegen etwas Drohendes . » Nein , « hauchte er schwach , » nein , nein , nein . « Die Mutter ging an sein Bett , legte ihm die Hand auf die Stirn . Es schien , als bitte ihre Gebärde demütig um Erbarmen für den Sohn . Eine stumme angstvolle Viertelstunde verging . Die Wanduhr tickte mit metallisch hallendem Schlag - Schritte der Vorübergehenden , Kindergeplauder , das regelmäßige Klopfen kleiner Steine aufeinander ertönte - dann das liebkosende tiefe » gurr ! gurr ! « von Tauben auf dem Fensterbrett draußen . » Die Täubli wollen Futter ! « sagte Rudolf , wie erwachend , » Mutterli , gib ihnen auch . « Reuevoll und unruhig hatte Josefine dagesessen - nun sah sie erleichtert zu , wie die alte Frau das Fenster auftat , und wie ihr die zwei zartblauen Tauben auf die körnergefüllten Hände flogen und pickten . Sie brachte die Zutraulichen dem kranken Sohn , und sie wichen kaum seinen streichelnden Händen aus , schlugen nur ein wenig mit den Flügeln und stiegen dann auf seine Bettdecke , um sich auch dort Futter zu holen . » Verzeihen Sie nur meine Schwäche , « sagte