sein Schlafzimmer zur Verfügung - er selber wollte bei seinem Sohne wachen . Auch Sylvia bot er an , ihr in einem Nebenraum ein Bett aufschlagen zu lassen , sie aber erklärte , daß sie sich von dem Lehnstuhl an Hugos Seite nicht rühren werde - sie könne auch da ruhen . Martha nahm des Doktors Antrag an und zog sich zurück . Zwei Stunden später . Hugos Atemzüge gingen regelmäßig und ruhig . Bresser lag angekleidet auf dem Diwan und war eingeschlummert , ebenso die Wärterin , die in einem Lehnstuhl neben dem Ofen ruhte . Die einzige Wache im Zimmer war Sylvia , die beim Kopfende des Krankenbettes saß und unverwandten Blickes auf den Daliegenden schaute , obwohl die geliebten Züge kaum auszunehmen waren , denn die Lampe am anderen Ende des Zimmers war noch mehr herabgedreht worden und nur ein ganz schwacher Schein ging davon aus . Die Wanduhr tickte hörbar - vor kurzem hatte sie ein Uhr geschlagen . Im Ofen knisterten die brennenden Scheiter . Von der Straße her , trotz der geschlossenen Läden , dringt von Zeit zu Zeit das dumpfe Rollen eines vorüberfahrenden Wagens - Leute , die von lustigen Festen heimfuhren , vermutlich , und die keine Ahnung hatten von dem Bangen hier oben - ein Bangen , das sich vielleicht bald in wilden Schmerz verwandeln konnte . Der Gedanke , daß der Geliebte sterben würde , drängte sich ihr immer wieder auf . Manchmal quälte sie sich absichtlich damit , sich vorzustellen , daß er schon tot sei - ein Faltenwurf der Decke auf seiner Brust warf einen Schatten , der bei einiger Einbildung wie ein Kruzifix aussah ... So verging noch eine Stunde . Die Uhr holte schnarrend aus , um Zwei zu schlagen . Zugleich regte sich der Kranke Sylvia sprang auf und neigte sich über ihn . Seine Augen waren offen . Es durchfuhr sie der gleiche selige Hoffnungsstrahl wie bei Professor Lindens Wort : » bei Bewußtsein « . Vielleicht jetzt ... vielleicht war er - er selber wieder da - - » Hugo , Hugo , kennst Du mich ? « rief sie leise , aber inbrünstig . Er war in der Tat zum Bewußtsein erwacht . In raschen Erinnerungsblitzen spielte sich in seinem Geiste das Vorgefallene ab : das Duell , die Verwundung , der Transport hierher , die Operation und dann ein leeres Nichts . Und jetzt : ihr Gesicht lag im Schatten , aber die Stimme hatte er erkannt - jetzt , über ihn gebeugt , das Weib seiner Liebe ... » Sylvia , Sylvia , Du ! - So hab ' ich Dich wieder ? « » Und auf immer ... bist gerettet - bist genesen ... ein langes Leben liegt vor Dir , vor uns ... Nichts soll uns trennen . - Wie ist Dir ? ... Wie fühlst Du Dich ? « » Ich bin glücklich , Sylvia , o so glückl - - « Er erhob sich ein wenig , fiel aber mit einem durchdringenden Schmerzensschrei wieder in die Kissen zurück . Da war auch schon Doktor Bresser an der Seite seines Sohnes und beugte sich über ihn . » Er ist zu sich gekommen , « sagte Sylvia , » er hat mich erkannt . Nicht wahr , Hugo - was ist Dir ? ... Hugo , so sprich doch ! ... « Der alte Mann wehrte ihr ab : » Still , er stirbt - - « XXXIII Martha Tilling an Graf Kolnos . Grumitz im Juni 1895 . Teuerer Freund . Innigsten Dank dafür , daß Sie mir Ihre baldige Rückkunft anzeigen und die Adresse ihrer letzten Etappe geben . Da kann ich Ihnen wieder , wie schon einmal , schreiben , was in der langen Zeit Ihrer Abwesenheit in meinen Kreisen vorgefallen . Es war ein Drama , ein erschütterndes Drama . Sie werden ja alles hören , wenn sie zurückkommen , aber vielleicht mit Übertreibungen und Entstellungen . So sollen Sie zuerst die ganze Wahrheit von mir erfahren . Wenige Tage , nachdem Ihr - wie nennen Sie ' s doch ? - Ihr » periodischer Reiseraptus « Sie gepackt hatte , Ziel : das Innere Afrikas - , hat sich das Drama abgespielt . Vielleicht ist doch durch die Zeitungen die Kunde davon zu Ihnen gedrungen ? Aber Sie lesen ja keine Zeitungen in Ihrem Erholungsexil - und so wissen Sie wohl nichts vom Duell Bresser-Delnitzky . Ja , mein Schwiegersohn hat den jungen Dichter tödlich verwundet : Bresser war - nein , nicht Sylvias Geliebter - er war von Sylvia geliebt . So sehr geliebt , daß sie , unbekümmert um das , was die Welt dazu sagen könnte , an sein Krankenlager eilte - ich mit ihr - und daß sie bei ihm blieb - ich mit ihr - bis zu seinem letzten Seufzer . Was dann folgte , war herzzerreißend . Mein Gott , ich habe ja in meinem schwergeprüften Leben viele Schauerszenen durchgemacht , die der unbarmherzige Tragödiendichter Tod zu schaffen weiß : die Agonien in den böhmischen Lazaretten , die Cholerawoche in Grumitz , die Hinrichtung meines Liebsten ... zuletzt die Verluste , die meinen Rudolf betroffen - aber ich dachte nicht , daß ich noch einmal einer Sterbestunde beiwohnen sollte , die mir eine ganz neue Art des Schmerzes offenbaren würde . Es ist ja nun vorüber , Gott sei Dank - also kann ich ' s sagen . In der Stunde , die ihr den Geliebten ihres Herzens entriß , ist meine arme Sylvia in so wahnsinnige Verzweiflung verfallen - daß die anderen es kurzweg Wahnsinn nannten ; sie mußte in eine Nervenheilanstalt gebracht werden , wo man sie durch sechs Monate unter strengster Bewachung hielt , denn sie versuchte es mehr als einmal , zum Fenster hinauszuspringen , oder den Kopf an die Mauer zu schlagen . Nicht als bewußten Selbstmordversuch , sondern in Anfällen von Fieberdelirium . Nach und nach wich die Umnachtung ihres