Toten zeigen die Spuren entsetzlichster Agonie . Unnatürlich weit aufgerissene Augen - die Hände in die Erde gebohrt - die Haare des Bartes aufgerichtet - zusammengepreßte Zähne unter krampfhaft geöffneten Lippen - die Beine starr ausgestreckt , so liegen sie da . Jetzt durch einen Hohlweg . Hier liegen sie aufgeschichtet . Tote und Verwundete untereinander . Letztere begrüßen die Sanitätspatrouille wie rettende Engel und flehen und schreien um Hilfe . Mit gebrochenen Stimmen , weinend , wimmernd , rufen sie nach Rettung , nach einem Schluck Wasser ... Aber ach - die Vorräte sind fast erschöpft , und was können die wenigen Menschen thun ? Ein Jeder müßte hundert Arme haben , um da retten zu können ... doch Jeder thut , was er kann . Da erschallt der langgezogene Ton des Sanitätsrufes . Die Leute stutzen und halten in ihren Handreichungen inne . » Verlaßt uns nicht , verlaßt uns nicht ! « flehen die Unglücklichen ; doch wieder und wieder ruft das Hornsignal , welches , von allem andern Getöse unterscheidbar , deutlich in die Weite dringt . Da kommt auch noch ein Adjutant herangesprengt : » Mannschaft von der Sanität ? « » Zu Befehl ! « erwidert der Korporal . » Mir nach . « Offenbar ein verwundeter General ... Da heißt es gehorchen und die Anderen verlassen ... » Mut und Geduld , Kameraden , wir kommen wieder . « Die es sagen und die es hören , sie wissen , daß das nicht wahr ist . Und wieder geht es weiter . Dem Adjutanten - der , voransprengend , die Richtung weist - im Eilschritt nach . Da gibt es unterwegs kein Aufhalten , ob auch von rechts und links die Weh- und Hilferufe ertönen , ob auch auf die Eilenden selber manche Kugel fällt und Einen oder den Anderen hinstreckt - nur weiter , nur vorüber . Vorüber an unter dem Schmerz ihrer Wunden sich krümmenden Menschen , welche von über sie hinjagenden Rossen zertreten , oder von über ihre Glieder fahrenden Geschützen zermalmt wurden und welche , die Rettungsmannschaft erblickend , in ihrer Verstümmelung sich ein letztesmal emporbäumen : vorüber , vorüber ! Das geht in den roten Heften noch seitenlang so fort . Was der Regimentsarzt von dem Gang einer Sanitätspatrouille über das Schlachtfeld erzählte , das enthält noch viele ähnliche und ärgere Dinge . So die Schilderung jener Augenblicke , da mitten in die Pflegearbeit Kugeln und Granaten fallen , neue Wunden reißend ; oder wenn die Zufälligkeiten der Schlacht den Kampf und die Verbandplätze selber , knapp an die Ambulancen bringen und das ganze Sanitätspersonal , samt den Ärzten und samt den Kranken , mitten in das Gewühl der ringenden oder fliehenden oder verfolgenden Truppen gerät ; wenn scheue , ledige Rosse des Weges gerast kommen und die Tragbahre umstürzen , auf welche man eben einen Schwerverwundeten gebettet , der jetzt zerschmettert zu Boden geschleudert wird ... Oder dieses - das grauenhafteste Bild von allen - : Ein Gehöft , in welchem man hundert Verwundete untergebracht , verbunden und gelabt hat . - Die armen Teufel froh und dankbar , daß ihnen Rettung geworden - und eine Granate , die das Ganze in Brand schießt ... Eine Minute und das Lazareth steht in Flammen - das Schreien , vielmehr das Geheul , welches aus dieser Stätte der Verzweiflung gellt und welches in seinem wilden Weh alles übrige Getöse übertönt , das wird wohl Jenen , die es hörten , ewig unvergeßlich bleiben ... Weh mir ! Auch mir , obgleich ich es nicht gehört , bleibt es unvergeßlich - denn während der Regimentsarzt erzählte , war mir wieder , als wäre mein Friedrich dabei , als hörte ich seinen Schrei aus dem brennenden Marterorte heraus ... » Ihnen wird übel , gnädige Frau , « unterbrach sich der Erzähler - » ich habe da Ihren Nerven wirklich zu viel zugemutet . « - Aber ich hatte noch nicht genug . Ich versicherte , daß meine vorübergehende Schwäche nur die Folge der Hitze und einer schlechten Nacht sei und wurde nicht müde , den Andern auszuforschen . Es war mir immer noch , als hätte ich nicht genug gehört , als wären von diesen geschilderten Höllenkreisen die letzten und höllischsten noch nicht geschildert worden . Und wenn einmal der Durst nach Gräßlichem erregt ist , so ruht man nicht , bis er nicht mit dem Gräßlichsten gelöscht worden . Und richtig : es gibt noch Schauerlicheres , als ein Schlachtfeld während - das ist ein solches nach der Schlacht . Kein Geschützdonner , kein Fanfarengeschmetter , keine Trommelwirbel mehr , nur leises schmerzliches Stöhnen und Sterberöcheln . Im zertretenen Erdboden rötlich schimmernde Pfützen , Blutlachen ; - alle Feldfrucht zerstört , nur hier und da ein unberührt gebliebenes , halmenbedecktes Ackerstück ; die sonst lachenden Dörfer in Trümmer und Schutt verwandelt . Die Bäume der Wälder verkohlt und geknickt ; die Hecken von Kartätschen zerrissen ... Und auf dieser Wahlstatt Tausende und Tausende von Toten und Sterbenden - hilflos Sterbenden ! Keine Blüten noch Blumen sind auf den Wegen und Wiesen zu sehen , sondern Säbel , Bajonette , Tornister , Mäntel , umgestürzte Munitionswagen , in die Luft geflogene Pulverkarren , Geschütze mit gebrochenen Laffetten ... Neben den Kanonen , deren Schlünde von Rauch geschwärzt sind , ist der Boden am blutigsten ; dort liegen die meisten und verstümmeltsten Toten und Halbtoten - von Kugeln buchstäblich zerrissen . Und die toten und halbtoten Pferde - solche , die auf den Füßen , welche ihnen geblieben sind , sich aufrichten , um wieder hinzusinken , wieder sich aufstellen und wieder hinfallen , bis sie die Köpfe heben , um ihren schmerzbeladenen Sterberuf hinauszuschreien ... Ein Hohlweg ist mit in den Kot der Straße getretenen Körpern ganz angefüllt . Die Unglücklichen hatten sich wohl hierher geflüchtet , um geborgen zu sein - aber eine Batterie ist über sie hinweggefahren - von Pferdehufen und Rädern sind sie zermalmt ... Viele darunter