Nachdem der Singhalesenransch verraucht war , trat für Bertha die europäische Kultur mit ihren zahllosen Männertypen wieder ins Vordertreffen . Es war auf der internationalen Kunstausstellung im Glaspalaste . Die Damen promenierten im Ehrenpavillon ; der Springbrunnen warf seine Wasser durch Tannenwipfel und sing sie plätschernd in Felsenbecken auf ; hinter einem Boskett schmetterte die Regimentsmusik . Die Rendezvous-Stunde der vornehmen Welt . » Ach , Leopoldine , sieh doch den dort , mit dem schwarzen üppigen Vollbart , wie muß der auf der Brust und überall behaart sein , ganz zottelig , schau , den möcht ' ich haben ! « Und Leopoldine kalt : » Der oder ein glattes Milchschwein - mich lockt wahrhaftig nichts von dieser Sorte ; ich wünsche Dir viel Vergnügen . « Und Bertha darauf : » Ja , ich weiß , Du suchst den keuschen Mann , ein Geschöpf , das nie existiert hat und wenn es existierte , das Dümmste und Unausstehlichste wäre , was ich mir denken könnte ... « » Und Du den Salonlöwen , der seine parfümierte , an allen Ecken und Enden schon ramponierte Männlichkeit mit faunischem Grinsen Dir auf dem Präsentierteller entgegenträgt - und dann wieder den Bettler , dessen Fleisch Dir aus den Fetzen seines Gewandes lüstern zuwinkt , während seine scheue Miene mit niedergeschlagenem Blick ein Almosen heischt - geh ' mir , der eine wie der andere ist der süßen Geheimnisse einer glühenden Umarmung gleich unwert ... « Dann fauchte Bertha , daß ihre scharf geschnittenen Nüstern über den sinnlich geschürzten Lippen bebten : » O , ich weiß , der Gegenstand Deiner Passion sind unverdächtige , zurückhaltende Individualitäten , an denen sich die sexuelle Neugierde die seltsamsten Befriedigungen verspricht , ich weiß , ich weiß ... « » Nichts weißt Du ! Wie frivol , mir solche Dinge zuzutrauen ! « Gewiß , Frau Bertha wußte trotz aller eigenen Erfahrungen die Natur ihrer Freundin nicht zu deuten . Diese wußte es aber ebenso wenig . Sie war sich in der Liebe selbst ein Rätsel . Vor lauter verhaltener Sinnlichkeit kam sie nicht zur landesüblichen Befriedigung der Sinnlichkeit . Sie jagte dem Phantom einer Liebe nach , das ein Wunder bewirken sollte . Sie fühlte , daß in der Sinnlichkeit ein hohes Menschheitsideal verwirklicht werden könnte , aber sie fand nicht den Mann dazu . So lebte sie ihre erste Jugend in erzwungener Keuschheit dahin , vegetierte in zielloser Sehnsucht , die verschlossenen Samenkörner einer traumhaften Liebe in der einsamen Seele . Oft hatte sie sich den Tod gewünscht . » Was wird aus mir werden ? « fragte sie in bangen Stunden und brach in heißes Schluchzen aus . Dann betrachtete sie sich wieder im Spiegel oder betastete sich auf ihrem öden Lager in verschwiegener Nacht und seufzte : » Es ist schade um mich ... « Und sie konnte sich nicht helfen . In der Pension , wo sie als die Waise eines wenig bemittelten Hofrats von den wohlhabenden Schülerinnen , deren Eltern im Fett reichen Erwerbes schwammen , ohnehin mit einer gewissen Zurückhaltung behandelt wurde , hatte sie sich inniger an Bertha v. Starkloff angeschlossen und in naiver Hingabe deren ausschweifende Phantasieen geteilt . Sänger , Schauspieler , Dichter , Maler , welche durch ihre öffentlich ausgestellten , recht lecker zugerichteten Photographieen den Verehrungssinn der jungen Damen erhitzt und entflammt hatten , wurden mit bewundernden Briefen und Gedichten heimlich bombardiert . Leopoldine verübte für ihre Freundin Bertha manche liebestammelnde Reimerei , welche diese mit einem fingierten Namen unterzeichnete und zur Anbahnung einer schwärmerisch erotischen Korrespondenz an die rechte Adresse beförderte . Gar mancher von den jungfräulich angedichteten Künstlern fühlte sich so tief in seiner männlichen Eitelkeit geschmeichelt , daß er in entzückten Briefen antwortete , seine Photographie beifügte und sich zu einem Stelldichein bereit erklärte . Ein ebenso geckenhafter als erzdummer mit Familie gesegneter Opernsänger reagierte auf diesen Pensionatskultus in so beharrlicher Weise , daß die Institutsvorsteherinnen von dem Unfug Wind bekamen und , um ein Exempel zu statuieren , die Unschuldige mit der Schuldigen , Leopoldine mit Bertha aus der tugendsamen Anstalt entfernten . Bertha Starkloff genas bald darauf bei einer hilfsbereiten Frau , die sich in den Inseratenblättern den nach zeitweiliger Zurückgezogenheit sich sehnenden Damen nachdrücklich zu empfehlen pflegte , eines Knäbleins . Das kleine Geschöpf hatte aber kaum das Licht der Welt erblickt , als es sofort den Geschmack daran verlor und sich stracks aus dem Staube machte . Bertha kehrte blaß und keusch aus der Zurückgezogenheit in das Getümmel des Lebens zurück und beglückte einen gutmütigen ältlichen Forstmann mit ihrer Hand und anderen hübschen Sachen . Um ihre arme Freundin Leopoldine Klebnikow kümmerte sie sich jahrelang nicht mehr . Nachdem für Leopoldine die ersten schmerzlichen Folgen jener theatralischen Pensionats-Katastrophe überstanden waren und sie selbst den Weg zur Bühne versuchsweise gefunden hatte , trat eine neue Wendung in ihrem Leben ein . Eines Tages , als sie von einer Theaterprobe heimkehrte , wurde sie unter ihrer Hausthüre von einer fremden , anscheinend vornehmen und würdigen Dame von äußerst zutraulichen , gewandten Manieren angehalten und zu einer Besprechung an einem dritten Orte , einer kleinen Villa in einem Garten an der Briennerstraße , eingeladen , unter der Bedingung , die größte Verschwiegenheit zu beobachten . Die Dame nannte keinen Namen , keinen näheren Zweck . Sie begnügte sich nur , wiederholt zu versichern , daß die wichtige Unterredung , wenn sie zur Zufriedenheit ausfalle , für Fräulein Leopoldine von den glücklichsten und angenehmsten Folgen sein würde . Jede Gefahr sei ausgeschlossen . Die Diskretion verbiete ihr , mehr zu sagen . Fräulein Leopoldine möge Ja sagen , alles übrige werde sich finden . Zögernd gab Leopoldine ihre Zusage . Warum ? Was trieb sie zu dem Abenteuer , das eine fremde Dame mit ihr einfädeln wollte ? Sie wußte es selbst nicht , woher und wie es plötzlich über sie gekommen , diesem Kitzel der Neugierde nachzugeben . Daß irgend ein Mann im Spiele sei , ahnte sie natürlich