seiner Schwester hätten Sie sehen müssen , Kind . Leider konnte ich das interessante Schauspiel nur eine Minute lang während des eigenen Verschnaufens genießen . In der nächsten las ich weiter , und in der dritten glich der Umschwung der Stimmung einer Revolution . « » Die den Jahren nach älteste meiner Großnichten eventuell Urgroßnichten , « so stand geschrieben , » das heißt der leiblichen Nachkomminnen meiner beiden Schwestern soundso , fügt , sobald sie das achtzehnte Jahr erreicht hat und nicht verheiratet ist , ihrem Familiennamen den von der Werben bei und tritt fideikommissarisch in den Genuß meines Rittergutes Werben und so weiter und so weiter , mit der Verpflichtung , sich seiner Verwertung und Erweiterung nach Kräften zu widmen und darum es zu ihrem wesentlichen Aufenthalt zu machen . Beim Umbau des Schlosses ist von vornherein darauf Rücksicht genommen worden , daß durch letztere Bedingung das Wohnungsrecht nicht beschränkt wird , welches meiner Nichte Frau Ottilie von Hartenstein zugesagt ist , solange sie lebt oder solange es ihr beliebt . An dem Tage , wo die Nutznießerin mit Tode abgeht oder etwa in den Ehestand tritt , folgt ihr in dem Benefizium das den Jahren nach älteste Fräulein nicht der ihr zunächst stehenden Familie , sondern des gesamten Geschlechts . « » Der Propst war schon bei den Worten : solange sie unverheiratet ist , von seinem Sitze in die Höhe gefahren ; er stand mit vorgebogenem Leib und glasig starren Blicken , beide Hände gegen das Herz gestemmt . Jetzt , bei der Satzung von dem gesamten Geschlecht , sank er ohnmächtig in seiner Tochter Arm . « » Das ist der Schluß der Komödie ; denn die nun folgenden exakten Bestimmungen im Fall einer Vakanz , oder gar des Erlöschens der Linie und dergleichen , werden für Sie , Dämchen Neubegier , noch gleichgültiger sein als für die enttäuschte Hörerschaft im Ahnensaal . « » Wie kann denn Sidonie aber sagen , daß sie zunächst die Erbin sei ? « fragte Röschen nach kurzem Nachdenken . » Lydia ist ja acht Monate älter als sie . « » Aber Braut , « versetzte der Rat . » Braut sein heißt nicht verheiratet sein , « wendete Röschen ein ; wonach der Rat ausrief : » Ei , Sie kluge kleine Maus ! Na , da können wir noch ein erbauliches Handgemenge in diesem Familientempel erleben ! « » Und welche von beiden glauben Sie , hat die kuriose alte Dame vor Augen gehabt ? « fragte Röschen . » Sie hat gar keine Person vor Augen gehabt , lediglich ein Ideal , « antwortete lachend der Rat . » Und dieses Ideal heißt : Auf dem Stammschlosse der Werben eine alte Jungfer in Permanenz . « Nach dieser Seite hin sattsam aufgeklärt , brannte das liebe Röschen vor Verlangen , wiederum inmitten des Schauplatzes so interessanter Entwicklungen zu stehen . Die Erzählung hatte sie eine weite Strecke auf dem Stadtwege vorangeführt , und da just des Pächters Wagen mit Max und dem wohlbekannten Doktor Brand vorüberkam , verabschiedete sie sich hurtig von ihrem alten Gönner , gab ein Zeichen zum Halten und schwang sich behende in das Gefährt . Der arme , schöne , junge Herr tat ihr in der Seele leid . Sie würde , ja wahrhaftig , sie würde ihres Dezem Legat , - nein , das ganze Legat nicht , aber die Hälfte des Legats darum gegeben haben , hätte sie mit dem Opfer den armen , schönen , jungen Herrn zu ihres Dezem künftigen Patron erheben können . » Ihr Herr Onkel ist von einer Ohnmacht befallen worden ? « fragte sie ihn . » Ich fürchte mehr als eine Ohnmacht , « antwortete er . Und seine Furcht war begründet . Doktor Brand konnte lediglich bestätigen : » Der Propst von Hartenstein ist tot . « Lydia kehrte am Arme ihres Verlobten von dem Grabe zurück , in welches Joachim von Hartenstein versenkt worden war in der nämlichen Stunde des Siebenschläfers , wo vor achtzehn Jahren das arme Hirtenweib seine Ruhe gefunden und nur wenige Schritte von dessen Hügel entfernt . Nicht Pastor Blümel , Professor Hildebrand , der Getreue , hatte den letzten Segen gespendet ; die Feier war so still und schlicht , wie die der Gutsherrin laut und prunkvoll verlaufen ; aber die Junisonne ergoß sich in vollen Strömen , als die letzte Spur von einem vielbewegten Menschenleben verschüttet wurde . Lydia war unverweilt in das Zimmer ihrer Mutter gegangen , die seit der Sterbestunde des Gatten in sinnverwirrendem Fieber lag . Da sie dieselbe schlummernd und Frau Hanna Blümel als sorgsame Hüterin an ihrer Bettseite fand , schlich sie unbemerkt in das Gemach , wo ihr Vater die Augen geschlossen hatte , und saß dort in sich versunken , bis der Abend dämmerte . Max schritt währenddessen in bitterem Unmut die Terrasse hastig auf und ab . Der bizarre letzte Wille seiner Verwandtin hatte ihn empfindlicher , als er sich merken ließ , enttäuscht . So sollte ihm denn wieder einmal die Dankbarkeit gegen einen Nächststehenden erspart werden , wie sie ihm gegen Vater und Mutter und gegen deren Väter und Mütter erspart worden war . Selbst in seiner Schwester Seele schuldete er sie nicht ; war es doch nur ein Zufall , daß sie Jahr und Tag mehr als Priszilla zählte . Berechtigt , weil empfänglich für jede Himmelsgunst , kam er sich vor wie ein Verstoßener . Tiefer aber noch als seine Enterbung verstimmte ihn Lydias Gebaren . Er hatte sie seit der verhängnisvollen Stunde kaum gesehen , kein Wort aus ihrem Munde gehört . Ihre Tage und Nächte waren zwischen dem Krankenbett der Mutter und der Bahre des Vaters geteilt gewesen ; Max schweifte im Freien und suchte Zuflucht in der Pfarre . Er liebte ja den Tod , aber nicht die Toten , und verstand sich auf Krankheiten , aber nicht auf Kranke . Was hieß das nun aber für eine Liebe