mehrerwähnten schriftlichen Kindheitserinnerungen August Müllers , und erging sich , während ich die Blätter überflog , mit zornigen Worten über das Wirrsal von Verleumdungen , welche sich seit dem Morgen in der Gemeinde verbreitet hatten und über Nacht in der Umgegend verbreiten mußten . » Ich werde « , so schloß er , » den Vagabunden unverweilt in das städtische Krankenhaus und nach seiner Herstellung mittels Zwangspasses über die Grenze transportieren lassen . Der kürzeste Weg , das Gerede abzuschneiden . Der Mensch ist verrückt oder ein Betrüger erster Sorte . « » Er ist keines von beiden , « versetzte ich ruhig , indem ich die Handschrift nebst den beiliegenden Attesten in meinem Schreibtische verschloß . » August Müllers Erinnerungen sind richtig , und der Schluß , den er irrtümlich daraus gezogen hat , mag durch sein Elend entschuldigt werden . Er ist ein Eingeborener von Reckenburg , und wir haben die Pflicht , ihn innerhalb der Gemeinde zu verpflegen . « - Ich klingelte bei diesen Worten und befahl dem eintretenden Diener , den Hausarzt aufzusuchen und den Kranken im Wirtshause anständig versorgen zu lassen . » Eine Gnade , die Ihnen bittere Früchte tragen wird , « sagte der Graf , wie mich dünkte , mit Hohn . » Die erste ihrer Art , auf die man sich in Reckenburg wird berufen können . « Die erste Wohltat an einem Fremdling in Reckenburg ! Die Lehre , so wenig sie in diesem Sinne gemeint war , würde schneidend gewesen sein , hätte ich auf den Ruhm einer barmherzigen Schwester überhaupt etwas gegeben , oder hätte ich wenigstens sie bei ruhigem Blute aufgefaßt . Aber des Grafen Verstimmung hatte mich angesteckt . Ich trug in mir einen wunden Fleck , dessen Berührung ich einst meinem ersten Freunde schwer vergeben hatte , und die ich meinem letzten Freunde nimmer vergeben haben würde . Um drohenden , weiterführenden Auslassungen wenigstens den Zeugen zu ersparen , bat ich den Prediger , mit dem Doktor Rücksprache zu nehmen und , falls er die Verpflegung des Kranken im Wirtshause nicht genügend fände , seine Übersiedelung nach dem Schlosse anzuordnen . Sobald ich mit dem Grafen allein war , sagte ich : » Wollen Sie mir , Graf , die bitteren Früchte nicht etwas näher bezeichnen , die mir , nach Ihrem Dafürhalten , aus der Verpflegung eines Fremden erwachsen sollen ? « - » Ja , aber welches Fremden ? « rief der Graf achselzuckend . » Nach seiner öffentlichen Anklage und dem Zugeständnis , welches Sie eben gemacht - - « » Sie meinen das Zugeständnis , ein verwaistes Kind in einer Anstalt untergebracht zu haben ? « fragte ich . » Haben Sie ein Zeugnis über den Ursprung dieses Kindes aufzuweisen ? « fragte der Graf dagegen . » Ich denke , mein Wort genügt , « entgegnete ich , indem ich den Taufschein , den ich noch in der Hand hielt , zerknitterte . » So sprechen Sie dieses Wort . Nennen Sie den Namen der Eltern , der in dem Anstaltszeugnis so geflissentlich verschwiegen scheint . « » Und wenn ich ihn ebenso geflissentlich auch fernerhin verschweigen wollte ? « » So würden Sie vor sich selber den Unglimpf eines bis heute makellosen Rufes zu vertreten haben . « Bis dahin hatte ich meine Standhaftigkeit behauptet ; nun hielt ich mich nicht länger . » Sie sprechen damit aus , daß ich ein eigenes Kind - - « » Nicht von mir ist die Rede , « unterbrach mich der Graf , jetzt so ruhig , als ich das Gegenteil war . » Die Welt urteilt nach dem Schein , und mir als Beamten und Ihrem Freunde steht es zu , diesem bösen Schein entgegenzutreten . Darum frage ich Sie noch einmal : können , wollen Sie mir ein Zeugnis über den Ursprung dieses Mannes geben ? « » Nein ! « sagte ich . » Ob ich es nicht geben kann , oder es nicht geben will , gleichviel . Ich bedarf keiner Freunde , die ein fremdes Zeugnis für meine Ehrenhaftigkeit nötig halten ; und von dem Beamten , der das Recht meines Heimatsgenossen nicht gelten lassen will , erwarte ich , daß er den Gast meines Hauses respektieren werde . « Damit verließ ich ihn . Ich wußte , daß ich die offene Tür meines Hochzeitssaales zugeschlagen hatte , und fühlte es wie einen Stein von meiner Seele fallen . Bei alledem bebte ich vor innerer Entrüstung . Dorothee lebte , und ich hatte kein Recht , ihr Geheimnis preiszugeben . Hätte sie selber aber dieses Geheimnis zu meiner Rechtfertigung enthüllen wollen , ich würde das Wort auf ihren Lippen zurückgehalten haben . Die Leidenschaft hatte meine Auffassung plötzlich geklärt : nicht ich , die Mutter hatte über das Schicksal ihres Sohnes zu entscheiden . Noch in der Nacht reiste ich mit den Kurierpferden nach Berlin . Ich reiste ohne Dienerschaft , weil mir , ebenso um der Menschen willen , denen ich zueilte , wie für meine eigene Person , ein Ausspionieren und Ausdeuten meiner Schritte widerstand . Bei einbrechendem Abend erreichte ich mein Ziel und begab mich , ohne erst ein Hotel zu suchen , vom Posthause zu Fuße nach der Faberschen Wohnung , die mir jedes Kind zu bezeichnen wußte . Gelang es mir , Dorothee noch diesen Abend ohne Zeugen zu sprechen , so war meine Aufgabe erledigt , und ich reiste unerkannt noch in der Nacht nach Reckenburg zurück . Der Zustand des Kranken beunruhigte mich . Der Arzt , den ich vor meiner Abreise gesprochen und der einer Übersiedelung nach dem Schlosse widerraten , hatte ihn für eine Lungenentzündung erklärt , Folge schlecht geheilter Brustwunden , und bei der Gewöhnung an starke Getränke doppelt bedrohlich . Auch ahnte ich , nach langem Stillstand , wieder so eine Art Krisis in meinem Leben , die ich jedenfalls auf meinem Posten erwarten wollte . Wenn man solch eine Lebensgeschichte durchblättert , in