was ich thun könne , mich aus dieser Lage zu bringen , die , wie ich wohl sah , auf die Dauer unerträglich war . Endlich glaubte ich , es gefunden zu haben . Ich mußte den Versuch machen , über einen der Orte , von denen aus eine regelmäßige Verbindung mit dem Festlande statt fand und die ich bis jetzt aus guten Gründen geflissentlich vermieden halte , zu entkommen , und zwar verkleidet , da man mich sonst jedenfalls sofort erkannt haben würde . Die Schwierigkeit war , einen passenden Anzug zu erhalten und auch hier kam mir ein glücklicher Gedanke . Ich hatte in der Kammer des Matrosen , in welcher ich die letzte Nacht zugebracht , einen vollständigen Fischeranzug hangen sehen ; vielleicht verkaufte mir den die freundliche Alte . War ich in dieser Verkleidung erst einmal von der Insel , so sollte es mir doch , meinte ich , gelingen , in einem nächtlichen Marsche bis zur mecklenburgischen Grenze zu kommen . Dann mußte der Zufall weiter helfen . Ich führte diesen Entschluß aus , sobald der Morgen graute , und traf , obgleich ich mich bereits ein bis zwei Meilen von dem einsamen Fischerdorfe entfernt hatte , kurz nachdem die Sonne aufgegangen , dort wieder ein . Die brave Alte wollte von keinem Kauf wissen : ich brauche die Sachen , und das sei genug ; vielleicht helfe ein anderer Mensch dafür ihrem Sohne , wenn er noch lebe , im fernen Lande aus einer Gefahr - und dabei liefen ihr die Thränen über die alten , runzeligen Wangen . Meine Sachen und die Flinte - die Pistole hatte ich bei Hans gelassen - wolle sie mir aufheben ; ich könne sie jeden Augenblick haben , wenn ich wieder in die Gegend komme . Wofür mich die gute Alte genommen haben mag ? Ich weiß es nicht . Ich denke , für einen Menschen , der so aussah , als ob er in Noth sei , der behauptete , daß ihm nur auf diese Weise geholfen werden könne , und dem sie deshalb half , wie er es wünschte . Die brave Seele ! Ich bin später glücklicherweise im Stande gewesen , ihr ihre Gutthat einigermaßen zu vergelten , wenn eine Gutthat überhaupt vergolten werden kann . Ich machte mich alsbald wieder auf den Weg , der diesmal unter mancherlei Fährlichkeiten quer durch die Insel führte , zu einem Punkte , wo ich den Abend erwarten wollte , um mich nach Fährdorf zu begeben , das ich in einer Stunde erreichen konnte . Ich hatte nämlich im Vertrauen auf meinen Matrosenanzug , der mir vortrefflich paßte , und , wie ich glaubte , mir ein ganz anderes Aussehen gab , die directeste Ueberfahrt nach Uselin gewählt . Freilich mußte ich so meine Vaterstadt passiren ; aber vielleicht suchte man mich hier gerade am wenigsten , und dann - gestehe ich es nur ! - es bedurfte zu jener Zeit gar wenig , um in mir den alten Uebermuth zu entfachen , der mir in meinem jungen Leben schon so manchen bösen Streich gespielt hatte . Ich malte es mir mit einem grimmigen Behagen aus , wie ich nächtens durch die stillen Straßen meiner Vaterstadt wandern würde , und überlegte schon , ob ich nicht an die Rathhausthür den alten Spruch von den Nürnbergern und meinen Namen dazu schreiben solle . Dennoch wagte ich mich nicht vor Anbruch der Nacht nach Fährdorf . Ich hatte das fällige Boot verpaßt ; das nächste und letzte an diesem Tage segelte erst in einer halben Stunde . Da ich durch das Fenster gesehen hatte , daß das sehr geräumige Schänkzimmer des hart am Ufer gelegenen Gasthofes so gut wie leer war und ich mich nothwendig für den Marsch der Nacht stärken mußte , trat ich ein , setzte mich , mit dem Gesicht nach der Wand , an den entferntesten Tisch und bestellte bei dem Schänkmädchen ein Abendbrod . Das Mädchen ging , die Bestellung auszurichten . Auf dem Tische neben dem Lichte , das die Kleine angezündet , lag eine mit Bierflecken arg besudelte Nummer des Useliner Wochenblattes vom vorigen Tage - ein anderes , reinlicheres Exemplar derselben Nummer liegt neben dem Blatte , auf welches ich dies schreibe . Ich nahm es zur Hand , mein erster Blick fiel auf folgenden Artikel : Publicandum . Der der gewerbsmäßigen Treibung der Contrebande , der thatsächlichen Widersetzlichkeit gegen Officianten des Staates , sowie des Mordes dringend verdächtige , zur Zeit flüchtige , ehemalige Schüler des Gymnasiums in Uselin , Friedrich Wilhelm Georg Hartwig , hat sich noch immer , trotz aller von Seiten der Behörden angewandten Mühe , der Verhaftung zu entziehen gewußt . Da es durchaus im Interesse des Publikums liegt , daß dieser nach allen Inzichten gefährliche Mensch zur Haft , resp . Verbüßung der Strafe gebracht werde , ergeht an dasselbe die Aufforderung , seinerseits zu diesem Endzwecke beizutragen , indem Jeder , der über den Aufenthalt etc. des p.p. Hartwig eine Aussage zu machen hat , solche unverweilt zur Kenntniß des Unterfertigten bringt . Außerdem ersuchen wir wiederholt und ergebenst sämmtliche Behörden des In- und Auslandes , auf den p.p. Hartwig ( Signalement weiter unten ) strengstens zu vigiliren , denselben im Betretungsfalle zu arretiren und an uns auf unsere Kosten remittiren zu wollen , unter Zusicherung dienstwilligster Reciprocität im gegebenen Falle . Uselin , 2. November 1833 . Das Bezirksgericht . ( gez . ) Heckepfennig . Das beigefügte Signalement will ich nicht ausschreiben ; der Leser würde aus demselben nicht viel mehr erfahren , als daß ich mich zu jener Zeit dunkelblonden - » Brandfuchs « hatten mich die Jungen in der Schule genannt , wenn sie mich ärgern wollten - und gelockten Haares erfreute , sechs Fuß ohne Schuhe maß und , als ein wohlgebildetes Menschenkind keine » besonderen Kennzeichen « hatte , wenigstens nicht in den Augen des Herrn Justizraths Heckepfennig . Uebrigens habe ich auch in jener für mich verhängnißvollen