ihr das , mein Sohn ; aber - halt - dich nicht zu lange dabei auf ! « hatte die gnädige Frau am Tage vor ihrem Tode gesagt . » Wagram ! Station Wagram ! « Sechsundzwanzigstes Kapitel Wer Wagram erreicht hat , der wird auch wohl nach Wien kommen . Hinter Floridsdorf zeigte es sich , daß der Kahlenberg immer noch an seiner Stelle lag , und die Zigeunerbande auf dem Bahnhofe hielt noch immer den Radetzkymarsch für das zur Erquickung und Ermunterung der Reisenden geeignetste Tonstuck . Der Sommerabend war sehr schön , die Landschaft in den letzten Strahlen der Sonne unendlich grün und leuchtend , und - dort guckte der Stephansturm aus dem Grün wie jeder andere Kirchturm hervor - » Bassama , wär das auch übergestanden ! Sind wir da , und wünsch fernerhin glücklichen Reis ! « sagte der alte ungarische Dorfpastor . Mit Sonnenuntergang war man in der Tat in Wien angelangt . Der alte dicke ungarische Dorfpastor , welcher von Brünn an dem Junker von Lauen die treffliche Vorlesung über die ungarischen Flüche gehalten hatte und welcher sich zur Belohnung und als einzige Gegenleistung für seine Gefälligkeiten in Hinsicht auf seinen Zwetschgenbranntwein und seinen ausgezeichneten Tabak ausgebeten hatte , der Herr möge ihm einmal einen preußischen Taler - einen » wirklichen preußischen Taler mit dem Alten Fritz drauf « zeigen , hatte den jungen Mann seiner väterlichen Obhut und Führung entlassen . Der junge Prager Geistliche , welcher in Hinsicht auf Gesichtsfarbe , Gesichtsausdruck und Haltung so sehr dem teuern Kandidaten der Theologie Franz Buschmann glich und den braven Ungar seiner » Weltgewandtheit « wegen für einen lutherischen Priester hielt , war in dem Gewühl des Nordbahnhofes verlorengegangen , ohne eine Spur hinterlassen zu haben . Hennig nahm höflichst Abschied von der jungen hübschen Dame , die in Gänserndorf einstieg und so sehr freundlich und zuvorkommend gegen ihn war und , wie es schien , recht gern eine recht deutliche Spur auf ihrem ganzen Wege bis in die innere Stadt , bis zu ihrem Nestchen in der Entengasse hinterlassen hätte . Es war sehr heiß in Wien , heiß und staubig . Die Bäume vor dem Bahnhof standen weiß bepudert , und das Menschengewühl , die Fiaker und Omnibus trugen nicht dazu bei , die Atmosphäre zu klären . Der Junker zündete auf dem Wiener Boden die erste der glücklich durchgeschmuggelten Zigarren an - eine Zigarre der Unentschlossenheit und Unbehaglichkeit . Die leichten Wölkchen , die sich den lieben langen Tag auf den Wiesen und Feldern von Krodebeck emporkräuselten , waren ganz andere als die , welche sich hier in der schwülen , stauberfüllten Luft verloren ; da war er denn , der Junker von Lauen , und hatte nicht einmal Eile , einen Gasthof zu erreichen . Er hatte überhaupt keine Eile in irgendeiner Beziehung , und doch fühlte er sich im höchsten Grade unruhig und sorgenvoll . Die lange Fahrt dieses Tages von Prag her konnte nicht allein die Schuld dieser Abspannung tragen ; wie eine Drohung von Unheil , Verdruß und großen Widerwärtigkeiten schwebte es über ihm , es überkam ihn plötzlich ein Gefühl , als hab er sich von jetzt an machtlos , willenlos einem übellaunigen harten Meister zu fügen . Es war ihm , um seine eigenen liebenswürdigen Ausdrücke zu gebrauchen , als werde ihm der Sattelgurt viel zu fest angezogen und als reite ihn jemand , der um Sporn , Trense und Kandare teufelsmäßig gut Bescheid wisse . Andere Leute pflegen derartigen Stimmungen in andern Bildern Ausdruck zu geben , allein die Sache bleibt unter allen Umständen dieselbe . - Die Korrespondenz , welche der Lauenhof diese Jahre hindurch mit Antonie Häußler geführt hatte , gab keinen Grund zu irgendwelcher Besorgnis in dieser Richtung . Ein Brief aus Wien war im Gegenteil stets ein Anlaß zum hellern Aufflackern aller Lebensgeister auf dem Hofe gewesen , und wenn der Herr von Glaubigern mit einem solchen zierlichen Blättchen in der Hand erschien , hatte selbst die gnädige Frau , im eilfertigen Lauf ihre Hände in der Schürze trocknend , häufig ihren Schuh auf dem Wege in das gelbe Zimmer verloren . Eine sehr betrübte , tränenreiche Antwort war freilich auf das Schreiben zurückgekommen , in welchem der Chevalier dem Kinde den Tod der Frau Adelheid meldete ; allein , was diese Antwort auch an seltsamen , verworrenen Andeutungen und dunkeln , unverständlichen Klagelauten enthalten mochte , der Anlaß dazu war so natürlich gegeben , daß der Ritter von Glaubigern nur bemerkte : » Sie nimmt es sich mehr zu Herzen als irgend sonst jemand ; - ich hab ' s mir wohl gedacht , es war immer ihre Art so . Übrigens , bei meiner Ehre , ich könnte wahrhaftig nächstens einmal an den Meister Dietrich schreiben , um ihn wegen meiner schlimmsten Befürchtungen um Verzeihung zu bitten . « Das letztere hatte der Ritter nun doch nicht getan ; aber welch ein Teil der Schuld an der jetzigen Fahrt des Herrn von Lauen auf ihn fiel , wollen wir nicht weiter erörtern . » Es soll mich wundern , wie ich sie finde , ob sie noch hübscher geworden ist und was der Schuft , ihr vornehmer Herr Großpapa , sonst aus ihr gemacht hat ! « murmelte Hennig , seine Zigarre fortschleudernd und einen Lohnkutscher heranwinkend . Er war nicht mehr der Knabe , der Krodebecker Bauerjunge , welcher mit dem wilden Pflegekinde der alten Hanne Allmann sich im Kuckelrucksholze umhertrieb und welcher später mit der schönen Tonie Häußler unter den Hecken der Heimat Veilchen suchte und dann und wann die größte Lust verspürte , den albernen , rohen Franz Buschmann mit Ohrfeigen und Fußtritten aus der Idylle hinauszujagen . Er dachte wirklich an den Pastorenfranz , als er sich in die Kissen seines Wagens zurücklegte , und dann dachte er an den Freund Fröschler , dem er nicht nur den Lauenhof , sondern auch den Chevalier von Glaubigern und das Fräulein von Saint-Trouin zur Verwaltung anvertraut