ist , daß eine Schlechtigkeit dabei noch belohnt werden soll ! « » Nun , dann magst du es haben , wenn drei Gemeinden von dir reden . Und das kommt gewiß , wenn wir nicht helfen . Ich möchte Dorotheen gleich rufen . « » Nein , Mutter ! Die drei Gemeinden sollen sich heiser krähen , wenn sie mir nur nicht so eine Dummheit nachreden können . « » Aber- « » Nichts da ! Jetzt läutet es schon bald in die Kirche , und wir sind noch nicht einmal gehörig angelegt . Es wär ' doch sicher Sünde , wenn wir wegen derlei Schneckentänzen auch nur ein halbes Vaterunser versäumen täten . « Das alles sagte Hans in einem Atemzug und verließ dann hastig die Stube . Zwanzigstes Kapitel Dorothee besucht ihren Vater » Dem unbeliebten Krämer wird auch die beste Ware nur getadelt . « Vom unbeliebten Geistlichen hat man im Bregenzerwalde keine ähnliche Redensart , obwohl man auch gegen diesen durchaus nicht gerechter ist . Schöner als unser Kaplan hat an diesem Sonntag wohl weit herum kein Geistlicher die Messe gesungen : trotzdem ließ Dorothee sich nicht aus dem Lesen bringen und hatte nur einen mitleidigen Blick für die , welche , dem geübten Sänger lauschend , zuweilen ihre Gebetbücher schlossen und es machten , wie auch sie früher es jeden Sonntag gemacht hatte . Ja , wären die gesungenen Gebete und Psalmen deutsch gewesen , so hätten sie vielleicht ihr frommes Herz über die Erlebnisse des Tages zu erheben vermocht ; so aber kam es ihr beinahe widerlich vor , daß ein frommer Mann so singen mochte nach der wichtigen Unterredung , die er heute morgens mit ihr gehabt hatte . Sorgte der denn gar nicht , wie sie das alles in sich verwerchen und noch dazu das Gerede der ganzen Gemeinde ertragen werde ? Nein , dazu stand er zu groß und zu prächtig droben auf den Stufen des geschmückten Altars , und das Rauchfaß schwang er so zierlich , als ob ' s auf der Welt nichts Wichtigeres gäbe . Dorothee kam sich wie eine Ausgestoßene vor . In ihrem Stuhl wurde es ihr immer enger , und sie war herzlich froh , daß sie endlich den vielen schmerzlich treffenden Blicken , welche schon ihr Hiersein ihr zu verargen schienen , wieder entrinnen konnte . Ja , jetzt war sie nicht mehr so fest und sicher wie noch nach der Unterredung mit dem Beichtvater . Schon der Empfang auf dem Stighof hatte ihr den Mut genommen , die Ruhe des Herzens erschüttert . Drum wollte sie über Mittag zum Vater und ihm den Rest des vor kurzem erhaltenen Jahreslohns bringen . Da war sie gewiß ein willkommener Gast . Wenn sie heimkam und Geld brachte , dann sagte ihr der Vater in einer Stunde mehr Liebes und Gutes , als sie sonst in einem ganzen Jahr hörte und auch zu hören wünschte . Dieses Schmeicheln und Loben des Vaters tat ihr so weh , daß sie , um es nicht erleben zu müssen , schon seit einigen Jahren den verdienten Lohn durch den Knecht auf dem Stighofe heimtragen ließ . Heute aber mußte sie liebe , gute Worte hören , wie selbstsüchtig sie auch immer gemeint sein mochten , mußte die Freude der Eigenen über ihr Erworbenes sehen und - vielleicht doch auch teilen , denn das blieb wohl nun alles , was sie von ihrem bisherigen Leben hatte . Sie eilte so schnell als möglich über den Platz . Dennoch hörte sie , wie ein Freund des Jos mehreren Bauern sagte , daß es dem Schneider ganz unmöglich sei , die bestellten Sachen alle zur bestimmten Zeit zu liefern , wenn er nicht einen Gesellen auftreiben könne . Das gab Dorotheen wieder Mut . » Wenn auch ein Ast unter den Füßen bricht « , dachte sie , » so fällt man drum noch nicht aus der Welt , sondern bloß vom Kirschbaum zurück auf den festen , sicheren Boden , der überall fruchtbar ist und den Fleißigen nährt . Das Glück und seine Kinder sind launisch ! Aber ich will stark sein und trotzig werden wie Jos . Oh , jetzt erst jetzt versteh ' ich ihn ganz . « Das Mädchen lief noch rascher und richtete das Köpflein immer höher auf . Alles war vergessen , seit sie sich in das kleine Stübchen dachte , wo jetzt der noch etwas blasse Schneider und Gemeindeschreiber saß . Was war die ganze Herrlichkeit des Stighofes gegen ein Leben , welches nicht hauptsächlich dem lieben Vieh , sondern den Menschen diente . Wenn auf dem Stighof ein dreitägiges Kälblein kurz vor Mitternacht recht erbärmlich schrie , so mußte alles aus dem ersten Schlafe heraus , und kein Mensch fand mehr Ruhe , bis der Tierarzt auf die eine oder die andere Art geholfen hatte ; wenn aber Jos um Hilfe rief , dann war ' s umsonst . Hansjörg hatte nicht so unrecht , daß er lieber etwas anderes tun wollte als da Knecht sein , wenn es nur nicht etwas gar zu Gefährliches gewesen wäre . Warum sollte er nicht lieber dem Jos bei seiner Arbeit helfen ? Sie hätte sich doch nichts Angenehmeres denken können und glaubte daher , daß es ihr noch gelingen müsse , ihn zu bereden . Mit solchen Gedanken langte sie vor dem kleinen Häuschen an , welches ihr Vater seit seiner Verehelichung bewohnte . Die schwere , niedrige Haustür war noch geschlossen , und nichts regte sich , bis des Vaters kleiner Pudel das Mädchen wie eine Landsfremde wild anbellte . Ach , so fremd war sie hier , daß nicht einmal der Wächter des Hauses sie kannte ! Das wär ' wohl anders gewesen , wenn die Mutter noch gelebt hätte . Machte sie die Not auch hart , so hatte sie doch ein Herz für ihre Kinder und wäre gewiß nicht dahin zu bringen gewesen , daß sie den Hansjörg verkauft hätte .