aus der Blumenvase ziehend und daran riechend . » Ich möchte wissen , wer ihnen das Recht streitig machen wollte , « erwiderte Reinhard . » Es bleibt einfach zu beweisen , daß sie die Abkömmlinge jenes ausgesetzten Hans von Gnadewitz sind , und das können sie zu jeder Stunde . « Die Dame legte den Kopf an die hohe Rücklehne ihres Stuhles und ließ die Lider wie ermüdet oder gelangweilt halb über ihre Augen sinken . » Nun , und jene entdeckten Schätze von Golkonda , sind die wirklich so unermeßlich , wie Frau Fama wissen will ? « fragte sie . Ihr Ton sollte spöttisch klingen , allein Reinhards feines Ohr hörte mit großer Genugthuung eine unsägliche Spannung und etwas wie eine geheime Angst heraus . Er lächelte . » Unermeßlich ! « wiederholte er . » Nun ja , es kommt bei dergleichen Dingen sehr viel auf den Begriff dessen an , den sie berühren ... Ich kann hier nicht urteilen . « Er hätte es sehr gut gekonnt , wie wir wissen , aber er meinte ungalanterweise , die kleine Aufregung der Ungewißheit sei der Dame ganz gesund . Das Examen würde höchst wahrscheinlich noch nicht so schnell sein Ende erreicht haben , wenn nicht plötzlich Bella in ihrer lebhaften , aufgeregten Weise in das Zimmer gestürzt wäre . » Mama , die neue Gouvernante ist angekommen ! « rief sie atemlos und warf mit einer schüttelnden Bewegung ihres Kopfes ihre roten Locken zurück , die vornüber gefallen waren . » Pfui , die ist noch häßlicher , als Miß Mertens ! « fuhr sie fort , ohne die mindeste Rücksicht auf den danebenstehenden Reinhard zu nehmen . » Auf ihrem Hute hat sie knallrotes Band , und ihre Mantille ist noch altmodischer , als die von Frau Lehr ... Mit der gehe ich ganz gewiß nicht aus , darauf kannst du dich verlassen , Mama ! « Die Baronin fuhr mit beiden Händen nach den Ohren . » Kind , ich bitte dich um Gotteswillen , sei nicht so laut ! « stöhnte sie . » Deine Stimme geht mir durch Mark und Bein ... Und was sind das für alberne Reden , « setzte sie streng hinzu . » Du wirst schon mit Mademoiselle Jamin gehen müssen , wenn ich es wünsche . « Diese mit ziemlicher Heftigkeit ausgesprochene Zurechtweisung , infolge deren die verdutzte Bella schmollend die Unterlippe hängen ließ und heimlicherweise ein Stück Franse an dem Fauteuil der Mama abriß , hatte einfach ihren Grund in der sogenannten Marterzeit , die auf Miß Mertens ' Weggang gefolgt war . Die Baronin hatte notgedrungen die einstweilige Aufsicht über Bella übernehmen müssen , und das war , wie sie versicherte , ein wahrer Totschlag für ihre Nerven . Fräulein von Walde gegenüber behauptete sie zwar stets , lediglich unter Miß Mertens ' Erziehungssünden leiden zu müssen ; im Grunde ihres Herzens aber fand sie , daß das Töchterlein in frappanter Aehnlichkeit alle Charaktereigenschaften des seligen Lessen geerbt hatte , worunter sich hauptsächlich ein unbeugsamer Starrsinn und der unbezwingliche Hang zum süßen Nichtsthun auszeichneten ... Sie war indes weit entfernt , zu denken , daß Miß Mertens Unrecht geschehen sei - diese Person hatte sich als Erzieherin bezahlen lassen , mithin verstand es sich von selbst , daß sie - natürlicherweise ohne je gegen die Wünsche und Ansichten der Mutter zu handeln oder die Schutzbefohlene gar eigenmächtig zu strafen - alle Fehler des Kindes beseitigte . Jener mütterliche Einblick in Bellas Charakter hatte deshalb auch ganz und gar keinen Vorteil für die schmerzlich erwartete neue Gouvernante - die unglückliche Französin mit der Farbe der Freude auf ihrem Hute hatte sicher keine Ahnung von den freudelosen Tagen , denen sie entgegenging . - In diesem Augenblicke jedoch fiel mit ihrem Kommen der Baronin ein Stein vom Herzen , und die Dame wünschte nichts weniger als einen Konflikt gleich zu Anfang zwischen Lehrerin und Zögling - deshalb wurden Bellas naseweise Ausstellungen gerügt . Die Baronin erhob sich und ging in Begleitung ihrer grollenden Tochter hinüber in ihre Gemächer , um die Angekommene in Augenschein zu nehmen . Zugleich wurde Reinhard von Fräulein von Walde entlassen . » Befiehlst du , daß ich weiter lese , Helene ? « fragte Hollfeld , nachdem die drei das Zimmer verlassen hatten , in sehr verbindlicher Weise , während er die Zeitung wieder aufnahm . » Später , « entgegnete sie zögernd und richtete forschend , aber doch mit einer Art schüchterner Beklommenheit ihre Augen auf ihn . » Ich wollte dich eigentlich bitten , da wir für einen Augenblick allein sind , mir endlich zu sagen , was dich in den letzten Tagen so sehr verstimmt hat ... du weißt , Emil , daß es mich unsäglich schmerzt , wenn du mir verweigerst , an dem , was dich freut oder bedrückt , teilzunehmen . Du weißt auch , daß es nicht müßige Neugier ist , die in deine Angelegenheiten eindringen will , sondern wahres , warmes Interesse für dein Wohl und Wehe ... Du siehst , daß ich schmerzlich unter deiner kalten Verschlossenheit leide ; sage mir offen , habe ich unwissentlich etwas gethan , um deswillen du mich deines Vertrauens nicht mehr für würdig hältst ? « Sie streckte wie flehend die Hände nach ihm aus ; ein Stein hätte sich erbarmen mögen bei dem unsäglich weichen , trauervollen Klange ihrer Stimme . Hollfeld bog das knisternde Zeitungsblatt zwischen seinen Fingern hin und her . Er hielt den Kopf gesenkt und vermied es konsequent , dem reinen , offenen Blicke des jungen Mädchens zu begegnen . Ein feiner Menschenkenner würde in dieser Haltung und den unter den gesenkten Lidern rastlos hin und her irrenden Augäpfeln wohl keinen Moment den Duckmäuser verkannt haben , der zögernd überlegt , wie er wohl am schlauesten handelt . Für ein argloses , liebendes Mädchenherz dagegen mochte diese hohe , ein wenig nach vorn gebeugte Gestalt mit dem schönen Gesichte unter den prächtigen