daß ich in dem Vorzimmer Mademoiselle Marguerite traf und welch ' eigenthümliche Scene ich mit ihr erlebte . Ich habe Ihnen aber nicht erzählt , und habe es mir auch so wenig wie möglich merken lassen , welchen Eindruck diese Scene auf mich gemacht hatte . Wenn Jemand , wie ich , in großer Armuth aufgewachsen ist und oft mit Noth und Sorge zu kämpfen hatte , so lernt er aus dem Grunde , was es heißt , hilflos und verlassen sein . Deshalb ist es auch ganz selbstverständlich , daß unser Einer , wenn er Jemand leiden sieht , ganz anders fühlt und denkt , als der , welcher nie in ähnlichen Lagen war ; und so werden Sie es auch natürlich finden , daß ich das Bild des armen , verlassenen , weinenden Mädchens nicht wieder los werden konnte . Immer sah ich sie vor mir stehen , wie sie an der Thür gestanden hatte , die zu den Zimmern der Baronin führt , schluchzend und die kleinen Händchen auf die Augen drückend , während die hellen Thränen durch die schlanken Finger rieselten . Immer tönten mir die Worte im Ohr : oh , que je suis malheureuse ! und ich quälte mich damit ab , herauszukriegen , weshalb das arme Mädchen denn so sehr unglücklich sei ? Denn daß es noch etwas mehr war , als das Gefühl ihrer Abhängigkeit überhaupt , daß sie nicht deshalb , weil sie wieder einmal , wer weiß zum wie vielten Male ungerechterweise Schelte bekommen , so meinte , - das hätte ich beschwören mögen . Ich quälte mich so darüber , daß ich die ganze folgende Nacht nicht schlafen und am andern Tage kaum die Zeit erwarten konnte , wo die Baronin mich empfangen wollte . Endlich schlug es zwei Uhr . Ich begab mich in das Hotel und wurde sogleich vorgelassen . Die Baronin war allein in ihrem Zimmer . Sie war ausnehmend gnädig , erkundigte sich nach Frau von Berkow ; fragte , wie es mir in Grünwald gehe ? ob ich sehr viel zu thun habe ? und rückte endlich mit der Sprache heraus . Sie könne sich nicht entschließen , ihren Malte auf das Gymnasium zu schicken aus Gründen , die sie mir auseinandersetzte , die aber zu dumm waren , als daß ich sie wiederholen möchte ; ebensowenig aber wage sie es nach den traurigen Erfahrungen , die sie gemacht - so lauteten ihre Worte - es noch einmal mit einem Hauslehrer zu versuchen . Sie habe den Entschluß gefaßt , ihn jetzt im Hause durch Privatlehrer unterrichten zu lassen , die natürlich erprobte und gesinnungstüchtige Männer sein müßten , und - dies war des Pudels Kern - ob ich , den sie außerordentlich schätze , sie in diesem Werke unterstützen und ihrem Sohne täglich ein bis zwei Stunden Unterricht in den alten Sprachen ertheilen wolle ? - Nun können Sie sich denken , Fräulein Sophie , daß ich unter anderen Verhältnissen die Zumuthung rundweg zurückgewiesen haben würde , denn , abgesehen von Allem , was sonst dagegen sprach , kann ich offenbar meine Zeit besser anwenden , als daß ich sie dem albernen Jungen opfere , den ich noch dazu niemals habe leiden können ; aber ich bedachte , daß ich auf diese Weise Gelegenheit gewinnen würde , öfter mit der armen Marguerite zusammenzukommen , und da ich nichts eifriger wünschte , als das , so schien mir der Vorschlag der Baronin ein Wink des Himmels und ich acceptirte ihn ohne weiteres . Bravo , Bemperchen ! sagte Sophie ; ich sehe , daß Sie für eine harmlose kleine Intrigue doch mehr Talent haben , als ich Ihnen zutraute . O , es kommt noch besser , erwiderte Bemperlein lächelnd ; Sie werden über meine Genie staunen . Im weiteren Verlauf des Gesprächs kam die Baronin auch auf den französischen Unterricht zu sprechen und äußerte , es sei sehr unbequem , daß sie , trotzdem sie eine Französin im Hause habe , auch einen französischen Lehrer werde nehmen müssen , da sie zu Mademoiselle ' s grammatikalischen Kenntnissen sehr wenig Vertrauen habe . Ich sagte sogleich - ich weiß noch jetzt nicht , wo ich den Muth dazu hernahm - ich sei überzeugt , Mademoiselle würde die Grammatik sehr schnell lernen und hernach in alle Zukunft lehren können , wenn sie nur ein einzigesmal einen grammatikalischen Cursus durchgemacht habe . Meine Zeit sei freilich sehr beschränkt , wenn aber eine halbe Stunde täglich - die Baronin ließ mich gar nicht ausreden und nahm ohne weiteres mein Anerbieten an . Schon am nächsten Tage sollte der Unterricht beginnen . Wann hatten Sie die Zusammenkunft mit der Baronin , Bemperchen ? Gestern vor acht Tagen , an demselben Tage , als ich , noch voll von dieser Unterredung und von einer andern , die ich , gleich als ich nach Hause gekommen war , mit - mit - ich kann nicht sagen , Fräulein Sophie , mit wem , gehabt hatte , zu Ihnen eilte und hier Herrn Stein traf . Bemperlein schwieg ; sein gutmüthiges Gesicht verdüsterte sich , und er griff wieder nach dem Schüreisen . Sophie nahm ihm dasselbe ruhig aus der Hand , stellte es noch weiter weg und sagte : Sie waren an dem Abend aufgeregt und gingen bald wieder fort . Steht denn die andere Unterredung mit dem geheimnißvollen Unbekannten in irgend einer Verbindung mit Ihrer Geschichte ? Nicht in directer , erwiderte Bemperlein , sich wieder an die Schlummerwalze haltend , nur insofern , als sie mein Interesse an den armen Marguerite noch steigerte , der - und die Folge hat meine Vermuthung auf die merkwürdigste Weise bestätigt - vielleicht etwas Aehnliches passirt sein konnte - doch lassen wir das ! Am nächsten Tage also begann der Unterricht . Die Lection mit dem Bengel , dem Malte , war vorbei ; ich war allein in dem Zimmer zurückgeblieben und erwartete meine Schülerin ; Ihnen kann ich es sagen ,