eine quäkende Stimme fragte : Darf ich näher treten , Gnädigste ? Ah , sieh , der Herr Pastor ! sagte der Baron , aufstehend und dem Eintretenden entgegengehend , seien Sie bestens willkommen ! Wollen Sie nicht ablegen ? Bitte , bitte Herr Baron - bemühen Sie sich doch ja nicht - ich kann ja selbst - danke verbindlichst ! sagte Pastor Jäger , Hut und Stock auf einen Stuhl legend ; ich wollte mich gar nicht aufhalten ; - danke verbindlichst - ich würde einen Rohrstuhl vorziehen - danke ! - ich wollte mich nach dem Befinden der gnädigen Herrschaften erkundigen , denn ich hörte heute Morgen , daß Sie das Zauberfest in Barnewitz gestern mit Ihrer Gegenwart beehrt haben . Recht gut bekommen ? Nicht sonderlich ? O ! die Frau Baronin sehen in der That etwas angegriffen aus - und der Pastor blickte , den Kopf wie ein kranker Papagei auf die rechte Schulter neigend , mit dem Ausdruck des innigsten Bedauerns auf die Baronin . Ich befinde mich leidlich , sagte diese , die Arbeit , die einen Augenblick geruht hatte , wieder ergreifend ; aber Grenwitz scheint die Tour weniger gut bekommen zu sein . O , in der That ! sagte der Pastor , den Kopf schnell auf die linke Schulter neigend . Darf ich Ihnen von meinen Tropfen offeriren , Herr Baron , sechs bis zwölf auf Zucker ? Sie sind doch der wahre Arzt für Seele und Leib , sagte die Baronin , während der Pastor auf eine abwehrende Bewegung des Barons sein Fläschchen wieder in das Papier wickelte und in die Tasche steckte . Ja , ja ; mens sana in corpore sano , ein gesunder , das heißt ein frommer Geist in einem gesunden Körper , - das habe ich als Knabe in der Schule gelernt , und suche es jetzt als Mann zu üben . - Wo sind denn aber die lieben Knaben ? Noch beim Unterricht ? Ja , ja , der Herr Doctor Stein scheint ein recht strebsamer , fleißiger junger Mann , unter dessen Anleitung die Junker es mit Gottes Hülfe recht weit bringen werden . Nun glaubte der Pastor Jäger mit diesen , Oswald gespendeten Lobsprüchen etwas dem Baron und mehr noch der Baronin besonders Wohlgefälliges gesagt zu haben . Oswald ruhiges , sicheres Auftreten hatte ihm gewaltig imponirt ; Primula Veris , deren Urtheile über Dinge und Menschen ihm Evangelien waren , hatte seit acht Tagen nur das Lob des jungen » Gastfreundes « gesungen , der ihr in einer Stunde mehr Verbindliches gesagt hatte , als ihr sonst vielleicht in einem Jahr gesagt wurde ; heute Morgen hatte Frau von Plüggen , die Nachbarin und gute Freundin Primula ' s , dieser einen Besuch gemacht , um ihr von dem gestrigen Balle den pflichtschuldigen Bericht abzustatten . Frau von Plüggen , eine Dame , die schon erwachsene Töchter hatte , aber noch immer gern die Jugendliche spielte , war entzückt von Oswald , welcher ihr mit scheinheiliger Miene versichert hatte , sie könne sich getrost für ihre jüngste Tochter ausgeben . Sie erzählte der horchenden Primula , welche Sensation Oswalds Geschicklichkeit im Schießen unter den jungen Männern hervorgebracht , welche Anerkennung seine schöne Gestalt , seine feinen Manieren in der Damenwelt gefunden ; wie er mit Hortense getanzt , Frau von Berkow zu Tische geführt habe ; und eigentlich , Alles in Allem , der Löwe des Tages gewesen sei . Schon , daß Oswald an einer Gesellschaft , deren exclusive Tendenzen dem Pastor sehr wohl bekannt waren , überhaupt hatte Theil nehmen dürfen , war in den Augen des Letzteren ein merkwürdiges , tief bedeutungsvolles Zeichen . Und zu alle diesem kam noch ein Umstand , welcher dem hochwürdigen Herrn Oswalds Gunst und Freundschaft vorzüglich wünschenswerth erscheinen ließ . Der Pastor war nicht ohne Ehrgeiz . Er glaubte sich zu größeren Dingen berufen , als den Bauern von Faschwitz das Evangelium zu predigen . Er wollte nicht umsonst sich bei der Lectüre alter Manuscripte der Grünwalder Universität die Augen verdorben , nicht umsonst über die verschollenen Fragmente der verschollenen Schriften eines verschollenen Kirchenvaters eine grundgelehrte Dissertation geschrieben haben . Er war Doctor , er wollte Professor sein , Professor in derselben Musenstadt , die ihn vor zwanzig Jahren als verkümmerten Studiosus der Theologie in abgeschabtem Röckchen durch ihre Gassen hatte schleichen sehen . Er wollte es um so mehr , als seine Primula es wollte , Primula , welche die ländlichen Gefilde , in denen ihre » Kornblumen « erblüht waren , herzlich satt hatte , und sich im Geiste als geniale Gemahlin des gelehrten Professors an den ästhetischen Theetischen der Musenstadt glänzen sah . - Zur Erreichung dieses höchsten Ziels konnte dem Pastor der Professor Berger , den er wegen seines offen zur Schau getragenen Voltaireanismus , Spinozismus , Atheismus gründlich verabscheute , und dessen Protection er doch schon oft vergeblich erstrebt hatte , außerordentlich nützlich werden . Oswald aber war der erklärte Günstling des großen Mannes , der erste Schüler des alten Meisters . Eine Empfehlung Oswalds war mehr werth , als eine gelehrte Dissertation - folglich Oswalds Freundschaft ein Ziel , » auf ' s innigste zu wünschen , « und ein gelegentliches Lob , das ihm doch wohl wieder zu Ohren kommen konnte , gar » keine schlechte Theologie . « So dachte , so rechnete der Pastor . Wie erstaunt war er daher , als die Baronin mit einem Ton der Stimme , der nicht viel Gutes verhieß , seine huldvolle Phrase mit der Frage beantwortete : Sagen Sie einmal aufrichtig , Pastor Jäger , was halten Sie von dem jungen Menschen ? Den Schüler Bergers , den Günstling Primula ' s , den Löwen vom gestrigen Junkerfest schlechtweg als einen » jungen Menschen « bezeichnen zu hören ! der Pastor traute seinen Ohren kaum . Er schoß über die runden Brillengläser fort einen forschenden Blick auf die Baronin , ob ihr Gesicht etwa einen Commentar