man aber keine Barrikaden und keine beblousten Freiheitshelden unmittelbar vor Augen hatte , und einen in Revolutionsschwindel und Atheismus verkommenen Teil der Schweiz als zu gering für Ausbreitung giftiger geistiger Miasmen betrachtet , so frohlockte man in Europa , und mit einer Art von gieriger Wut warf man sich darauf , » die Segnungen des Friedens « auszubeuten und herauszustreichen . Diese Segnungen bestanden vorzugsweise in einem ungeheueren Aufschwung der Industrie , welcher durch die Ausstellung im Kristallpalast zu London eine Art von europäischer Bürgerkrone aufgesetzt wurde . So etwas hatte die Welt noch nicht erlebt : aus allen Himmelsgegenden über Land und Meer zu reisen , um allerhand Fabrikat in geschmackvoller Aufstellung anzusehen . Eine Art von Völkerwanderung begab sich auf den Zug nach London . Was jeder heimbrachte , war die Erinnerung an einen fabelhaft bunten Wust , aus dem , wie ein Wrack aus dem Weltmeer , irgend ein Lieblingsgegenstand auftauchte . Wer sich eifrig an dieser Völkerwanderung beteiligte , war Graf Windeck . Im Grunde war ihm alles Fabrik- , Industrie- und Spekulationswesen äußerst gleichgiltig , ja zuwider . Er hatte eine entschiedene Abneigung gegen alle Emporkömmlinge durch Reichtum , weil er in ihrer Stellung und ihren Verhältnissen keine Garantie des konservativen Elementes fand . Wer so plötzlich reich wurde , nur durch geschickte Benutzung günstiger Zeitumstände , könne durch deren Ungunst auch einmal ebenso plötzlich arm werden , und befände sich in einem beständigen Schaukelzustand , nie in einem zuverlässigen und stabilen , und zu einem solchen könne er kein Vertrauen haben - pflegte er zu sagen . Zu jeder anderen Zeit hätte er sich ungemein gewundert , daß man sich mit einer Industrie-Ausstellung so enorme Mühe gebe und so viel Geld und Teilnahme an sie verschwende ; allein gegenwärtig erschien sie auch ihm als eine Blüte der Segnungen des Friedens , ja als deren Besiegelung ; denn wie mußte sich eine Industrie , die es dahin gebracht hatte , im märchenhaften Kristallpalast überköniglich zu thronen - gegen die Emeute zur Wehr setzen , deren brutale Erdstöße ihre Feenbehausung samt ihrer Tätigkeit in Grund und Boden krachen würden . » Das Ungeheuer Industrie , « hatte er im Frühling zu den Seinen gesagt , » hält das Ungeheuer rote Republick im Zaum . Ein Monstrum besiegt das andere ! Wir wollen uns das siegende betrachten und nach England gehen . « - Die Verhältnisse in der Familie waren unverändert geblieben ; auch die Gesinnungen . Regina war schöner denn je , denn es legte sich über ihre liebliche und edle Erscheinung ein Schmelz der Wehmut , wie sie aus einer tiefen ungestillten Sehnsucht , die nie in Klage ausbricht und nie von schmerzlicher Unruhe sich bewegen läßt - unwillkürlich entspringt ; ein Nachtviolenduft der Seele , der dem Glanz der Schönheit einen unvergleichlichen Zauber gab . Neben ihr war Corona zu einem reizenden jungen Mädchen aufgeblüht , mit ein paar Augen so tief und so dunkel , wie das nächtliche Meer , das über ungeahnten Geheimnissen geheimnisvoll aufleuchtet . Corona war nicht mehr das spielende , allem Ernst abholde Kind , das einst ein Ordensgewand sogar als Maskenkleid mit Furcht und Abneigung betrachtete . Sie verstand jedes ernste Streben und jeden höheren Aufschwung , aber sie war nicht , wie Regina , durch und durch von einer weltentfremdeten Sehnsucht ergriffen , sondern sie wünschte ein Stückchen Welt in ihrem Herzen himmelwärts zu heben , oder ein Stückchen Himmel in die Welt zu verpflanzen ; sie wußte selbst nicht recht wie ! sie war eben sechszehn Jahre alt ! und war als die Jüngste - auch der verzogene Liebling der ganzen Familie . Der Graf adorierte sie , als sie sich so schön und anmutig entwickelte . In Regina war ein Etwas , das ihm unwillkürlich einen gewissen Respekt einflößte , über den er sich im Stillen ärgerte . Überdies gab es Punkte , von denen sie , trotz aller Unterwürfigkeit , nicht abging ; sie hatte nicht Coronas unbedingte Fügsamkeit . Orest war im Kriegsdienst geblieben . Uriel hatte denselben nach Beendigung des lombardischen Krieges verlassen und war wieder in die diplomatische Laufbahn getreten , aber nicht nach Frankfurt zurückgekehrt . Die furchtbaren Ereignisse der Zeit , die bitteren Erfahrungen , an denen sie so überreich war , die Kriegs- und Schlachtenbilder , angeschaut in nächster Nähe und in voller Herbe - die auch den glorreichsten Siegen nicht fehlt ; die Ungewißheit des eigenen Daseins und der eigenen Zukunft : alles stimmte ihn ernst , und er nahm sich vor , seine Tage nicht in träumerischer Anhänglichkeit an Liebesgedanken zu verschwenden , durch welche Regina nun einmal nicht zu gewinnen sei . Er war eine Zeit lang in London , dann in Wien , dann in Florenz . Dazwischen kam er aber immer wieder nach dem lieben heimatlichen Windeck , und wie bunt , bewegt und regsam sich auch die Welt mit ihren blendenden Farben , bestechenden Erscheinungen , interessanten Fragen und gewichtigen Tatsachen vor ihm entfalten und ihn zur Teilnahme auffordern mochte : Eines war gewiß - sein Herz blieb an Regina gefesselt , seine ganze Zukunft hatte nur insofern Reiz für ihn , als er hoffte , sie mit Regina zu teilen , und so oft er sie wiedersah , umso fester stand es in ihm , daß er ihresgleichen nicht in der Welt gefunden habe . Aber er schwieg und bat auch den Grafen zu schweigen , der jedesmal , wenn Uriel kam , Regina mit Vorstellungen zu bestürmen dachte , um sie zu einer günstigen Entscheidung hinzudrängen . Regina wußte ihm innigen Dank für diese Schonung , allein ihr Herz lag auf der Folter durch die Peinlichkeit dieses Verhältnisses . Sie wechselten in drei Jahren kein Wort , welches darauf Bezug hatte . Da - kurz vor Uriels Abreise von Windeck , als er zufällig allein mit ihr auf der Terrasse auf- und niederging - da blieb sie stehen , sah ihn sanft und ernst an und sagte mit ihrem innigen