Wahrheit ? Wenn ein Zusammenhang war zwischen ihnen und denen , welche die Trunkenheit des Propstes schwatzte ? Ulrich hielt den zertrümmerten Engel in der Hand , der von dem Tabernakel herabgefallen - er hatte keine Flügel mehr . So erschien er sich selbst in diesem Augenblicke - so herabgestürzt und aller Schwingen der Kunstbegeisterung beraubt - er mußte sich gewaltsam zusammenraffen , um wieder zur Arbeit zurück zu seinen Genossen zu kehren . Siebentes Capitel Das Schönbartlaufen Ursula Muffel befand sich in einem Zustande des peinlichsten Harrens , schon seit sie gehört , daß der Reichstag in Nürnberg gehalten werde und daß Hans Tucher auch seinen Sohn Stephan in der Begleitung des Kaisers mit zurückerwarte . Aber dies Harren ward zur schrecklichsten Aufregung , als sie erfuhr , daß Stephan wirklich in den Schooß seiner Familie zurückgekehrt sei , daß er wie einst unter den Söhnen der Patrizier und Kaufleute Nürnbergs für den blühendsten und durch Ansehen und Haltung hervorstechendsten geltend , jetzt auch unter den königlichen Begleitern zu den stattlichsten und zu denjenigen zählte , die sich durch Pracht und Schmuck ihrer Kleidung von Andern auszeichneten und ebenso sorgfältig ihre Körpergaben pflegten . Ursula hörte , daß Stephan ' s Angesicht von Frohsinn , Gesundheit und Schönheit glänze - und ein Blick in ihren Spiegel warf ihr dafür nur ein angstvoll betrübtes Gesicht zurück . Er war da und kam nicht - das paßte nicht zu seiner sonst so feurigen Natur , der gegenüber sie ihre ganze Sittsamkeit hatte zusammennehmen müssen , um nicht dem Ungestüm der männlichen Leidenschaft zu erliegen . Und nun konnte er nach einer so langen Trennung zurückkehren , ohne Alles daran zu setzen , sie wiederzusehen ? - War er ihr untreu geworden ? hatten andere , verführerischere Frauen ihn verlockt - oder hatte er eine würdigere Gefährtin gefunden ? - Oder hatte er ihr entsagt aus Gehorsam gegen seinen Vater - oder vielleicht selbst aus Bürgerstolz , der es doch verschmähet , sich mit der Enkelin des Gerichteten zu verbinden ? - Oder hielt eine feindliche Macht sie getrennt ? hatte man ihm falsche Nachrichten von ihr gebracht - etwa daß sie ihm untreu sei ? oder entsagen wolle und müsse , oder wie sonst sich seiner unwürdig gemacht ? Alle diese Fragen erneuerten sich in Ursula mit fieberhaftem Ungestüm - und den größten Kampf kostete ihr gerade die letzte . Gewann diese die Wahrscheinlichkeit der Bejahung , dann war es ja an ihr zu dem Geliebten zu eilen , ihn von ihrer Treue , ihren unveränderten Empfindungen zu überzeugen . Aber sie hatte doch keine Bürgschaft für diese Ursache seines Zurückbleibens von ihr , und so hielt sie sich gewaltsam von einem solchen entscheidenden Schritt zurück , der ihren jungfräulichen Stolz und ihre keusche Mädchenzartheit dem Spotte und der Verachtung preisgeben konnte , wenn ihre Voraussetzung und mit ihr Stephan sie getäuscht . Die Anwesenheit des Grafen von Würtemberg und seines Gefolges in ihrem sonst so stillen Hauswesen , dessen Aufsicht sie führte , gab ihr wohl nebenher zu thun und zu denken in Menge , um so mehr , als Herr Gabriel Muffel mit seiner Bewirthung des hohen Gastes alle Ehre einlegen wollte , damit nicht die andern Genannten Ursache fänden , sich über ihn lustig zu machen , und das Hans von Tucher seinen Hochmuth nicht an ihm üben könne . Ursula mußte es sich auch darum um so angelegener sein lassen , sich selbst die Zufriedenheit ihres Vaters zu erwerben , als sie diese in andern Dingen verscherzt hatte : erst überhaupt durch ihr Liebesverhältniß mit Stephan und dann auch , als durch dessen Entfernung dieses dem Vater gelöst erschien , durch ihre Weigerung jedem andern Bewerber ihre Hand zu reichen . Zwar war der Vater auch tief bekümmert , daß er die einzige Tochter von Tag zu Tag trauriger und leidender werden sah - doch da er eben meinte , daß ihr Eigensinn dies selbst verschuldete , so ward er dadurch nicht milder gegen sie gestimmt . Jetzt , wo er hörte , daß Stephan mit dem König zurückgekommen und in seinem Gefolge den Ritter spielte , wo die Tucher und Holzschuher dafür sorgten , zu Muffel ' s Ohren gelangen zu lassen : wie viele schöne Edelfräulein ihr Herz an Stephan verloren , und wie er mit einem derselben bald Hochzeit halten werde - jetzt forderte er doppelt von der Tochter , daß sie vor den Leuten in gleich stolzer Haltung erscheine , und zürnte ihr doppelt , daß er sie ihnen nicht auch als Braut vorstellen konnte . Während er sonst an ihr mehr auf bürgerliche Einfachheit gehalten , verlangte er jetzt , daß sie auch in ihrer Kleidung mit den stolzesten Nürnbergerinnen wetteifere und bei keiner öffentlichen Lustbarkeit fehle . So , da die Fastnacht kam , sollte in wenig Tagen das » Schönbartlaufen « stattfinden , und zwar in der glänzendsten Weise , da der Reichstag versammelt war . Ursula wollte sich weder bei der Schlittenfahrt noch bei dem Ball , der ihr folgen sollte , betheiligen , aber ihr Vater bestand darauf , und da beides in Maskenanzügen vorgeschrieben war , ließ er ihr selbst dazu die schönsten bestellen . Es waren noch einige Tage bis dahin , und Ursula dachte darüber nach , wie sie dem entgehen könne ; denn wenn Stephan sie verlassen hatte , für den allein sie gelebt , so war sie fremd im Leben und es dünkte ihr nicht mehr hinein zu gehören : wenn er sie verstoßen und verachten konnte , so meinte sie die Verachtung der ganzen Welt auf sich geladen zu sehen , und ihren Hohn nicht nur zu finden , sondern auch zu verdienen . So saß sie an einem früh hereingebrochenen Winterabend allein in ihrem Gemach . Der Burggraf von Zollern hatte an diesem Tag eine Jagd im nahen Forst veranstaltet , welcher die meisten Fürsten und Herren beiwohnten . Auch der Graf von Würtemberg war mit den meisten seines Gefolges dabei