. Von den Kennzeichen , die ihr sonst noch etwa mangelten , hatte man nicht gesprochen ; daß sie katholisch war , schien sich von selbst zu verstehen . Gleich schon am Tage darauf sollte sie beim Institut eintreten . Da der Vorstand und Besitzer der Anstalt Arzt war , der seine Zeit geregelt hielt , so wurde die genaue Stunde angegeben , wo er Lucinden in die Säle einführen wollte . Morgen in der Frühe » um punkt neun Uhr « wurde sie erwartet . Es war um die Osterzeit . Der morgende Tag war , wie sie im Gasthause hörte , ein Quatembertag . Schon früh wurde sie vom Geläut der Glocken geweckt und als sie sich angekleidet hatte , hörte sie , daß in der Kathedrale vom Bischof heute eine Priesterweihe vorgenommen wurde . Drei junge Diakonen sollten die letzten Weihen erhalten . Nach acht Uhr stieg auch sie , von Unruhe und Ungeduld getrieben , die Anhöhe empor , auf welcher die Kathedrale lag , umgeben von Resten alter Bauwerke . Hier sollten deutsche Kaiser einst eine Pfalz , einen Palast gehabt haben , an derselben Stelle , wo jetzt nur eine Schwadron Chevauxlegers einkasernirt lag in allerlei Anbauten , die mit Galerieen hinausgingen auf einen Platz , den man den Schloßhof nannte und wo allerdings an einer Stelle ein alter Thurm mit Wendeltreppe und ein steinernes Portal , über welchem der Thierkreis abgebildet war , unmittelbar um tausend Jahre aus der Gegenwart hinausversetzten . Die Kathedrale selbst war in byzantinischer Form angelegt , aber von dem Geschmack späterer Jahrhunderte mannichfach ergänzt durch Neubauten , Rundkränze und Thürme allerlei Stils . An den obern Stockwerken der Thürme sah man Säulen und Statuen , die Thüren waren nicht eben hochgewölbt , aber reich geschmückt mit Bildwerken . Die Nähe der kaiserlichen Burg chien Einfluß gehabt zu haben auf die Gegenstände dieser Reliefs ; man sah Allegorieen mit den Attributen der Gerechtigkeit , Salomo , den Richtenden , eine verhüllte Gestalt mit der Wage in der einen Hand und dem Schwert in der andern ihm zur Seite . Dazu gesellte sich in noch nicht allzu kirchlicher Ausdrücklichkeit der wunderlichste Schmuck von Thieren und manche humoristische Ausgelassenheit , die man am Eingang so heiliger Stätte am wenigsten gesucht haben würde ... Ein Silen reitet auf einem Ziegenbock , ein Affe schreitet gravitätisch in Gewändern daher , ein Löwe spielt mit jungen Hasen ... Es ist als wenn sich das alte Leben der Zeit in Markt und Wald nur in Stein verwandelt hätte und sich seinerseits der trauten Nähe des Allerheiligsten auch erfreuen , vielleicht aber auch an der Pforte andeuten wollte , wessen man alles , die heiligen Räume betretend , vom Ungeistlichen draußen uneingedenk werden sollte . Ostern war spät gefallen , aber die reichen Blumenspenden , die Lucinde in den Straßen getragen fand , waren doch zu kostbar für die Jahreszeit . Hier mußten ganz besondere Opfer der Liebe stattfinden , wenn man diese Kränze und Kronen sah , die , aus den schönsten Blumen gewunden , noch wie verspätet eilends in die Kathedrale nachgetragen wurden . Die Menschen drängten sich , vorzugsweise eilten die Frauen . Eine Priesterweihe ist einer der anregendsten Vorgänge des kirchlichen katholischen Lebens , gleichsam eine geistliche Hochzeit , fehlt doch bei Ertheilung der ersten Grade selbst eine sichtbare Braut nicht , ein kleines Mädchen , dem der entsagende Priester angetraut wird , als dem Symbol der reinen , unentweihten , jungfräulichen Kirche . Hier handelte es sich um drei junge Diakonen , die schon die letzten Weihen erhielten und sozusagen nicht » ein- « , sondern , wie Lucinde auf Erkundigung vom Volke erfuhr , » ausgeweiht « wurden . Lucinde machte erst einige Gänge durch die alte Pfalz , betrachtete die geheimnißvolle Wohnung des Bischofs , hinter der ein Garten mit schon Blüten ansetzenden edeln Bäumen sich erhob , und umschritt die Kathedrale , die wie ein Sinnbild des Lebens selbst , abwechselungsreich und fast in ihrem ursprünglichen Zweck überladen und erdrückt erschien ... fehlte doch selbst an einem Ausbau ein Schalter mit frischem Backwerk nicht , in der Kirche ein Bäckerladen ! Einer alten Sitte zufolge mußte hier jeder neu gewählte Domherr weißes Brot kaufen und an die Schuljugend , die ihm Glück wünschte , selbst vertheilen ... So bot die Kirche Brot des Lebens , geistiges und leibliches . Lucinde , gedenkend , daß sie in ihrer neuen Lage die ihr mangelnde und von ihr als unwesentlich vorausgesetzte Bedingung ganz verschwiegen hatte , wollte das geistige wenigstens am Geschmack versuchen und trat in die Kathedrale ein . Das Innere derselben war trotz der Sonne von Kerzen erhellt , mit Blumenkränzen durchzogen , von Orgelklängen durchbraust ; Stimmen redeten laut und so voller neugierig sich drängender , auf den Zehen stehender Menschen war der Raum , daß Lucinde nur auch sogleich von dem , was vorging , angezogen wurde und der Betrachtung des Baues selbst , seiner hohen Gewölbe , seiner bunten Fenster , seiner Kapellen und Grabmäler sich jetzt nicht widmen konnte . Die heilige Handlung war schon in vollem Gange . Der Bischof stand am Hochaltar in prächtigen Gewändern . Rings um ihn her eine Reihe junger Priester niederkniend , vor ihm drei andere , die , welche eben die letzten Weihen empfingen . Eben redete der Archidiakon den Bischof mit den Worten an : Die heilige Mutter Kirche verlangt , daß die gegenwärtigen Diakonen zur Würde des Priesterthums geweiht werden ! Der Bischof sprach : Weißt du , daß sie würdig sind ? Der Archidiakon erwiderte : Soweit es die menschliche Gebrechlichkeit zu erkennen vermag , weiß ich es und bezeug ' es ! Nun wurden die Namen der drei zu Weihenden genannt , die mit Kerzen in der Hand vor dem Bischofe standen : Joseph Niggl , Beda Hunnius , Bonaventura von Asselyn . Der letzte Name machte die Hörerin lebhafter aufblicken . Dieser Name Asselyn war auf Schloß Neuhof nicht selten genannt worden .