schüchtern und tat fremd , es schmerzte Vreneli fast . Zehn Jahre waren zwischen ihnen durchgeflossen , seit sie ein Herz und eine Seele gewesen ; diese zehn Jahre , wie weit hatten sie sie auseinandergerissen ! Jahre verknöchern sich gerne zu Bergen , stellen sich zwischen die Menschen , scheiden sie durchaus , höchstens sehen sie sich noch , kennen einander aber nicht . Wenn nun so nach zehn Jahren der Strom der Zeit Zwei zusammenschwemmt in ein Stübchen , daß sie bei einander sitzen , sich ansehen und Rede stehen müssen , so sehen sie einander an und lesen sich gegenseitig ein Blatt Weltgeschichte ab , und was sie sich gegenseitig ablesen , macht die Einen neidisch , die Andern dankbar , Andere demütig , Andere hoffärtig , Andere giftig , Andere wehmütig . Als das arme Weiblein Vreneli vor sich hatte , war es eben demütig und wehmütig , denn der Grund seines Gemütes war gut und treu . Es sah mit Demut an Vreneli auf , dem seine einfache , nette Kleidung so vornehm stund , Respekt einflößte , denn wer eine so einfache Kleidung so zu ordnen und zu tragen wußte , der war von Jugend auf in guter Kleidung und hatte daheim noch bessere , als es am Leibe trug , während man oft scheinbar kostbarer , aber verschliffener Kleidung von weitem ansieht , daß unter derselben ein verlumpt Hemd stehet und daheim nicht drei ganze sich vorfinden würden . Dachte mit Demut , wenn es gewußt , wie es geworden , es hätte nicht an ihns sprechen dürfen , aber schön sei es von ihm , daß es doch gekommen und seiner sich nicht geschämt . Dachte aber auch mit Wehmut , wie die Zeit sie verschieden gestellt , an ihm gezimmert und genagt , Vreneli zu einer Frau gemacht , dachte mit Wehmut , wie es erst in zehn Jahren sein werde , wie da wohl es zusammengemagert und , ein verdorret Laub , von der Erde verschlungen sein werde , während Vreneli vollständig zu einer Bäuerin sich abgerundet habe . Je mehr Vrenelis Freundlichkeit auf blühte , desto weh - und demütiger ward das arme Frauchen ; zwischenein kam die Freude , es zu sehen und zu gedenken der vergangenen Zeit ohne Gram und ohne Sorgen . Die Armütigkeit trat erst so recht hervor , als man das Kindlein schmücken wollte zur Kirche . So rein und schön , als sie können , zieren die Eltern das Taufkind aus ; es soll diese Sorgfalt so gleichsam ein Pfand sein , daß sie es schmücken und zieren wollen nicht bloß äußerlich zum Gang in den Tempel des Herrn , sondern von Stunde an auch innerlich und es auf , erbauen zu einem Tempel , darin der Herr wohnen mag . Da waren gelbgewaschene Windeln und keine ganze Käppchen , gar erbärmlich dünn das Decklein , in welches man es legte , und verschossen und schlecht das Tuch , mit welchem man es deckte . Das arme Kind mußte sich früh gewöhnen , daß des Lebens rauhe Winde ihm hart an die Haut gingen . Die alte Gotte hatte das grausam ungern , konnte sich gar nicht darein schicken , mit einem so schlecht angekleideten Kinde zur Kirche zu gehen . Wenn sie das gewußt hätte , sagte sie , sie hätte die Magd gesandt , die hätte dieses auch verrichten können . Das arme Frauchen hatte die Tränen in den Augen , entschuldigte sich bestmöglichst . Sie hätte Besseres leihen wollen , aber , fremd hier , hätte man allenthalben Ausreden gehabt ; da hätte sie gedacht , wegem lieben Gott hätten sie sich nicht zu schämen , den Leuten aber nicht mehr nachzufragen als sie ihnen . Da hätte sie es ja den Gevattersleuten können sagen lassen , die würden ihretwegen schon dafür gesorgt haben , zürnte die graue Alte , die eben auch nicht sehr appetitlich aussah . Da trat Vreneli ins Mittel , durch dieses unwürdige Geträtsche sehr bemüht . Es wolle das Kind schon tragen , sagte es , es schäme sich seiner gar nicht ; vielleicht sei das Kind welches Jesus unter die Jünger gestellt und gesagt : So ihr nicht werdet wie dieses Kindlein , werdet ihr nicht ins Reich Gottes kommen , nicht besser geschmückt gewesen als dieses , und allweg wollten sie Gott danken , wenn sie Beide Gott so wohl gefielen als dieses Kindlein , und ein Beispiel hätte man , daß ein Kind , welches nicht einmal ein Deckeli gehabt , sondern bloß in Windeln gewickelt gewesen sei , groß geworden sei und noch jetzt allen armen Sündern zum Heil . » Du wirst eine Stündlerin sein mit Schein , « grinste die Alte . » Nicht , daß ich wüßte , « antwortete Vreneli , » aber mich dünkt , man sollte sich in die Umstände schicken können , auf die Hauptsache sehen , an Nebensachen sich nicht stoßen , und dies um so mehr , je älter man ist . « » So , « sagte die Alte , » das wird sollen gestochen sein . Ja ja , es gibt Leute , sie meinen , sie hätten die Weisheit mit dem Breilöffel gefressen , und sehen den Dreck auf der eignen Nase nicht . He nun so dann , so gehts ! Bin alt , habe darum schon manchmal erfahren , daß unser Herrgott Solchen den Verstand mit der Muskelle anrichtet , und dann sagten ich und Andere : So recht , nur angerichtet , und je mehr , je besser . So sollte es allen gehen , welche besser sein wollen als andere Leute oder gar noch fromm . « » Ich sehe dich doch noch ? « frug das Fraueli weichmütig Vreneli . » Gewiß , « sagte Vreneli , » aber jetzt ists Zeit ! Gebt mir das Kind in Gottes Namen , und gehen wollen wir in Gottes Namen , und daß des Kindes Eingänge