im Fall , daß er sein bedürfe , ihn wieder aufzusuchen , da die Vergangenheit entschieden für immer abgethan bleiben müsse . Seit langer Zeit athmete Roderich fröhlich auf , ein heiteres Gefühl der Selbstzufriedenheit floß durch seine Lebenspulse und drang ihm tief an ' s Herz . Und nun zu Annen ! sagte er lächelnd . Er hatte St. Luce vorgeschlagen , ihn zu begleiten ; der junge Herzog von Reichstadt hatte sich wieder erholt , mit Freuden nahm der General das Anerbieten an . Duguet sang triumphirend seinen Marlborough und ließ unter seiner Aufsicht den Wagen packen . So standen also die Dinge in Wien ; unglücklicherweise hatte in Brandenburg , Berlin und Paris Niemand von dieser günstigen Umgestaltung der Verhältnisse die leiseste Ahnung . Gleich nach Anna ' s Abreise hatte der General an Gotthard geschrieben , der Brief kam an , als dieser eben seine Geschäfte in Paris beendet und zur Abreise bereit war . Gotthard zählte noch nicht Dreißig ; in diesen Jahren rollt das Blut noch rasch und glühend , einem Lavastrom gleich , in den Adern . Die Möglichkeit einer nicht entfernt durch ihn veranlaßten Scheidung ihrer Ehe , das Bewußtsein , Annen ein in jedem Bezug passendes Loos bereiten zu können , die Aussicht , ihr seine Hand zu bieten , mit der einzigen Frau , die er je geliebt , die er nie eine Stunde aufgehört zu lieben , vereint leben zu können , überwältigte ihn . Mit unwiderstehlicher Gewalt von der Macht des Augenblickes ergriffen , zauderte er keine Stunde , er flog nach Berlin . Sie war nicht mehr da ; auch Leontine abwesend , bei ihr . Er erfuhr dies zufällig und konnte sich nun nicht entschließen , Geierspergs aufzusuchen , er kannte Beide nicht . Wie ein Träumender ging er volle vierundzwanzig Stunden in Berlin umher . Er hielt es nicht länger aus ; er nahm Postpferde und eilte nach Brandenburg . Die kleine Stadt gewährte ihm nähere Details . Im Gasthof , wo er Erkundigungen einzog , erfuhr er , wo sie wohne ; auch Otto ' s Anwesenheit ward ihm mitgetheilt . Er freute sich derselben , dann aber beneidete er ihn unbeschreiblich , daß er ihm zuvorgekommen und die ersten traurigen Tage mit Annen durchlebt hatte . Mit einem Male hatte den sonst gefaßten , besonnenen Mann der Wirbel grenzenlos leidenschaftlicher Gefühle und Hoffnungen erfaßt , jede Secunde steigerte ihn ; als habe ihn die Wünschelruthe einer zauberischen Gewalt berührt und tausend Quellen seines Herzens wach geschlagen , strömte die Fluth unsäglichen , fast tödtenden Glücks durch sein ganzes Wesen . Er mußte sie sehen ! jetzt - gleich ! - - Auch Anna war seit einer halben Stunde überaus glücklich . Sie hielt einen Brief ihres Bruders aus Schlesien in der Hand , den sie wiederholt durchlas . Louis war nicht mehr beim Militär , eine ihm unerklärliche , ganz unbekannte Fürsprache hatte ihm die Stelle eines Postmeisters mit einem kleinen Gehalt verschafft . Nachdem ihm durch seinen Hauptmann unter den Fuß gegeben worden , um seinen Abschied zu bitten , welchen er , da er die gehörige Anzahl Jahre gedient , » seiner geschwächten Gesundheit wegen « mit allen Ehren und Anerkennung guter praktischer Kenntnisse erhielt , hatte ihn der Antrag wie ein ihm vom Himmel zugefallenes Geschenk überrascht . Nun konnte er froh und ruhig mit seiner Familie leben , seine Kinder erziehen . Dem kleinen Amt war er völlig gewachsen . Er hatte ein Häuschen als Wohnung angewiesen bekommen , und Feld und ein Gärtchen . Er schwamm in Wonne , und rührend schön war die wirklich tief gefühlte Dankbarkeit , mit welcher er der Schwester abbat , daß er je an ihr gezweifelt , während sie so redlich für ihn gesorgt . Es mußte ja ihr und Kronbergs Werk sein , daß er nun plötzlich so glücklich geworden . Louis erschien durch seine Reue und den Jubel seines Herzens so hingebend liebenswerth , daß Annen jeder frühere Miston aus dem Gedächtnisse schwand . Auch seine Frau hatte mit einer hübschen klaren Handschrift einige Zeilen voller Dank und Herzensfreundlichkeit dem Brief zugefügt ; das Glück verleiht gut gearteten Menschen fast immer eine gewinnende Anmuth . Anna war glücklicher , als Beide . Konnte sie wol einen Augenblick daran zweifeln , daß es Gotthard sei , der dies Alles möglich gemacht , der es für sie gethan zu ihrem Trost ? Das Gefühl seiner Liebe überkam sie wie eine stille Seligkeit ; Thränen überthauten das Blatt , das sie noch in den Händen hielt . Unwillkürlich war ihr , als empfinde sie wieder die Wohlthat seiner Nähe , ihre Lippen flüsterten bewußtlos seinen Namen . Ja , das bist Du , mein Gotthard ! sagte sie leise und hob das noch umflorte Auge - großer Gott ! es traf das seine ! - Er lag zu ihren Füßen , faßte ihre Hände , drückte sie an seine Stirn , an seine Lippen . Besinnungslos sah sie ihn an , wiederholte aufschreiend seinen Namen und sank kraftlos , vom Augenblick überwältigt , mit dem Gesicht auf seine Schulter , an seine Brust . Wer zählte je in einer solchen Lage die Minuten ? Wie lange das Gefühl der namenlosen Wonne , dieses Anschauens des Geliebten , ohne Vor- noch Rückblick auf Vergangenheit oder Zukunft , gedauert , wußte Anna nicht . Jetzt saß er neben ihr auf dem Sopha ; wie von einem unerhörten seltsamen Traum befangen , lauschte sie seinen Worten . Lange verstand sie ihn nicht ; plötzlich ward ihr sein Irrthum - ach ! sein wahnsinniges Hoffen klar , wie ein Skorpion tödtete diese Stunde sich selbst , vernichtete das volle Leben , das sie genährt . - Was Gotthard wähnte , sagte , wünschte , paßte ja nirgends in die Wirklichkeit . Sie ihre Kinder verlassen ! sie von Egon sich trennen ! Nein , das war ja nicht zu denken , nicht zu thun , weit eher