glühend zur europäischen Civilisation zurücksehnen würdest , gegen die Du freilich oft genug zu Felde ziehst , wenn Du ihr bequem im Schooß sitzest , « sprach ich . » Und Bonaventuras Erziehung ruft uns zurück ! er ist nun bald vier Jahr alt , da muß er denn in irgend eine gelehrte Schule gesteckt werden , und seine schöne , frische , jauchzende Kindheit mit Studien von Dingen hinbringen , deren eine Hälfte er nicht braucht , und deren andre er vergißt . Armer Bonaventura ! wärst Du mein Sohn allein , so erzög ' ich Dich hier , fern von der demoralisirten Gesellschaft , fern von dem Wust pedantischer Gelahrtheit , mit der Bibel , der Geschichte , der Poesie und der Natur ; und wärst Du zum Jüngling herangereift , so ließe ich Dich nach Europa in alle Länder , zu allen Nationen , auf alle Universitäten ziehen , um die Gegenwart durch unmittelbare Anschauung kennen zu lernen . Die Männer-Erziehung ist heutzutag unausstehlich einseitig ! die armen Jünglinge werden mit Studien gepfropft , für das Procrustes-Bett des Staatsdienstes gepreßt , der von Allen dasselbe Maß verlangt , das Genie herunter - den Dummkopf herauf zerrt . Lernen müssen sie ! ob sie das Gelernte verarbeiten und wissen - darum kümmert man sich nicht . Die Meisten verkommen in dem Sumpf des Lernens , ohne sich zur Entwickelung geistiger Selbstständigkeit zu erheben . Bonaventura ! rief sie und hielt den erstaunten Knaben auf ihrem Schooß fest ; wenn Du in zwanzig Jahren eine Brille auf der Nase hast , Runzeln auf der Stirn , Falten um Mund und Augenwinkel , wenn Du pedantisch bist , mein Bonaventura , langweilig , unbeholfen , dürr an Leib und Seele , unerquicklich wie die personifizirte Vernünftigkeit , gehörig eitel auf Deine negative Entwickelung , - so verklage ich den Staat beim lieben Gott , weil dessen Geschöpf und mein Sohn so kläglich mißhandelt ward von dem Alles verschlingenden Moloch , dem wir unsre lieben Kinder auf die versengenden Arme legen müssen . « Ich bin aber der Meinung , daß Kinder in dem Lande und in den Verhältnissen zu erziehen sind , für welche die Geburt sie bestimmte . Exotische Erziehungen sind fast immer unverträglich mit der spätern Bestimmung , und die Gewöhnungen der Kindheit so stark , daß oft ein trauriger Zwiespalt entsteht , wenn man nicht gesucht hat , sie , wenigstens approximativ , jener anzupassen . Auf diese Einwendung entgegnete Faustine : » Ich hab ' auch nur gesagt : wenn Bonaventura mein Sohn allein wäre ! - jetzt bist Du mein Herr und der seine . « Der Orient war der Culminationspunkt meines Glücks . Nach Florenz zurückgekehrt , nahm Faustinens Wesen eine andre Richtung . Ein Hauch von Melancholie hatte immer um sie geschwebt , wie ein leichter Duft um Gebirge : jetzt verdichtete er sich oft zu Wolken , die ihre Heiterkeit überschatteten und ihre Beweglichkeit lähmten . Es geschah ohne äußere Veranlassung ; sie war nicht kränklich , sie hatte keine der Verdrießlichkeiten , der winzigen Sorgen , welche reizbaren phantastischen Personen unerträglich sind , keinen Unfall - es kam wie eine Schickung über sie : es war da . Ist es eine traurige Mitgift des Genies , daß er im Geben ein Crösus und im Genießen ein Uebersättigter ist - oder wähnt er leicht , das vorgesteckte Ziel nicht erreicht zu haben und nie erreichen zu können - oder läßt alles Erreichbare eine Lücke in ihm , und alles Sichtbare eine Oede - oder fühlt er vorahnend seinen Flug erlahmen - oder haben diese glühenden , dürstenden , strebenden Creaturen unaufgelöste Geheimnisse zwischen sich und dem Schöpfer , die sie auf alle Weise zu enträthseln suchen - genug , Faustine war verändert . Viele , ich weiß es , werden sagen : das Schicksal hatte sie verwöhnt , sie war übersättigt von Glück , sie machte sich Chimären , weil die Wirklichkeit sich für sie erschöpft hatte , man muß in sich das Genügen finden , und wer das nicht thut , ist ohne innern Gehalt , und Alles , was die Klugheit der Welt und die schnöde Mittelmäßigkeit zu ihrem eignen Vortheil vorzubringen wissen . Aber Faustine war nicht das Kind , das in Thränen ausbricht , weil es nicht den Mond haschen kann , und ihr Schicksal ist darum so traurig , weil es der Mittelmäßigkeit gleichsam gewonnenes Spiel giebt , indem sie Fehler beging , die jener nie einfallen würden . Es ist auch traurig lehrreich , indem es zeigt , wie der glorioseste Mensch untergeht , sobald er sein Ich in der Welt isolirt , sei es auf die feinste , die geistigste Weise . Aber das wird die Menge schwerlich bemerken ! sie versteht nur die Bestrebungen für das Ich , insofern sie sich auf Vermögen , Ansehen , schöne Kleider und ähnliche Aeußerlichkeiten beziehen . » Jetzt mag ich nicht mehr reisen ! « sagte Faustine ; » ich weiß nun , daß die Erde überall dieselbe ist , und der Mensch ist es auch . Nur die Oberfläche wird bei jener durch das Clima , bei diesem durch das Temperament verändert . Das Neue ist immer etwas Altes , und etwas Anderes ist immer dasselbe ; nur das äußere Kleid ward gewechselt . Das kann uns keine volle Befriedigung geben . « » Volle Befriedigung ist mir undenkbar für den menschlichen Zustand auf der Erde , « sagte ich , » der Moment , wo ich inne würde , am Ziel alles Strebens zu sein , und keine Arena der Wünsche und Kämpfe mehr fände , würde mich trostlos machen , statt mich zu befriedigen . Fertig sein und doch nicht vollkommen - ist wie das Leben in harter Gefangenschaft . « » Das äußere Leben kann fertig und das innere strebend sein , « sagte sie , » z.B. im Kloster . « » Oder in jedem andern Verhältniß , « setzte ich hinzu