wie er sich dessen bedienen soll , ich meine den Fingerwechsel , findet er vorgeschrieben , damit ein Glied dem andern aus dem Wege gehe und seinem Nachfolger den rechten Weg bereite ; durch welches gesetzliche Zusammenwirken denn zuletzt allein das Unmögliche möglich wird . Was uns aber zu strengen Forderungen , zu entschiedenen Gesetzen am meisten berechtigt , ist : daß gerade das Genie , das angeborne Talent sie am ersten begreift , ihnen den willigsten Gehorsam leistet . Nur das Halbvermögen wünschte gern seine beschränkte Besonderheit an die Stelle des unbedingten Ganzen zu setzen und seine falschen Griffe , unter Vorwand einer unbezwinglichen Originalität und Selbstständigkeit , zu beschönigen . Das lassen wir aber nicht gelten , sondern hüten unsere Schüler vor allen Mißtritten , wodurch ein großer Teil des Lebens , ja manchmal das ganze Leben verwirrt und zerpflückt wird . Mit dem Genie haben wir am liebsten zu tun , denn dieses wird eben von dem guten Geiste beseelt , bald zu erkennen , was ihm nutz ist . Es begreift , daß Kunst eben darum Kunst heiße , weil sie nicht Natur ist . Es bequemt sich zum Respekt , sogar vor dem , was man konventionell nennen könnte : denn was ist dieses anders , als daß die vorzüglichsten Menschen übereinkamen , das Notwendige , das Unerläßliche für das Beste zu halten ; und gereicht es nicht überall zum Glück ? Zur großen Erleichterung für die Lehrer sind auch hier , wie überall bei uns , die drei Ehrfurchten und ihre Zeichen mit einiger Abänderung , der Natur des obwaltenden Geschäfts gemäß , eingeführt und eingeprägt . « Den ferner umhergeleiteten Wanderer mußte nunmehr in Verwunderung setzen , daß die Stadt sich immer zu erweitern , Straße aus Straße sich zu entwickeln schien , mannigfaltige Ansichten gewährend . Das Äußere der Gebäude sprach ihre Bestimmung unzweideutig aus , sie waren würdig und stattlich , weniger prächtig als schön . Den edlern und ernsteren in Mitte der Stadt schlossen sich die heitern gefällig an , bis zuletzt zierliche Vorstädte anmutigen Stils gegen das Feld sich hinzogen und endlich als Gartenwohnungen zerstreuten . Der Wanderer konnte nicht unterlassen , hier zu bemerken , daß die Wohnungen der Musiker in der vorigen Region keineswegs an Schönheit und Raum den gegenwärtigen zu vergleichen seien , welche Maler , Bildhauer und Baumeister bewohnen . Man erwiderte ihm , dies liege in der Natur der Sache . Der Musikus müsse immer in sich selbst gekehrt sein , sein Innerstes ausbilden , um es nach außen zu wenden . » Dem Sinne des Auges hat er nicht zu schmeicheln . Das Auge bevorteilt gar leicht das Ohr und lockt den Geist von innen nach außen . Umgekehrt muß der bildende Künstler in der Außenwelt leben und sein Inneres gleichsam unbewußt an und in dem Auswendigen manifestieren . Bildende Künstler müssen wohnen wie Könige und Götter , wie wollten sie denn sonst für Könige und Götter bauen und verzieren ? Sie müssen sich zuletzt dergestalt über das Gemeine erheben , daß die ganze Volksgemeinde in und an ihren Werken sich veredelt fühle . « Sodann ließ unser Freund sich ein anderes Paradoxon erklären : warum gerade in diesen festlichen , andere Regionen so belebenden , tumultuarisch erregten Tagen hier die größte Stille herrsche und das Arbeiten nicht auch ausgesetzt werde ? » Ein bildender Künstler « , hieß es , » bedarf keines Festes , ihm ist das ganze Jahr ein Fest . Wenn er etwas Treffliches geleistet hat , es steht nach wie vor seinem Aug ' entgegen , dem Auge der ganzen Welt . Da bedarf es keiner Wiederholung , keiner neuen Anstrengung , keines frischen Gelingens , woran sich der Musiker immerfort abplagt , dem daher das splendideste Fest innerhalb des vollzähligsten Kreises zu gönnen ist . « » Man sollte aber doch « , versetzte Wilhelm , » in diesen Tagen eine Ausstellung belieben , wo die dreijährigen Fortschritte der bravesten Zöglinge mit Vergnügen zu beschauen und zu beurteilen wären . « » An anderen Orten « , versetzte man , » mag eine Ausstellung sich nötig machen , bei uns ist sie es nicht . Unser ganzes Wesen und Sein ist Ausstellung . Sehen Sie hier die Gebäude aller Art , alle von Zöglingen aufgeführt ; freilich nach hundertmal besprochenen und durchdachten Rissen : denn der Bauende soll nicht herumtasten und versuchen ; was stehenbleiben soll , muß recht stehen und , wo nicht für die Ewigkeit , doch für geraume Zeit genügen . Mag man doch immer Fehler begehen , bauen darf man keine . Mit Bildhauern verfahren wir schon läßlicher , am läßlichsten mit Malern , sie dürfen dies und jenes versuchen , beide in ihrer Art. Ihnen steht frei , in den innern , an den äußern Räumen der Gebäude , auf Plätzen sich eine Stelle zu wählen , die sie verzieren wollen . Sie machen ihren Gedanken kund , und wenn er einigermaßen zu billigen ist , so wird die Ausführung zugestanden , und zwar auf zweierlei Weise , entweder mit Vergünstigung , früher oder später die Arbeit wegnehmen zu dürfen , wenn sie dem Künstler selbst mißfiele , oder mit Bedingung , das einmal Aufgestellte unabänderlich am Orte zu lassen . Die meisten erwählen das erste und behalten sich jene Erlaubnis vor , wobei sie immer am besten beraten sind . Der zweite Fall tritt seltner ein , und man bemerkt , daß alsdann die Künstler sich weniger vertrauen , mit Gesellen und Kennern lange Konferenzen halten und dadurch wirklich schätzenswerte dauerwürdige Arbeiten hervorzubringen wissen . « Nach allem diesem versäumte Wilhelm nicht , sich zu erkundigen , was für ein anderer Unterricht sich sonst noch anschließe , und man gestand ihm , daß es die Dichtkunst , und zwar die epische sei . Doch mußte dem Freunde dies sonderbar scheinen , als man hinzufügte : es werde den Schülern nicht vergönnt , schon ausgearbeitete Gedichte älterer und neuerer Dichter zu lesen