nur mit dem völligen Wunsche , das Mädchen zu sehen , das heute - an seinem romantischen Tage - eine Märtyrin gewesen , sondern auch mit der Gewißheit , sie sei von Elterlein zurück und erscheine . Während er mit unsäglichem Vergnügen einen äußerst frechen Brief einer gewissen Libette , wie er nur aus der moralischen Lutetia28voll Epikurs-Ställe kommen kann , ins reine schrieb - denn er schmeckte in diesen Freudenkelchen nur den Abendmahlswein der geistigen Liebe und keinen geschwefelten - , so drang aus den halboffenen Zimmern kein Laut in sein Kabinett , den er nicht zu einer Ankündigung einer Erscheinung zitternd machte . Wie in weiten dichten Waldungen ferne lange Töne hier und dort romantisch durchklingen : so kamen ihm einzelne Akkorde auf dem Fortepiano - Rufe des Generals - Antworten an Wina vor . Endlich hört ' er wirklich Wina selber im nächsten Zimmer mit ihrem Vater vom Singen sprechen . Er glühte bis zur Stirn hinauf und bückte den unruhigen Kopf fast bis an die Feder nieder . Sie hatte jenen innigsten , herzlichsten , mehr aus der Brust als Kehle heraufgeholten Sprachton , den Weiber und Schweizer viel häufiger angeben als andre Leute . Indem der General eintrat und Walt flammend fortkopieren wollte : hatt ' er das Unglück , daß das Mädchen Singnoten aus dem Kabinette fliegend wegholte , ohne daß er vor lauter Zartheit etwas gesehen hatte , wenn man nicht die weiße Schleppe zu hoch anschlagen will . Bald darauf fing im zweiten Zimmer ihre Singstimme an - » O nein doch « , rief der General durch die offnen Türen , » den letzten Wunsch von Reichardt meint ' ich29 . « Sie brach ab und fing den begehrten Wunsch an . » Singe « , unterbrach er sie wieder , » nur die erste und letzte Strophe ohne die ennuyanten . « Sie hielt inne , mit Fingern über den Tasten schwebend , und antwortete : » Gut , Vater ! « Die Verse heißen : Wann , o Schicksal , wann wird endlich Mir mein letzter Wunsch gewährt : Nur ein Hüttchen , klein und ländlich ; Nur ein kleiner eigner Herd ; Und ein Freund , bewährt und weise , Freiheit , Heiterkeit und Ruh ' ! Ach und sie , das seufz ' ich leise , Zur Gefährtin sie dazu . Vieles wünscht ' ich sonst vergebens ; Jetzo nur zum letztenmal Für den Abend meines Lebens Irgendwo ein Friedens-Tal ; Edle Muß ' in eigner Wohnung Und ein Weib voll Zärtlichkeit , Das , der Treue zur Belohnung , Auf mein Grab ein Veilchen streut . Wina begann , ihre süße Sprache zerschmolz in den noch süßern Gesang , aus Nachtigallen und Echos gemacht - sie wollte ihr liebewarmes Herz in jeden Ton drängen und gießen , gleichsam in einen tönenden Seufzer ; - den Notar umfing der lang geträumte Seelenklang mit der Herrlichkeit der Gegenwart so , daß ihn das heranrollende Meer , das er von fernen rollen und wallen sah , nun mit hohen Fluten nahm und deckte . Der General sah unter dem Singen die Kopie des frechen letzten Briefes mit einiger witziger Heiterkeit auf dem Gesichte durch und fragte lächelnd : » Wie gefällt Ihnen die wilde Libette ? « - » Wie der jetzige Gesang , so wahr , so innig und so tief gefühlt « , versetzte Gottwalt . - » Das glaub ' ich auch « , sagte Zablocki mit einem ironischen Mienen-Glanz , den Walt für Hör-Verklärung nahm . » Was sind so Ihre vorzüglichsten Notariats-Instrumente bisher gewesen ? « fragte der General . Walt gab viele kurz und schleunig an , sehr verdrüßlich , daß er sein Ohr - wie sein Leben - zwischen Gesang und Prosa teilen sollte . Ob er gleich sich so weniger Seelenkräfte und Worte dabei bediente , als er nur konnte : so war für Zablocki doch kein Mensch - weder aus Wetzlar noch Regensburg oder aus irgendeinem schriftstellerischen bureau des longitudes et des longueurs - zu lang , zu weitschweifig , sondern bloß zu abrupt . » Ich glaube « , fuhr Zablocki fort , » Sie machten auch einige Sachen für den Grafen von Klothar ? « » Keine Zeile « , versetzte Walt zu eilfertig ; er war völlig von den schönen Tönen weggespült und begriffs nicht , daß der General , der selber diese schönen Laute vorgeschrieben , sie über platte verhören wollte . » O Gott , wie kann ein Mensch nicht im harmonischen Strome untersinken , sondern daraus noch etwas vorstecken , besonders die Zunge ? Ist das möglich , zumal wenn es einen so nahe angeht wie hier den verwaisten General ? « - Walt glaubte nämlich , der General , der von der Frau und auch von der Jugend geschieden war , habe solche und ähnliche Zeilen wie Jetzo nur zum letztenmal Für den Abend meines Lebens Und ein Weib voll Zärtlichkeit bloß als Nachtigallen-Darstellungen eigener Seelen-Klagen singen lassen . Es konnte ihn weit mehr rühren - zumal da es auch viel reiner war - , wenn er Ton-Sprüche auf fremde Leiden und Wünsche , als wenn er sie auf eigne bezog ; und darum war ihm der vergebliche Anteil an Zablocki so unlieb . Vult aber , dem er alles vortrug , sprach später den Weltmann mit diesen Worten frei : » Er ist an Hof-Konzerte gewöhnt , mithin an Taub-Bleiben - wie Cremen ist das Weltleben gleich kalt und süß ; - indes hat der Weltmann oft viel Ohr bei wenig Herz ( wie andere umgekehrt ) und behorcht wenigstens die Form der Tonkunst ganz gut . « » Keine Zeile « , hatte Walt eilfertig gesagt . - » Wieso ? « versetzte Zablocki . » Mein Gerichtshalter sagte mir gerade das Gegenteil . « Hier entfuhren Walten die Tränen ; - er konnte nicht anders , die letzten Sang-Zeilen hatten ihn mit- und weggenommen ; die Scham über die unwillkürliche