aber die Schwierigkeit war , wie ich es anstellen wollte , die Widersprüche im Charakter des Athenischen Volkes so zu personificiren , daß gescheidte Leute ohne Wahrsagergeist errathen könnten was ich wolle . In zwei Stücken , deren jedes nur eine Seite dieses Charakters gezeigt hätte , möchte dieß allenfalls angegangen seyn , wiewohl die Sache noch immer große Schwierigkeiten hatte ; aber auf Einer Tafel fand ich es platterdings unmöglich . Nach langem Hin- und Hersinnen , fiel mir ein , anstatt meine Absicht durch allegorische Personen erreichen zu wollen , würde ich besser zum Ziel kommen , wenn ich eine wieder aus einander gehende Volksversammlung schilderte , und zwar so , daß man aus den verschiedenen Gruppen errathen könnte , was unmittelbar vorher verhandelt und beschlossen worden , und was dieser und jener für eine Rolle dabei gespielt habe . Ich gestehe , daß ich diesen Gedanken für eine Eingebung meines guten Genius hielt , und daher mit mehr als gewöhnlicher Begeisterung ausführte . Ich hatte nun Gelegenheit , alle die verschiedenen Züge , woraus der Charakter der Athener zusammengesetzt ist , auf die natürlichste Art in Handlung und Contrast zu setzen . Mein Stück , wiewohl es im Grunde nichts mehr ist als was der Augenschein ausweist , wurde dennoch für den nachdenkenden Beschauer , der den Geist eines Gemäldes zu erhaschen weiß , wirklich das , wozu ich es anfangs machen wollte , eine Charakteristik der Athener , und da der Name Demos Athenäôn beides gleich schicklich bezeichnen konnte , so verkaufte ich es dem Liebhaber zu Mitylene unter diesem Titel , mit welchem es mich hoffentlich eine Weile überleben wird . « - Gewiß so lange , sagte ich , als die Erde mit einer allgemeinen Verbrennung oder Ersäufung verschont bleibt , wofern die Besitzer nur Sorge tragen , es vor dem nachtheiligen Einfluß der Luft und der Sonne zu bewahren . - Meine Farben halten bis auf einen gewissen Grad beides aus , versetzte Parrhasius . - Du mußt deren wirklich ganz eigene und andere unbekannte haben , sagte ich , da du solche Wunder damit thun kannst . - Gleichwohl siehst du nur vier auf meiner Palette , war seine Antwort ; - und nun hatte ich keine Lust weiter zu fragen . Parrhasius zeigte mir unter verschiedenen zum Verkauf fertigen Stücken zwei zusammengehörende , die ich , ihres sonderbaren Effects wegen , für unsre Freundin gekauft habe . Beide Tafeln stellen ebendenselben schwerbewaffneten Kriegsmann vor ; auf der einen ist er in vollem Lauf begriffen , auf der andern legt er seine Rüstung ab , um auszuruhen ; in beiden herrscht ein so hoher Grad von Wahrheit und Leben , daß man ihn auf jener schwitzen zu sehen , und auf dieser keuchen zu hören glaubt . Er war so zufrieden mit mir , als ich diese , eben nicht schwer zu machende Bemerkung machte , daß er mich noch eine ziemliche Anzahl kleiner , auf elfenbeinerne Täfelchen gemalter Stücke sehen ließ , die an täuschender Lebendigkeit und Grazie der Ausführung , so wie an Leichtfertigkeit des Inhalts161 alles weit übertreffen , was ich je in dieser Art gesehen habe . Lass ' dir genug seyn , Kleonidas , daß eine in Götterwonne hinsterbende Leda das züchtigste Stück von der ganzen Sammlung war . Da er mich etwas verlegen sah - ( du weißt , ich liebe die Entweihungen der heiligen Mysterien Amors und Aphroditens nicht ) - sagte er mir ganz unbefangen : diese Scherze meines Pinsels sind eigentlich nur für mich selbst gemacht , und dienen mir zur Erholung nach ernsthaftern Arbeiten . Ich würde keines davon um irgend einen Preis verkaufen ; nur diese Leda ist derjenigen bestimmt ( wofern sich eine solche finden sollte ) die schöner ist als sie , und statt des göttlichen Schwans - mit mir vorlieb nehmen will . Du siehst , Freund Kleonidas , daß Parrhasius nicht nur ein großer Maler , sondern auch ein großer Schalk ist , und die schwache Seite der Leden kennt . Wenn es nur auf die erste seiner Bedingungen ankäme , so wäre die seinige schon verspielt . Ich möchte wohl wissen was Lais zu diesem tollen Einfall sagt ? Parrhasius ist reich , und lebt auf einen ziemlich Asiatischen Fuß . Ich sah verschiedne schöne Sklaven und Sklavinnen in seinem Hause , und eine der letztern schien mir seiner Leda sehr ähnlich zu sehen . Und so viel von deinem berühmten Kunstverwandten . Ich brauche dir nicht zu sagen , wie ungeduldig ich nach der Ausführung deiner zwei herrlichen Ideen bin . Für die kleine Rache , die du für mich an dem spitznasigen Plato genommen hast , hat dir Lais , wie ich höre , schon in ihrem und meinem Namen gedankt . Strenger wird ihn hoffentlich sein eigenes Gefühl bestrafen , wenn er hören wird , daß er mit drei hämischen Worten einen Jüngling , der wahrlich der Sokratischen Bildung Ehre gemacht haben würde , zur Verzweiflung getrieben hat . 58. Lais an Aristipp . Läugne nur nicht , Aristipp , daß du eifersüchtiger bist , als du mir und vielleicht dir selbst gern gestehen möchtest . Wenn es so ist , so hast du Unrecht , mein Freund . Ein Kuß ist am Ende doch nichts mehr als ein Kuß , und wenn in einer kleinen Berauschung auch ein halbes Duzend daraus geworden wären , so sollte , dächt ' ich , um eines so guten Einfalls willen wie der , wofür Kleonidas sie bekam , eine solche Kleinigkeit einem Freunde wohl zu gönnen seyn . Oder könntest du auch nur im Traume den Argwohn hegen , ich sey leichtsinnig genug , meine Musarion um einen Liebhaber wie Kleonidas bringen zu wollen ? Ich werde dir , mit deiner Erlaubniß , keine weitere Erläuterung über diese Sache geben ; genug wenn ich dir sage , daß zwischen ihnen beiden eine Art von Freundschaft ( wie sie es nennen ) erklärt ist , die