, die Erinnerung an jene Stunde , wo Rinaldo sich von ihr lossagte , wo er sie den Fluch und das Unglück seines Lebens genannt und ihr mit stolzem Trotz bekannt hatte , daß seine Liebe einzig seiner Gattin angehöre . Diese Worte bohrten sich immer wieder wie mit einem glühenden Stachel in das Herz der Italienerin . Was sie auch gethan , wie sie gefehlt haben mochte , diesen einen Mann hatte sie mit der ganzen Gluth ihrer Seele geliebt , diesem einen war sie unverbrüchlich treu gewesen ; sie hatte seine Liebe als ein Recht betrachtet , das keine Macht der Welt ihr zu entreißen vermochte , und nun verlor sie es an die Frau , die sie unter Allen am letzten gefürchtet hätte , an sein Weib . Sein Weib und sein Kind ! Das war ja von jeher der dunkle Schatten gewesen , der diesem Glücke drohte , und der jetzt , aus der fernen Vergangenheit hervortretend , Leben und Gestalt gewann , um es zu vernichten . Beatrice hatte die Beiden gehaßt , noch ehe sie dieselben kannte ; wußte sie doch am besten , welchen Platz sie noch immer in Reinhold ’ s Erinnerung behaupteten , hatte sie es doch oft genug vergebens versucht , ihn davon loszureißen Es mußte doch wohl etwas sein an der einst verhöhnten Macht der geheiligten Ehe ; sie siegte schließlich doch über die schöne geniale Biancona , über die hochgefeierte Künstlerin und ließ sie jetzt selbst die ganze Qual des Verlassenwerdens durchkosten , die sie einst so gleichgültig über eine Andere verhängt hatte , ohne danach zu fragen , ob das Herz dieser Andern brach unter dem unverdienten Schicksal . Die scheinbar zerrissene Fessel hatte den Flüchtling ja nie ganz losgelassen ; jetzt umwand sie ihn auf ’ s Neue , und Beatrice fühlte mit verzweiflungsvoller Gewißheit , daß sie nie den Platz in seinem Herzen besessen hatte , den jetzt seine Gattin einnahm . [ 619 ] Die leidenschaftliche Frau handelte in der That nicht nach Plan und Berechnung , als sie zu diesem letzten , äußersten Mittel griff , um ihre Rache zu kühlen . Ihr Erscheinen in dem Garten Erlau ’ s galt einzig der gehaßten Gegnerin . Sie fand Ella nicht , aber statt dessen fand sie den Knaben , allein , unbeaufsichtigt , und die Idee wie die Ausführung des Raubes waren das Werk eines Augenblickes . Das Kind folgte anfangs willig der schönen fremden Dame , die es schmeichelnd an sich zog , und als es ängstlich zu werden begann und nach seiner Mutter zurückverlangte , da war es bereits zu spät . Beatrice dachte gar nicht an die mögliches Folgen ihres Schrittes , als sie triumphirend ihre Beute entführte ; sie fühlte nur , daß kein Dolchstoß das Herz Ella ’ s so tief und sicher treffen konnte als der Verlust ihres Kindes , und daß dieser Verlust eine ewig trennende Scheidewand zwischen den beiden Gatten aufrichtete . Das war es , was sie gewollt hatte . Jetzt aber galt es , sich den Raub zu sichern . Gianelli mußte zu der rasch in ’ s Werk gesetzten Flucht die Hand bieten . Nun lag bereits mehr als eine Tagereise zwischen dem Kinde und seinen Eltern . Aber einmal mußte doch Halt gemacht werden , einmal mußte diese plan- und ziellose Flucht doch ein Ende nehmen . Die Rache war gelungen , weit über Erwarten – was nun ? Der kleine Reinhold schlief noch immer . Hätte er wenigstens die Züge seines Vaters getragen ! Vielleicht hätte ihn das vor allem Bösen bewahrt , aber dieses goldblonde Haar , dieses rosige Antlitz und diese tiefblauen , im Augenblicke freilich geschlossenen Augen gehörten ja der Mutter an , der Frau , die Beatrice haßte , wie sie noch nie etwas auf der Welt gehaßt hatte , und diese Aehnlichkeit war eine furchtbare Gefahr für das schlummernde Kind . Die glühenden Augen seiner Begleiterin hafteten minutenlang starr auf seinem Gesichte , dann auf einmal zuckte sie zusammen , und wie vor ihren eigenen Gedanken erschreckend , riß sie das Auge los von dem Knaben und wandte sich ab . Da erblickte sie oben auf der Höhe den Wagen , der dem ihrigen folgte . Ein Reisewagen war überhaupt eine Seltenheit auf diesem Wege , und er kam in der gleichen Richtung , kam in vollster Eile . Beatrice errieth sofort , um was es sich handelte . Also ihre Spur war bereits verrathen , und die Verfolger waren ihr auf den Fersen – mochten sie doch ! Sie fühlte sich allmächtig , so lange sie das Kind in ihren Händen hatte . Sich rasch erhebend , gab sie dem Kutscher Befehl , die Pferde zur größten Eile anzutreiben . Er gehorchte , und nun begann eine wilde Jagd zwischen den beiden Wagen . Mehr als einmal vermochten die kräftigen Thiere sie kaum zu halten , mehr als einmal drohte der Hemmschuh zu reißen und die Insassen dem Sturze preiszugeben . Keiner von ihnen achtete darauf , und das Versprechen eines überreichen Lohnes spornte auch die beiden Führer zur Verachtung der Gefahr an . Es war eine rasende , eine tollkühne Fahrt . Felsen und Schluchten schienen zu beiden Seiten vorüberzufliegen ; immer höher stieg die Bergwand empor , je mehr sich die Straße senkte ; immer näher brauste der Fluß herauf , doch das Viergespann war unleugbar im Vortheile . Die Wagen rollten jetzt beide im Thale dahin , aber der Raum zwischen ihnen wurde mit jeder Minute kleiner – noch einige hundert Schritte , und die Flüchtigen waren eingeholt . Das erste Gefährt donnerte über die Brücke , die hier die beiden Ufer verband . Jenseit derselben hielt es auf einmal still . Beatrice hatte selbst den Befehl dazu gegeben ; sie sah , daß hier kein Ausweichen , kein Entrinnen möglich war , daß sie auf das Aeußerste gefaßt sein mußte . Der Wagen hielt unmittelbar am Rande des Flusses ,