Residenz , ja im ganzen Lande fand . Die Flugschrift Winterfeld ’ s hatte in der That ein ungeheures Aufsehen erregt und ging in ihrer Wirkung weit über die ursprüngliche Absicht hinaus , denn sie fand in den maßgebenden Kreisen einen Boden , wie es Niemand , am wenigsten der Assessor selbst , vorausgesetzt hatte . Freiherr von Raven war in jenen Kreisen nichts weniger als beliebt . Ein Mann , der , wie er , sich aus den einfachsten bürgerlichen Verhältnissen zu einem der höchsten Staatsämter emporgeschwungen , mußte naturgemäß den Neid und das Uebelwollen derer wachrufen , die er überholte und so weit hinter sich zurückließ , und sein stolzes , gebieterisches Wesen , die Verachtung , mit der er überall Unfähigkeit oder Erbärmlichkeit bei Seite schob , dienten nicht dazu , ihn beliebter zu machen . Es gab in jenen Kreisen nur Allzuviele , die seine glänzende Laufbahn und die hohe Stellung , welche er gegenwärtig einnahm , als einen Raub an ihren eigenen Standesprivilegien betrachteten , die ihm die Art , wie er den vornehmsten Persönlichkeiten gegenübertrat , nicht verzeihen konnten und nur auf eine Gelegenheit warteten , dem verhaßten Emporkömmling die verdiente Demüthigung zu bereiten . Bisher war das Alles noch unschädlich an dem Freiherrn abgeglitten . Die Regierung stützte ihn mit voller Macht , überhäufte ihn mit Ehren und Auszeichnungen und schwieg zu seinen Uebergriffen , die ihr keineswegs verborgen blieben . Sie bedurfte gerade für den Posten in R. eines Vertreters , der mit so rücksichtsloser Energie und eiserner Consequenz ihre Autorität geltend machte und die gährenden , gefährlichen Elemente der Provinz so unbedingt im Zaume zu halte wußte , wie Raven . Die Unentbehrlichkeit des Gouverneurs überwog all jene Einflüsse , welche sich gegen ihn geltend machten . Aber die Zeiten hatten sich geändert . Schon seit Jahresfrist war ein Umschwung eingetreten , der für die Stützen der bisherigen Regierung verhängnißvoll zu werden drohte . Ein Theil derselben versuchten einzulenken und der neuen Zeitströmung zu folgen ; ein anderer machte sich bereit , mit allen äußeren Ehren von dem Schauplatz abzutreten , auf dem die Rolle vorläufig ausgespielt war . Sie alle hatten Freunde und Verbindungen , die ihnen das ermöglichten – Arno Raven stand völlig allein da , und was er jemals an Haß und Feindschaft wach gerufen , das erhob jetzt drohend gegen ihn das Haupt . Zu jeder andern Zeit wäre eine Schrift , wie die Winterfeld ’ s , unterdrückt worden und der Verfasser hätte sie mit dem Verluste seiner Stellung büßen müssen ; jetzt bemächtigte man sich mit Eifer dieses Angriffes als einer Waffe gegen den längst Gehaßten , und der junge Beamte , der den willkommenen Anlaß gegeben , wurde förmlich auf den Schild gehoben . Georg ’ s Name , noch vor Kurzem ganz unbekannt und unbeachtet , war jetzt in Aller Munde ; er selbst wurde aufgesucht , bevorzugt und bewundert wegen seines Muthes , das so kühn auszusprechen , was freilich Jeder gewußt hatte . Man fand , daß die Broschüre wahrhaft glänzend geschrieben sei , daß sie eine ungewöhnliche Fülle von Kenntnissen und Fähigkeiten verrathen und ein unbestechlich klares Urtheil voraussetze , und wirklich fehlte der Schrift alles , was sie zum Pamphlet hätte erniedrigen können . Die großen Eigenschaften des Gouverneurs wurden vollständig anerkannt ; jedes Persönliche war auf das Strengste vermieden ; die ganze Anklage stützte sich nur auf Thatsachen , aber diese Thatsachen wurden mit einer so unerbittlichen Klarheit und Schärfe beleuchtet und einer so vernichtenden Kritik unterzogen , daß eine Antwort darauf nothgedrungen erfolgen mußte . Für die – sche Provinz und deren Hauptstadt war jene Flugschrift nun vollends , wie der Bürgermeister sich ausdrückte , der „ Funke in ’ s Pulverfaß “ gewesen , denn hier gab sie der allgemeinen Stimmung einen Ausdruck , wie er nicht schärfer und treffender gefunden werden konnte . Die lähmende Furcht und Scheu vor der Allmacht des Gouverneurs war jetzt gebrochen ; man sah , daß auch er angreifbar und verwundbar sei , wie andere Sterbliche , und nun brach die langgenährte Erbitterung gegen ihn in einer wahrhaft zügellosen Weise hervor . Niemand dachte mehr daran , was die Stadt und die Provinz trotz alledem der mächtigen Thatkraft des Freiherrn verdankten . Auch nicht eine Stimme erhob sich , die daran erinnerte ; der Haß gegen das despotische Regiment , unter dem man so lange geseufzt , hatte jetzt allein das Wort , und wie es gewöhnlich im Leben zu gehen pflegt , waren auch hier diejenigen , welche aus persönlichen Interessen sich bisher zu den Anhängern des Gouverneurs bekannt hatten , die ersten , welche den Stein auf ihn warfen , als dies ungestraft geschehen konnte . Ein Anderer würde wahrscheinlich gegangen sein und einen Platz verlassen haben , den zu behaupten kaum mehr möglich schien . In der That wurde es dem Freiherrn auch von der Residenz aus nahe gelegt , seine Entlassung zu nehmen , aber sein ganzer Stolz empörte sich dagegen , jetzt zu weichen , wo man ihn zum Weichen zwingen wollte , und vor all den Anklagen und Angriffen , die man gegen ihn schleuderte , die Flucht zu nehmen . Er wußte , daß sein Gehen in einem solchem Augenblicke ein Unterliegen war . Jenen Andeutungen aus der Residenz gegenüber hatte er nur die hochmüthige Antwort , er sei durchaus nicht gesonnen , dauernd zu bleiben , aber erst wolle er den Kampf ausfechten , seine Gegner niederwerfen und ihre Angriffe zum Schweigen bringen , wie damals beim Antritt seines Postens in R. , wo sich ein ähnlicher Sturm gegen ihn entfesselte , dann werde er gehe – eher nicht ! Vielleicht hätte der Freiherr weniger Starrsinn gezeigt , wen nicht gerade der erste Angriff , das erste Signal zu dem allgemeinen Ansturm gegen ihn von Georg Winterfeld ausgegangen wäre . Der Gedanke , von dem Manne gestürzt zu werden , den er von allen Mensche am glühendsten haßte , weil er zwischen