Sie lieber um mit mir , wie ich Sie schon auf der letzten Station bat . Schon dort habe ich ’ s gehört , und der Bauer , der uns soeben begegnete , sagt es auch . Es giebt heute Mord und Todtschlag da drüben auf den Werken ; von den Arbeiterdörfern sind sie heute schon in aller Frühe hinübergezogen , und nun geht es drunter und drüber . Ich kann Sie beim besten Willen nicht nach Hause fahren ; ich riskire Pferde und Wagen dabei . Wenn die drüben einmal im Revoltiren sind , dann schonen sie nicht Freund , nicht Feind . Sie werden doch nicht just heute hinüber müssen ; warten Sie doch bis morgen ! “ Die junge Dame , welche ganz allein im Wagen saß , öffnete statt aller Antwort den Schlag und stieg aus . „ Ich kann nicht warten , “ sagte sie ernst ; „ aber ich will Sie und Ihr Fuhrwerk auch nicht in Gefahr bringen . Die Viertelstunde werde ich wohl zu Fuß zurücklegen können . Kehren Sie um ! “ Der Kutscher erschöpfte sich noch einmal in Warnungen und Vorstellungen ; er fand es gar zu seltsam , daß die fremde , vornehm aussehende Dame , die ihn mit einem überreichlichen Trinkgelde zu möglichst schneller Fahrt bewogen hatte , sich so ganz allein in den Tumult wagen wollte ; aber er erreichte nichts damit , als einen etwas ungeduldigen Abschiedswink , und mußte sich endlich achselzuckend zur Umkehr entschließen . Eugenie hatte einen Fußpfad betreten , der , ohne die Werke selbst zu berühren , über die Wiesen nach dem Ausgange des [ 274 ] Parkes führte und der voraussichtlich noch sicher war . Im schlimmsten Falle fand sie in den nach jener Richtung hin gelegenen Beamtenwohnungen Schutz und Begleitung . Wie nothwendig hier Beides war , hatte sie freilich nicht gewußt , als sie , nur der Eingebung des Augenblickes folgend , ganz allein die Reise und die Fahrt hierher unternahm , und auch jetzt kannte sie noch nicht den ganzen Umfang der Gefahr , der sie sich mit diesem Gange aussetzte . Die Möglichkeit einer Gefahr war es nicht , die ihren Wangen diese erhöhte Farbe , ihren Augen dieses unruhige Leuchten gab und ihre Brust so heftig pochen machte , daß sie bisweilen stehen bleiben mußte , um Athem zu schöpfen ; es war die Furcht vor der Entscheidung . Der schwere Traum , der sich auf sie niedergesenkt , als sie das Haus ihres Gatten verließ , er hatte nicht weichen wollen während der ganzen Zeit der Trennung . Nicht die Heimath und die Liebe der Ihrigen , nicht all ’ die Stimmen eines neuen Lebens und Glückes hatten sie daraus erwecken können ; der Traum war geblieben mit seinem dumpfen Schmerz und seinem dunklen Sehnen . Jetzt endlich sollte das Erwachen kommen , und alle Empfindungen , alle Gedanken der jungen Frau drängten sich zusammen in der einen Frage : „ Wie wird er Dich empfangen ? “ Sie hatte soeben ein kleines einzelnstehendes Haus erreicht , das gleichsam den äußersten Vorposten der Werke bildete , als ihr von dort her eilig ein Mann entgegenkam , der bei ihrem Anblick mit dem Ausdrucke sichtbaren Schreckens zurückfuhr . „ Gnädige Frau ! Um Gotteswillen , wie kommen Sie hierher , und das gerade heute ? “ „ Ah , Schichtmeister Hartmann , Sie sind es ! “ sagte Eugenie ihm entgegentretend . „ Gott sei Dank , daß ich gerade Ihnen begegne ! Es sind Unruhen auf den Werken ausgebrochen , wie ich höre . Ich habe meinen Wagen dort drüben gelassen ; der Kutscher wagte nicht weiter zu fahren . Ich will jetzt zu Fuß hinüber nach dem Hause . “ Der Schichtmeister machte eine heftig abwehrende Bewegung . „ Das können Sie nicht , gnädige Frau ; das geht jetzt nicht . Vielleicht morgen , vielleicht gegen Abend , nur jetzt nicht . “ „ Weshalb nicht ? “ fuhr Eugenie erbleichend auf . „ Ist unser Haus bedroht ? Mein Gatte – “ „ Nein , nein , Herrn Berkow gilt es heute nicht ; der ist im Hause mit den Beamten . Diesmal ist ’ s unter uns selber losgebrochen . Ein Theil der Knappschaft hat heute Morgen die Arbeit wieder aufnehmen wollen ; mein Sohn – “ hier zuckte es schmerzlich über das Gesicht des alten Mannes , „ nun , Sie werden ja am Ende auch wissen , wie er zu der Geschichte steht – Ulrich wüthet darüber . Er und sein Anhang haben die Leute mit Gewalt zurückgetrieben und halten nun die Schachte besetzt . Die Anderen wollen sich das nicht gefallen lassen und rotten sich nun auch zusammen ; die ganzen Werke sind in Revolte , ein Camerad ist gegen den andern ! O du barmherziger Gott , was wird das noch geben ! “ Der Schichtmeister rang die Hände . Die junge Frau vernahm jetzt von drüben her wüstes Lärmen und Toben , das trotz der Entfernung deutlich zu ihr herüberdrang . [ 285 ] „ Ich beabsichtige auch die Werke zu vermeiden , “ entgegnete Eugenie . „ Ich wollte über die Wiesen nach dem Parke zu gelangen suchen und von dort – “ „ Um Himmelswillen , nur da nicht ! “ fiel der Alte ein . „ Da ist der Ulrich mit seiner ganzen Partei ; sie halten Rath auf der Wiese . Ich wollte eben hinüber und ihn noch einmal bitten , doch endlich Vernunft anzunehmen und wenigstens die Schachte freizugeben ; es geht ja jetzt gegen unser eigenes Fleisch und Blut ; aber er hört und sieht nichts mehr in seiner Wildheit . Nur den Weg nicht , gnädige Frau ! Der ist der schlimmste . “ „ Nach dem Hause muß ich , “ erklärte Eugenie entschlossen , „ koste es , was es wolle ! Gehen Sie mit mir , Hartmann , nur bis zu den Beamtenwohnungen ! Im