ich sei meinem Alter weit voraus , man könne mich für achtzehn Jahre halten . — Du mußt mir dann den Arm geben und mich spazieren führen . Ach , welch ein Gedanke — am Arme meines Vaters durch die Welt spazieren ! Wird denn der Himmel so hoch sein , daß mein Stolz darunter Platz hat ? Und Ernestine , die wird schon nicht so schlimm sein , wenn ich ihr tüchtig an die Hand gehe . Sie war doch als Kind nicht böse gegen mich — ich kann mir gar nicht denken , daß sie so ausgeartet ist . Wie kann ein junges Gemüt unter den Händen eines solchen Pflegers schlecht werden ? ! Ich küsse im Geiste diese geliebten , guten Hände ! O die Glückliche , — sie hat meinen Vater zum Erzieher ! Soll ich ihr ein Glück gönnen , dessen sie sich so wenig würdig macht ? Nein , ich gönne es ihr nicht ! Ich neide ihr ja weder ihre Talente , noch ihren Reichtum — aber meinen Vater , den neide ich ihr , den darf ich ihr neiden ! Ihr gehört Deine Zeit , Deine Sorge , ihr widmest Du Dich ganz , und Dein eignes Kind mußte ferne von Dir unter Fremden aufwachsen und gäbe gern Alles , was es besitzt , um einen einzigen Blick des Vaterauges ! “ — Leuthold konnte nicht weiter lesen . Wie ein Wurm zur Erde gekrümmt , brach er zusammen unter der Wucht der Anklagen , die dem schuldlosen Geschöpf unbewußt aus der Feder geflossen waren . Der Don ­ nerkeil eines Gottes hätte kein vernichtenderes Strafgericht über ihn verhängen können , als die süße , gläu ­ bige , engelreine Liebe seines Kindes ! Er war auf die Knie gesunken und küßte den Brief wieder und immer wieder . Seine Tränen flossen unaufhaltsam . „ Mein Kind , mein Kind ! “ schrie er laut auf , und brennende , verzehrende Sehn ­ sucht folterte ihn bis zum Wahnsinn . Bittere Reue überkam ihn in diesem Augenblick der Schwäche . Er hatte sein Gretchen , sein Bestes , — Teuerstes von sich verbannt . Warum ? Weil er es zu sehr liebte , um es in den Ideen zu erziehen , die er seiner Mün ­ del einprägte , weil er die Atmosphäre um Ernestine so mit falschen Lehren vergiftet hatte , daß er sein Kind sie nicht mit einatmen lassen wollte . Und wiederum , warum hatte er das getan ? Weil er Gretchen zu sehr liebte , um es arm und abhängig zu wissen , weil er ihm das Erbe zurückerobern wollte , das schon sein war , um das er so unverhofft gekommen , und weil es hiezu nur ein Mittel gab : die Besitzerin dieses Vermögens für die Welt unmög ­ lich zu machen , damit nichts ihre Person und ihr Eigentum seiner Gewalt entriß . Aber wenn er solch einen Brief bekam , aus dem die ganze Liebe , der ganze Schmerz des verbannten Mädchens über ihn hinströmte — da regte sich etwas in seiner Brust , das ihm die Frage aufdrängte , ob er seine Vaterliebe nicht besser betätigen konnte ? Ob er diesen Engel nicht entweihe , indem er ihn durch Verbrechen glücklich machen wolle ? Ob die Seligkeit , ein solches Kind zu erziehen , nicht alle Reichtümer der Welt aufgewogen hätte ? Und dann begann er zu rechnen und zu vergleichen , und es stimmte nie , die Jahre der Trennung von dieser Tochter waren nim ­ mer und mit nichts zu decken . Es waren seltene Stunden , wo er , wie der Sünder vor seinem Richter , vor dem Blicke seines Kindes im Geiste die Augen niederschlug , aber sie kosteten ihn jedesmal ein Stück Leben . Sein Scheitel war vollends kahl geworden , die Kraft seiner Seele gebrochen in den langen Jahren voll Zwang und Heuchelei , voll Verbrechen und Furcht vor Entdeckung , er hoffte nichts mehr für sich — nur für Gretchen . — Und wenn er sich dennoch verrech ­ net hätte ? Und wenn ein tückischer Zufall ihn noch im letzten Augenblick zum zweiten Mal um die Frucht dieser unermeßlichen Opfer brächte ? — Der Pfad der Sünde hatte ihn bisher von seiner Tochter getrennt , — konnte derselbe ihn ihr wieder zuführen ? Kalter Tau bedeckte seine schmale hohe Stirn , als er seiner Gewohnheit gemäß mit der zitternden Hand darüber hinfuhr . Er war einer der erbärm ­ lichsten , einer der Menschen , die nicht den Mut haben , ganz gut — oder ganz schlecht zu sein ! Der Nachtwind pfiff scharf durch das offene Fenster herein , das elende Geschöpf fing an zu frieren in seinem Angstschweiß . — Er erhob sich , hüllte sich in einen Schal , schloß das Fenster und trat zum Tische , wo der zweite Brief noch unerbrochen lag . Er zeigte die Schriftzüge des Werkmeisters der Unkenheimer Fabrik . Leuthold legte ihn hin — er hatte nicht den Mut , ihn zu lesen . „ Was wird er wieder zu berichten haben ? “ jammerte er völlig verzagt . Endlich ermannte er sich : „ Was sein muß — muß sein ! “ Er entfaltete das grobe Papier und las , während Leichenblässe sein Gesicht überzog : Unkenheim , den 22. Juli 18 .. Hochgeehrter Herr Prinzipal ! Sie hätten mir glauben sollen , daß es mit der Wasserleitung aus der elenden Quelle nichts war . Es sind nun bald zwanzig Jahre , daß Sie mich in der Fabrik anstellten , und ich habe Ihnen , denke ich , be ­ wiesen , daß ich meine Sachen verstehe . Es ist eben ein schlimmes Ding , so ein großes Unternehmen aus der Ferne zu leiten , das sagt ich Ihnen auch , als Sie die Sache wieder an sich brachten , aber Sie glau ­ ben mir ja nie . Wenn das Geschäft ruhig in seinem