näherte sie sich mit ihrer großen Person und ihren weiten Kleidern dem Fenster so sehr , daß ich mich genöthigt sah , mich so weit zurückzulehnen , daß ich mir fast das Rückgrat brach . Bei ihrer Lebhaftigkeit bemerkte sie mich anfangs nicht , als dies aber geschah , verzog sie ihre Lippe und ging zu dem andern Fenster . Die Postchaise hielt an , der Kutscher klingelte und ein Herr in Reisekleidern stieg aus ; aber es war nicht Herr Rochester , es war ein großer , vornehm aussehender Mann — ein Fremder . „ Entsetzlich ! Du widerwärtiger Affe ! “ rief Mis Ingram Adele anredend . „ Wer stellte Dich auf ' s Fenster , um falsche Nachrichten zu geben ? “ Und sie warf mir einen zornigen Blick zu , als ob ich die Schuld habe . Man hörte im Vorsaale reden , und bald darauf trat der Fremde ein . Er verneigte sich gegen Lady Ingram , da er sie für die älteste der gegenwärtigen Damen hielt . „ Es scheint , ich komme zu ungelegener Zeit , Madame , sagte er , da mein Freund , Herr Rochester , nicht zu Hause ist ; aber ich komme von einer sehr weiten Reise , und denke , bei meiner alten und vertrauten Bekanntschaft darf ich schon wagen , mich hier einzuführen , bis er zurückkehrt . Sein Benehmen war fein , sein Accent schien mir etwas ungewöhnlich , nicht ganz englisch , wenn auch nicht der eines Ausländers ; er mochte etwa mit Herrn Rochester in gleichem Alter sein — zwischen dreißig und vierzig . Seine Gesichtsfarbe war auffallend blaß : sonst war er , besonders auf den ersten Blick , ein schöner Mann . Bei näherer Beobachtung entdeckte man etwas in seinem Gesichte , was mißfiel , oder wenigstens nicht besonders angenehm war . Seine Züge waren regelmäßig , aber zu matt ; sein Auge war groß und wohlgebildet , aber das Leben , welches darin lag , war zahm und leer — wenigstens kam es mir so vor . Als zum Ankleiden geklingelt wurde , zerstreute sich die Gesellschaft , und ich sah ihn erst nach der Tafel wieder . Jetzt schien er ganz unbefangen zu sein , aber seine Physiognomie gefiel mir noch weniger als vorher , und sie schien mir zugleich unsicher und unbelebt . Sein Auge wanderte umher und hatte keine Bedeutung bei seinen Wanderungen : dies gab ihm einen seltsamen Ausdruck , wie ich nie gesehen zu haben mich erinnerte . Als ein schöner und nicht unliebenswürdiger Mann erschien er mir außerordentlich abstoßend : es war keine Kraft in jenem glatten Gesicht von ovaler Form ; keine Festigkeit in jener Adlernase und in jenem kleinen Kirschenmunde ; es lag kein Nachdenken auf der niedrigen ebenen Stirn ; kein Befehl in jenem leeren braunen Auge . Als ich in meinem gewöhnlichen Winkel saß und ihn bei dem Lichte der Kerzen auf dem Kam in ansah — denn er saß in einem Lehnsessel dicht am Feuer und rückte noch immer näher , als ob er Frost empfinde — verglich ich ihn mit Herrn Rochester . Ich bitte , den Vergleich zu entschuldigen , aber ich glaube , der Contrast könnte nicht größer sein zwischen einem glatten Gänserich und einem wilden Falken : zwischen einem sanften Schafe und dem rauhen Hunde mit lebhaften Augen , der es hütet . Er hatte von Herrn Rochester wie von einem alten Freunde gesprochen . Eine seltsame Freundschaft mußte die ihrige gewesen sein : ein auffallendes Beispiel von dem alten Sprichwort , daß die Gegensätze einander berühren . Zwei oder drei Herren saßen in seiner Nähe , und ich hörte von Zeit zu Zeit einzelne Sätze von ihrer Unterhaltung . Anfangs konnte ich nicht viel von dem verstehen , was ich hörte , denn ich wurde durch das Gespräch gestört , welches Louise Eshton und Maria Ingram mit einander führten . Diese sprachen von dem Fremden , Beide nannten ihn einen schönen Mann . Louise sagte , er sei ein liebenswürdiges Geschöpf und sie bete ihn an , und Maria bezeichnete seinen hübschen kleinen Mund und seine zierliche Nase als ihr Ideal des Reizenden . „ Und welch eine liebliche Stirn er hat ! “ rief Louise , „ so glatt und ohne jene düstern Unregelmäßigkeiten , die mir so sehr mißfallen — und dieses milde Auge und dieses Lächeln . “ Zu meiner großen Beruhigung rief Herr Heinrich Lynn sie jetzt zu der andern Seite des Zimmers , um etwas wegen des aufgeschobenen Ausfluges nach der Wiese bei Hay zu verabreden . Ich war jetzt im Stande , meine Aufmerksamkeit auf die Gruppe am Kamin zu richten , und vernahm sogleich , daß der Fremde Mason heiße , erst eben in England angelangt sei und aus einem heißen Himmelsstriche komme . Dies war ohne Zweifel der Grund , daß sein Gesicht so blaß war , daß er so nahe am Feuer saß und im Hause einen Oberrock trug . Gleich darauf zeigten die Worte : Jamaika , Kingston und Spanish Town , daß er sich in Westindien aufgehalten ; und mit nicht geringer Ueberraschung erfuhr ich bald , daß er Herrn Rochester dort zuerst gesehen und mit ihm bekannt geworden . Er sprach von dem Widerwillen seines Freundes gegen die glühende Hitze , die Orkane und die Regenzeit in jener Region . Ich wußte , daß Herr Rochester weit gereist war : Mistreß Fairfax hatte es gesagt ; aber ich glaubte , seine Wanderungen hätten sich auf das Festland von Europa beschränkt , und bis jetzt hatte ich nie eine Anspielung vernommen , daß er noch entferntere Küsten besucht . Ich dachte über diese Dinge nach , als ein etwas unerwarteter Umstand meinen Gedankengang unterbrach . Wenn Jemand die Thür öffnete , so zitterte Herr Mason vor Kälte und bat , noch mehr Kohlen auf das Feuer zu legen , welche ausgebrannt war , obgleich die Kohlenglut noch heiß und roth schimmerte . Der Bediente