nicht dürfen . Wer das nicht faßt , mit dem hab ich nichts gemein . « Ihr graute vor der Vermessenheit seiner Worte , doch regte sich in ihr etwas wie Jubel und Stolz , und die Lust regte sich , für ihn zu sein , mit ihm zu sein . Bäumte er sich auf wider die Gewalt , die ihn vernichten mußte , so tat er es doch um ihretwillen , und so glaubte sie nicht das Recht zu haben , sich ihm zu entziehen . Was sie wunderlich beruhigte , zugleich schlaff machte und hinriß , war die Glut und die Unbeirrbarkeit seines Willens und seines Gefühls . Aber da begegneten sich ihre Blicke , und im Auge eines jeden war der Name Gertrud zu lesen . Gertrud stand ja lebendig zwischen ihnen ; alles , was sie gesprochen hatten , war von Gertrud ausgegangen , ging zu Gertrud zurück . Daß Daniel an die Lösung seiner Ehe nicht dachte , nicht denken konnte , das wußte Lenore . Ein Kind sollte kommen ; wie war es möglich , die Mutter zu verstoßen ? Wie war es möglich , bei der Dürftigkeit der Umstände , Mutter und Kind dem Elend preiszugeben ? Hierzu war Daniel nicht fähig , das wußte Lenore . Doch wußte sie auch , sie kannte ihre Schwester gut genug , um dies zu wissen , daß eine Trennung von Daniel so viel hieß , wie Gertrud töten . Sie wußte ferner , daß Daniel sich in seiner Ehe für unverbrüchlich gebunden hielt , nicht nur wegen seiner Kenntnis von Gertruds Charakter , sondern auch , weil in seiner Ehe mit Gertrud etwas enthalten war , unabhängig von Leidenschaften , Einsichten und Entschlüssen , etwas , das sogar im Haß noch fesselt und in der Verzweiflung kittet . Dies alles wußte sie . Und sie wußte , daß Daniel es wußte . Und wenn sie nun die einzig mögliche Folgerung aus seinen Worten und aus seiner Seelenverfassung zog , so wußte sie auch , was er von ihr verlangte . Er verlangte von ihr , daß sie sich opfern solle . Darüber gab es keinen Zweifel mehr . Wie aber opfern ? In Heimlichkeit ? Konnte daraus ein Glück erwachsen ? Mit Gertruds Einverständnis ? Konnte Gertrud dies ertragen , selbst wenn sie großmütig war wie eine Heilige ? Wo gab es da einen Weg ? Wo drohte nicht Verwirrung , Angst und Untergang ? Sie beugte das Gesicht nieder und bedeckte es mit den Händen . Lange saß sie so . Über die Dächer draußen senkte sich die Dämmerung . Plötzlich richtete sie sich auf , streckte ihm die Hand hinüber , lächelte mit Tränen in den Augen und sagte mit einem letzten Versuch , dem Ungeheuren zu entgehen , mit einer wunschdurchflammten Eindringlichkeit und einer ergreifenden Schelmerei in der Stimme : » Brüderlein ... « Er schüttelte traurig den Kopf , nahm aber ihre Hand und hielt sie zart zwischen seinen beiden . Da verdunkelte sich ihr Gesicht wie eine Landschaft beim Anbruch der Nacht . Ihr abgewandter Blick sah die Bäume eines großen Gartens , sah ein häßliches , krankes Weib unter einer Hecke und sah zwei kleine Mädchen , die sich fürchteten und zukunftsbang in die untergehende Sonne schauten . Ein Geräusch ließ sie und Daniel zusammenfahren . Auf der Schwelle stand Philippine Schimmelweis . Ihre Augen glitzerten wie die Haut eines Reptils , das aus dem Sumpf emportaucht . Daniel ging in seine Wohnung hinunter . 10 Seit neun Jahren war der Rokokosaal im Auffenbergschen Haus festlichen Veranstaltungen jeder Art verschlossen gewesen . Es hatte eines langwierigen Briefwechsels zwischen dem Sekretär des in Rom weilenden Freiherrn und dem Sekretär der Freifrau bedurft , um die Erlaubnis zur Benützung des Saales von jenem zu erlangen . Die Entrüstung über das Nothafftsche Werk war allgemein . Die Leute aus der Gesellschaft wußten sich nicht zu fassen , und die als Liebhaber und auf Empfehlung Geladenen waren gleichfalls wenig erbaut . Das Hauptvergnügen hatte darin bestanden , den Komponisten dirigieren zu sehen . Der Anblick des zappelnden , hopsenden Gesellen hatte den Konsistorialrat Zöllner vor Lachlust beinahe zum Bersten gebracht . Der alte Graf Schlemm-Nottheim , der nicht nur eine Vorliebe für pornographische Literatur besaß , sondern auch jeden Nachmittag einen Viertelliter von Doktor Rosas Lebensbalsam trank , erklärte , das Unisono sämtlicher Schaubudeninstrumente auf dem Jahrmarkt sei eine musikalische Offenbarung gegen solche Katzenmusik ; der Oberlandesgerichtsrat Braun sprach unverhohlen von einer Verschwörung wider den guten Geschmack . Dies wurde in den Ecken ausgemacht . Um die Freifrau nicht zu beleidigen , spendeten alle ziemlich lebhaft Beifall . Dann vereinigten sich Zuhörer und Mitwirkende an einer riesigen Hufeisentafel zum Diner . Graf Schlemm-Nottheim war der Tischherr der Freifrau und erkundigte sich bei ihr nach den verschiedenen Persönlichkeiten der Kunstwelt . Er fragte , wer die interessant schwermütige Dame neben dem Major Bellmann sei ? Es sei die Frau des Komponisten . Die Frau ? gar nicht übel , diese Frau ; damit ließe sich leben , in der Tat . Und wer sei die dort , zwischen dem alten Herold und dem Franzosen ? ein entzückendes Geschöpfchen ; die habe ja Augen wie das ligurische Meer und Händchen wie eine Prinzessin . Das sei die Schwester der Frau . Die Schwester ? ei , der Kuckuck , eine prächtige Familie , der Unterstützung nicht unwürdig . Es wurden Trinksprüche ausgebracht . Der Fabrikant Ehrenreich ließ den Schöpfer der » Harzreise « leben ; der Graf die anwesenden Frauen . Peinliches Aufsehen erregte Herr Carovius . Er saß bei den Herren vom Gesangverein » Liedertafel « , die im Chor mitgesungen hatten , und sie schämten sich seiner . Denn er benahm sich ungeziemend . Es war ihm gelungen , einen Handschuh , den Lenore verloren hatte , unbemerkt aufzuheben und in seine Tasche zu stecken . Vielleicht war er deshalb von so geräuschvoller Lustigkeit . Er warf dem Fräulein Varini eine Krachmandel zu