Wunsch , und heute abend bin ich in der Versammlung . Ich weiß es nicht , ob ich das Recht habe , Sie um etwas zu bitten . Hätte ich es , ich bäte Sie , mit aller Wärme und aller Kraft , deren mein Herz fähig ist : sprechen Sie nicht laut mit in der Oeffentlichkeit von diesen Dingen , die das Plakat nennt . Vielleicht sagen Sie wieder : Vorurteile ! Ja , und wenn ? ! Es gibt Vorurteile , in denen sich die Sorge um Erhabenes verbirgt . Ihr A. v. H. « Den ganzen Tag hatte er gewartet : vielleicht kommt ein Wort , ein Zeichen - Liebe , die trösten und beruhigen will , findet Worte und Zeichen . Aber es war alles stumm geblieben - ein Tag war es gewesen wie alle : er rann ab im hastigen Treiben der Geschäfte . Und nun saß er hier - mit trockenem Munde - vor Spannung wie gelähmt . Es war , als sei sein ganzes Wesen gebunden und erst der Ablauf der nächsten Stunde könne es wieder lösen . Wenn sie seiner Bitte willfahrte ! Was sagte sie ihm damit alles . Heißes Glücksgefühl wallte in ihm auf , wenn er sich das vorstellte . Oh , das sagte ihm : Ich will dein sein , und eine Gemeinsamkeit mit dir soll mir fortan die größten Aufgaben bringen - die nächsten - die heiligsten . Nun würde er es bald wissen , ob ihre Zartheit , ihr Geschmack , ihr keusches Empfinden , ihre Mädchenscheu vor ihm , gerade vor ihm , der sie liebte , ob dies alles stärker war als ihr kämpferischer Fanatismus . Wenn es wäre - wenn es wäre ! Auf dem Podium in der Mitte vorn an der Rampe stand ein Rednerpult . Rechts und links davon schmale , grün verhangene Tische . Hinter jedem drei Stühle . Für die Schriftführer , Stenographinnen , Vorstandsdamen , vermutete Allert und war nur gespannt , ob dort auch die Senatorin Amster Platz nehmen werde . Aber nein . Da kam sie aus der Tür , die unten , neben dem Podium , aus den Zimmern der Vortragenden in den Saal führte . Rasch und herrisch schritt sie an der ersten Stuhlreihe entlang und nahm auf dem Stuhl an der Ecke des Mittelganges Platz . Da saß sie nun mit erhitztem Gesicht , in imperatorischer Haltung und versuchte ihre Nerven zu beruhigen . Sie hatte hinter den Kulissen mit der erst vor einer Stunde in Hamburg eingetroffenen Doktor Marya Möller einen Punkt der Uebereinkunft gesucht und nicht gefunden ! Sie sagte : » Es ist klüger , gerade für meinen Verein , maßvoll , ästhetisch in der Form und vorbereitend aufzutreten . « Doktor Marya Möller sagte : » Ich bin es unserer Sache schuldig , energisch , wahrhaftig und rücksichtslos zu sprechen , und was im Reichstage gerade über mancherlei Hamburger Einrichtungen gesagt wurde , werde ich ja wohl auch noch vorbringen dürfen . « Die Senatorin , durchaus gewohnt , als Befehlshaberin fast in jeder Lage und besonders in den ihren Verein angehenden Dingen aufzutreten , und von dem naiven Anspruch getragen , daß vor ihrer Ansicht Widerspruch zu verstummen habe , fühlte sich sehr gereizt . Schließlich hatte doch der Verein diese Vorträge finanziell unterstützt ! Und wenn dies Bewußtsein auch nur Nebenempfindung war : sie spielte mit . Am meisten aber : die Senatorin hatte sich zum Gesetz gemacht , den modernen Bestrebungen mit so viel gutem Geschmack als möglich zu dienen . Und diese Marya Möller sah nicht nach » gutem Geschmack « aus . Die Senatorin dachte still entsetzt : die hat ja was Anarchistisches ; obschon ihr die Sachkenntnis fehlte und sie noch nie einen lebendigen Anarchisten gesehen hatte ... Wenn sie auf dem Podium so losdonnerte wie im Künstlerzimmer ? Welcher Stoff für die Presse ! Das konnte doch fatal werden ! Wenn ihr Mann davon läse ! Wenn man ihn darauf anspräche ! Wenn er sagte , es sei von ihr taktlos gewesen , sich Schulter an Schulter mit Doktor Marya Möller in der Oeffentlichkeit zu zeigen ! Der Vorwurf der Taktlosigkeit aus dem Mund ihres Mannes ! Der bloße Gedanke machte sie nervös . Allert konnte ja nicht ahnen , was in ihr vorging . Er saß mit seiner Mutter in der dritten Reihe . Und er konnte schräg vor ihm das Gesicht der stolzen , klugen Frau im Profil sehen - es war heiß und rot - ein erstaunlicher Anblick . Nun öffnete sich droben die Tür , die aus dem » Künstlerzimmer « auf das Podium führte . Allerts Herz klopfte so , daß er in seinem Kopf ein Rauschen verspürte - Sturm schien ihn zu umbrausen . Drei weibliche Gestalten kamen zuerst - unscheinbare , sachliche Wesen . Sie setzten sich links vom Rednerpult und legten sich ihre Schreibstifte zurecht . Und dann drei andere Gestalten : die Vizepräsidentin , die Kassenführerin und die Schriftführerin des Vereins . Allert kannte sie alle drei - in ganz einfache , dunkle Kleider hatten sie sich gehüllt - er erriet auch , weshalb die Vizepräsidentin , die alte Frau Ramsburg mit ihrem milden Großmuttergesicht , ihrer Nichte Amster den Vorsitz für heute abgenommen und sich aufgeladen hatte . Wer war Frau Ramsburg ? Eine gutmütige , außerhalb ihres Familienkreises gänzlich unbekannte und neutrale Persönlichkeit . Der Sitzredakteur , dachte Allert in einem flüchtigen Blitz seines Humors . Er erkannte auch die Schriftführerin - eine Stellung , die die schöne Frau Julia ein paar Wochen bekleidet gehabt . Nun war es das älteste , beinahe vierzigjährige Fräulein Vierbrinck , eine Großcousine Dorys . Sie trug auch einen Kneifer und hatte auch Grübchen , aber kupferige Wangen und einen scharfen , eifervollen Blick hinter den Gläsern . Neben ihrem dunklen , glatt gescheitelten Haar sah man das blonde Haupt . Duftig und schön geordnet lag das Haar um Stirn und Schläfen - das edle