mit den Forderungen der Entbehrung und der Beschränkung nicht abfinden . Wenn sie sich auch , da sie ihre Lage ja genau überblickte , so weit einschränkte , als sie nur irgend konnte , so blieben doch eine Menge Bedürfnisse , denen sie , wie sie glaubte , überhaupt nicht ausweichen konnte , so zum Beispiel ihr ständiger Verbrauch an Toiletteartikeln , welcher regelmäßige Einkäufe in der Drogerie mit sich brachte . Auch konnte sie doch nicht anders , - wenn sie sich so elend fühlte , daß sie nicht mehr weiter konnte , - als eine Droschke heranrufen , oder ab und zu in ein Café gehen . Das » deutsche Essen « hatte sie anfangs , mit Ausrufen des Widerwillens , als minderwertig , geschmack- und reizlos abgelehnt . Sie behauptete , hier zum Hungern verurteilt zu sein . Nach und nach aber lernte sie die großen Restaurants kennen , die » Freßtempel « , wie sie sie nannte . Sie sah da , zu ihrem Staunen , eine Auswahl an Gerichten geboten , von der man in einem Wiener Restaurant keine Ahnung hatte . Sie wunderte sich über die kleinen Preise , mit denen diese Gerichte angeboten waren . Es wurde für sie eine Art von heimlichem Vergnügen , die Mahlzeiten , die sie ursprünglich bei ihrer Zimmerwirtin abonnieren wollte , in jenen Restaurants zu nehmen . Wenn sie durch das Vestibül eines solchen » Tempels « rauschte , kam das Behagen der früheren Wohllebigkeit über sie . Sie bestellte auserlesene , feine , kleine Gerichte , - es war ja alles so billig ! Dann staunte sie , wenn die Rechnung immerhin sechs bis sieben Mark betrug . Mit ihrer Suche nach einer Existenz hatte sie bis jetzt noch keinen Erfolg gehabt . Der Frühling sollte bald kommen . Edda war gewohnt , ihn im Süden zu erwarten . Sie war schon als Mädchen mit ihrer Mutter regelmäßig gereist . Sie hatte Italien , Dalmatien , die französische und die österreichische Riviera kennen gelernt . Ja einmal hatte sie eine Seereise gemacht , die sie bis nach Konstantinopel führte und hatte da mit den türkischen Frauen zusammen gebadet . Sie hatte erfahren , daß nichts ihrem geschwächten Körper so wohl tat , wie das Klima dieser südlichen Striche und vor allem die milden Bäder jener Meere . Und während sie jetzt den Vorfrühling in Berlin verbringen mußte , in der Hetzjagd nach Arbeit , im Gedränge der Armut , dachte sie , mit fast krankhafter Sehnsucht , an die flimmernde Luft von Fiesole und Capri , an die linden Wellen im Bosporus und im Seebad von Rimini . - - - Und trotzdem sie nicht die geringste Möglichkeit hatte , zu reisen , ließ sie sich von vielen Pensionen und Badeorten des Südens , die nun täglich in den großen Tagesblättern ihre Annoncen erscheinen ließen , Prospekte kommen . Gierig las sie diese verlockenden Schilderungen und stapelte alle diese Drucksachen sorgfältig auf , als dächte sie , sie vielleicht doch noch gebrauchen zu können . Sie klagte Olga und Stanislaus ihr Leid , und die beiden seufzten darüber . Aber was sollten sie ihr raten ? Olga versuchte , wenigstens ihre Antipathie gegen Berlin zu verscheuchen , indem sie sich Mühe gab , sie Berlin verstehen zu lehren . Sie führte sie in die Umgebung hinaus , an die Seen , in die frühlingshaften Wälder . Sie besuchte mit ihr Versammlungen und Veranstaltungen , in denen um neue Kulturforderungen leidenschaftlich gerungen wurde . Sie machte sie , an einem Abend in der Dämmerung , auf den einzigen Stimmungszauber aufmerksam , der über einem der stärksten Verkehrspunkte der Stadt lag : sie zeigte ihr den Potsdamer und Leipziger Platz zur Zeit , da die ersten Lichter entzündet wurden , mit seinen in weiter Runde aufgebauten Palästen , - wies sie hin , auf jene kolossalen , mit Ornamenten stilisierten Pfeilerfassaden des Domes einer modernen Gottheit , den Messel dahin gestellt hatte , - sie deutete hinüber auf das massige Gebäude des Potsdamer Bahnhofes mit seiner Flankierung der Vorort- , Ring- und Wannseebahn , ließ sie die lange Kette von Gartenorten ahnen , die sich von hier aus nach Südwesten zogen und dem Großberliner ermöglichten , draußen im Freien und doch auf der Höhe der Wohnungskultur sein Heim zu besitzen . Sie zeigte ihr das vergessene Stück Romantik , das da , mitten im Getöse des Potsdamer Platzes , lag , jene Mauern , hinter denen der flüchtige Passant sicherlich nicht das vermutete , was sie bargen , - den alten Dreifaltigkeitskirchhof , dieses verschonte Kirchengelände , das sich gegen profane Bebauung noch siegreich gewehrt hatte . In Edda aber drangen diese Reize nicht ein . Nur in einem Punkte interessierte sie Berlin : als Hochburg der Frauenbewegung . Ihre Bewunderung hatten jene Frauen , die um Unabhängigkeit kämpften . Und dieser Kampf erregte ihr zugleich auch Schauer . Arbeiten , - das wollten diese alle . Sie begriff die Motive vollkommen . War man stark genug für den Kampf da draußen , - dann freilich brauchte man nicht irgendeinem Daniel Horatio gefällig zu sein ... Aber mit der großen Ehrlichkeit ihrer Natur gestand sie sich , daß es für sie nur einen Beruf gab : eben den , - gefällig zu sein , den Glanz ihrer Reize verschwenderisch leuchten zu lassen , und dafür entgegenzunehmen , was sie so reichlich an irdischen Gütern brauchte . Erst Berlin hatte ihr die Augen geöffnet , was es für sie bedeutete , von der Teilnahme am Getümmel der Straße befreit zu sein . Immer würde es Frauen geben , - so sagte sie sich , wenn sie , nachdenklich , von einer Versammlung jener anders Gearteten nachhause kam , - immer würde es Frauen geben , wie sie , beladen mit allen Schwächen und gerüstet mit allen Reizen des Geschlechtes , weder fähig noch geeignet , in robuster Arbeit verbraucht zu werden , sondern dazu da , - pour faire