so spät . « » Gewiß nicht , Sie sind sehr pünktlich . Ist es Ihnen recht , so machen wir noch einen kleinen Spaziergang . « » Gern . « Sie spazierten weiter , vorbei an dem gelben Gasthof mit den roten Terrassen , in den Wald . » Hier ist ' s ja wundervoll « , sagte Heinrich . » Und auch Ihre Villa sieht ganz nett aus . Warum wohnen Sie eigentlich nicht heraußen ? « » Ja , es ist ein Unsinn « , gab Georg zu , ohne weitere Erklärungen . Dann schwiegen sie eine Weile . Heinrich war in hellgrauem Sommeranzug und trug auf dem Arm seinen Mantel , den er ein wenig nachschleppen ließ . » Haben Sie sie wiedererkannt ? « fragte er plötzlich , ohne aufzusehen . » Ja « , erwiderte Georg . » Sie ist nur auf einen Tag hergefahren , aus ihrem Sommerengagement . Heute Nacht reist sie wieder zurück . Ein Handstreich sozusagen . Aber mißlungen . « Er lachte . » Warum sind Sie so hart ? « fragte Georg und dachte an das Riesenkuvert mit den grauen Siegeln und der albernen Aufschrift . » Sie habens eigentlich nicht nötig . Es ist ja doch nur ein Zufall , daß sie nicht auch anonyme Briefe bekommen hat , geradeso wie Sie , Heinrich . Und wer weiß , wenn Sie sie nicht allein gelassen hätten , aus weiß Gott was für Gründen ... « Heinrich schüttelte den Kopf und sah Georg beinahe mitleidig an . » Meinen Sie vielleicht , ich habe die Absicht zu strafen oder zu rächen ? Oder glauben Sie , ich gehöre zu den Tröpfen , die an der Welt irrewerden , weil ihnen etwas passiert ist , wovon sie doch wissen , daß es schon Tausenden passiert ist vor ihnen und Tausenden nach ihnen passieren wird ? Meinen Sie , ich verachte die » Ungetreue « , oder ich hasse sie ? Fällt mir gar nicht ein . Womit ich nicht sagen will , daß ich nicht zuweilen die Gebärde des Hasses und der Verachtung habe , natürlich nur , um bessere Wirkungen zu erzielen ihr gegenüber . Aber in Wahrheit versteh ich ja alles , was geschehen ist , viel zu gut , als daß ich ... « Er zuckte die Achseln . » Nun , wenn Sie es verstehen » Aber lieber Freund , das Verstehen hilft ja gar nichts . Das Verstehen ist ein Sport wie ein anderer . Ein sehr vornehmer Sport und ein sehr kostspieliger . Man kann seine ganze Seele darauf verschwenden und als ein armer Teufel dastehen . Aber mit unsern Gefühlen hat das Verstehen nicht das allergeringste zu tun beinahe so wenig wie mit unsern Handlungen . Es schützt uns nicht vor Leid , nicht vor Ekel , nicht vor Vernichtung . Es führt gar nirgends hin . Es ist eine Sackgasse gewissermaßen . Das Verstehen bedeutet immer ein Ende . « Auf einem Seitenpfad in mäßiger Steigung , schweigend und langsam , jeder mit seinen eigenen Gedanken , so kamen sie aus der Waldung auf offenes Wiesenland , das den Blick talwärts freigab . Sie blickten über die Stadt hin , und weiter gegen die dunstatmende Ebene , durch die schimmernd der Fluß rann ; zu fernen Berglinien , vor denen dünner Rauch sich hinbreitete . Dann , im Frieden der Abendsonne spazierten sie weiter zu Georgs Lieblingsbank am Waldesrande . Die Sonne war fort . Georg sah jenseits des Tales , längs des waldigen Hügels den Sommerhaidenweg ziehen , blaß und wie ausgekühlt . Dann schaute er hinab , wußte , daß in dem Garten zu seinen Füßen ein Birnbaum stand , unter dem er vor wenig Stunden mit einer sehr Geliebten gesessen war , die sein Kind unter dem Herzen trug , und war bewegt . Für die Frauen , die vielleicht anderswo seiner warteten , spürte er eine leise Verachtung , doch war seine Sehnsucht nach ihnen darum nicht ausgelöscht . Unten auf dem Pfad zwischen Gärten und Wiesen wandelten Sommergäste . Ein junges Mädchen blickte herauf , flüsterte einer andern etwas zu . » Sie sind wohl eine populäre Persönlichkeit hier in dem Ort « , bemerkte Heinrich mit spöttisch verzogenen Mundwinkeln . » Nicht daß ich wüßte . « » Die hübschen Mädchen haben Sie sehr interessiert angeguckt . Das Nichtverheiratetsein der andern bleibt für die Leute doch eine unerschöpfliche Quelle von Anregungen . Diesem Sommervolk da unten bedeuten Sie jedenfalls so eine Art von Don Juan und ... und Ihre Freundin ein ent- und verführtes Mädchen . Glauben Sie nicht ? « » Ich weiß nicht « , sagte Georg , das Gespräch ablehnend . » Und was mag ich « , fuhr Heinrich unbekümmert fort , » für das Theatervolk in der kleinen Stadt vorgestellt haben ? Offenbar den betrogenen Liebhaber , also eine ausschließlich lächerliche Figur . Und sie ? Na , man kann sichs ja denken . Riesig einfach liegen die Dinge für die Unbeteiligten . In der Nähe schaut dann jede Geschichte doch ganz anders aus . Aber ob sie aus der Ferne nicht das richtigere Gesicht hat ? Ob man sich nicht allerlei einredet , wenn man selber eine Rolle in der Komödie zu spielen hat ? « Er hätte auch daheim bleiben können , dachte Georg . Da er ihn aber nicht nach Hause schicken konnte , und um wenigstens zu einem andern Gespräch mit ihm zu gelangen , fragte er rasch : » Hören Sie nichts von Ehrenbergs ? « » Vor ein paar Tagen « , erwiderte Heinrich , » hatte ich von Fräulein Else einen etwas melancholischen Brief . « » Sie stehen in Korrespondenz mit ihr ? « » Nein , ich stehe nicht in Korrespondenz mit ihr , wenigstens habe ich ihr noch nicht geantwortet . « » Sie hat sich die Sache mit Oskar doch mehr zu Herzen genommen « , sagte Georg ,